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Der Münchner Salih Güler beklagt fehlendes Verständnis für die Bestattungskultur der Muslime

Wenn die letzte Ruhe zum Problem wird

München
erstellt am 12.03.2018 um 20:22 Uhr
aktualisiert am 28.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
München (DK) Eingewickelt in ein Leinentuch, das Gesicht Richtung Mekka: So beerdigen Muslime ihre Toten. In Bayern ist das ein Problem, denn hier herrscht Sargpflicht - ein Gesetz, das islamische Bestatter immer wieder vor eine große Herausforderung stellt.
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Salih Güler hat es mittlerweile aufgegeben, sich über die "Obrigkeiten" in Bayern aufzuregen. "Da entscheiden Personen, die keine Ahnung von der Materie haben, über unsere Köpfe hinweg", sagt er. "Die wissen gar nicht, welch' eine Last es ist, unseren Trauernden diese Regelung der Sargpflicht zu erklären." Denn nach islamischem Ritus werden Verstorbene nur in einem Leinentuch eingewickelt beerdigt. Dabei wird der Leichnam so gedreht, dass die rechte Seite des Körpers nach Mekka ausgerichtet ist - mit einem Sarg ist das nur schwer möglich.

"Mittlerweile sind wir da erfinderisch geworden, was bedeutet, dass wir den Sarg ein wenig drehen oder den Leichnam darin", sagt Güler, der seit 2010 ein islamisches Bestattungsunternehmen in München führt. Rund 200 Verstorbene beerdigt er pro Jahr in ganz Bayern, Tendenz steigend. "Manchmal bekomme ich so viele Aufträge auf einmal, dass ich mich am liebsten vierteilen würde." Aufgrund der großen Nachfrage werde auch die Kapazität auf den Friedhöfen allmählich knapp.

Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums gibt es in zahlreichen Gemeinden muslimische Grabfelder auf den Friedhöfen. Allerdings werde keine Statistik zur genauen Anzahl der Gräber sowie der Bestattungen in den vergangenen Jahren geführt. Auch die städtischen Friedhöfe in München erheben dazu laut Referat für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt keine Daten. Dennoch habe es zum Stichtag 23. Mai 2017 genau 1640 Familiengrabstätten, 234 Kinder- sowie 56 Fötengräber auf dem Wald- und dem Westfriedhof sowie dem Neuen Südfriedhof gegeben.

In etwa der Hälfte aller Fälle wollen die muslimischen Bürger im Freistaat beerdigt werden, der Rest entscheide sich für eine Überführung in die Heimat, so Güler. "Viele Muslime sehen mittlerweile ihr Zuhause in Bayern, sind aus krisengebeutelten Ländern wie Syrien, dem Irak oder Afghanistan vor Jahren hierhergekommen." Oft fehle auch der Bezug zur Heimat, weil die Menschen dort keine Angehörigen mehr hätten.

Bürger mit türkischen Wurzeln ließen ihre Toten überwiegend überführen. "Die ältere Generation hat vor Jahren in eine Art Sterbegeldkasse eingezahlt, die die gesamten Kosten in einem Todesfall übernimmt", erklärt der Bestatter. Generell sei immer entscheidend, wie die Menschen in Bayern aufgenommen wurden. "Viele haben sich nicht zu Hause gefühlt, konnten aber aus verschiedenen Gründen nicht zurück und haben dann gesagt: Wenn ich schon nicht lebendig zurückkehre, dann wenigstens mein Leichnam." Dennoch nimmt die Zahl derer, die in Bayern beerdigt werden wollen, laut Güler zu. Warum der Freistaat aber dennoch so vehement an der Sargpflicht festhält, ist für den 39-Jährigen noch immer ein Rätsel. "In anderen Bundesländern klappt es ja auch." Doch der Freistaat bleibt hartnäckig.

"In Bayern gibt es eine gewachsene Bestattungskultur - und dazu gehört die christliche Tradition einer Sargpflicht", sagt Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Und diese Tradition soll auch künftig erhalten werden. Die Staatsregierung sei dennoch dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach individuellen Bestattungsformen nachgekommen. "Angehörige des muslimischen Glaubens können ihren islamischen Bestattungsriten bereits heute im Freistaat in angemessenem Rahmen nachgehen", sagt Huml. So seien ein zusätzliches Leichentuch wie auch Ausnahmen der Bestattungsfrist in begründeten Fällen möglich. In Bayern ist die Ruhezeit auf eine bestimmte Zeit begrenzt, im Islam hingegen gilt die ewige Ruhe.

Zwar ist laut Güler bereits viel erreicht worden, etwa die Einrichtung von rituellen Waschräumen auf den Friedhöfen sowie die Erweiterung der ausgewiesenen Grabfelder. Für den 39-Jährigen reicht das aber nicht: "Es wird immer von Religionsfreiheit gesprochen, aber die existiert für mich nur auf dem Papier." Bayern sei auch ein Bundesland, in dem die Muslime in wirtschaftlicher Hinsicht sehr präsent seien, man denke nur an die Geschäfte und Abkommen mit der Türkei. Für den Bestatter gibt es nur einen Grund, warum Bayern so vehement an der Sargpflicht festhält: Geld. "Würde das Gesetz aufgehoben, dürfte es auch bei der Feuerbestattung keine Särge mehr geben - und das bringt natürlich weniger Geld in die Kasse."

Ein weiteres Problem sei die Zeit. Nach islamischen Vorschriften müsse der Leichnam binnen 24 Stunden beerdigt werden. "Da bekommen wir Probleme mit den Öffnungszeiten des Friedhofs, denn wir können nicht rein und die Gräber selbstständig öffnen", erklärt der 39-Jährige. Besonders an den Wochenenden bestehe keine Möglichkeit einer Bestattung, da Beerdigungen in Deutschland nur unter der Woche stattfinden. "Aber der Tod kennt kein Wochenende."

Auch bei der Überführung des Leichnams gebe es Probleme, an Wochenenden oder Feiertagen die nötigen Papiere der Ämter zu bekommen. "Manche Großstädte wie München haben dafür einen Notdienst eingerichtet, bei kleineren Gemeinden wird es da schon schwieriger." Gülers größter Wunsch ist es, dass Bayern endlich von der Sargpflicht absieht, denn eine Bestattung, egal in welcher Religion, soll ohne Ärger ablaufen, "schließlich geht es hier um die letzte Ruhe eines Menschen."

Von Katrin Kretzmann
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