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"Lachen ist lebensnotwendig"

München
erstellt am 30.04.2015 um 21:06 Uhr
aktualisiert am 30.04.2015 um 21:13 Uhr | x gelesen
München (DK) „Hoho-Hahaha!“ Schon von Weitem kann man es hören. „Hoho-Hahaha!“ Das rhythmische Gelächter wiederholt sich, drängt sich auf und prägt sich ein. Rund 70 Erwachsene stehen in einem großen Kreis, klatschen in die Hände, wackeln mit den Armen, gehen in die Knie und verfallen immer wieder in ein künstlich anmutendes Lachen. „Hoho-Hahaha!“ Ein paar murmeln die Silben wie eine mystische Formel, andere schreien sie laut heraus und schwitzen dabei in der warmen Sonne.
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München: "Lachen ist lebensnotwendig"
Gemeinsames Gelächter: Cornelia Leisch (vorne) mit Teilnehmern ihrer Lachyoga-Stunde in einem Münchner Park.
München

Es sind vorwiegend ältere Menschen, die in den Münchner Westpark zum „Lachtreff“ gekommen sind. Jeden Sonntag um elf Uhr gibt Cornelia Leisch hier beim Rosengarten eine kostenlose Lachyoga-Stunde. „Ich mache das nicht zum Spaß, sondern weil Lachen lebensnotwendig ist“, sagt Leisch, die seit zehn Jahren den Lachclub München 05 leitet. Sie beruft sich dabei auf eigene Erfahrungen: „Ich habe Lachyoga für mich entdeckt, als ich eine schwere Lebenskrise durchgemacht habe.“ Nach zwölf Jahren in der Karibik kam sie damals nach Deutschland zurück und musste sich als alleinerziehende Mutter eine neue Existenz aufbauen. „Ich wusste nicht mehr, wie’s weitergehen soll“, sagt Leisch. Das Lachtraining, mit dem sie dann anfing, „war wie eine Offenbarung für mich“. Heute ist sie Vorsitzende des „Europäischen Berufsverbands für Lachyoga und Humortraining“.

Große, kleine, dicke, dünne Leute: Auf der weitläufigen grünen Wiese hat sich ein bunter Haufen von Menschen versammelt. Man steht locker nebeneinander und tauscht Blicke aus, es wird viel gelächelt oder gegrinst. Ein Mann mit schräg aufgesetztem Baseballkäppi erzählt, dass er jeden Sonntag aus Augsburg anreist: „Lachyoga hilft mir, gegen meine depressiven Verstimmungen anzukommen.“ Andere Teilnehmer sind neu, etwa ein älteres Ehepaar aus Vilshofen: „Wir haben erlebt, dass man sich bei Lachyoga total entspannen kann“, erzählt Anita Fischl. Sie freut sich, dass ihr Mann mitmacht: „Oft drücken sich die Männer ja vor solchen Dingen.“

Die Neuankömmlinge dürfen sich zu Beginn in die Mitte stellen und bekommen Applaus. „Es kostet Überwindung, zum ersten Mal zum Lachtreff zu kommen“, sagt Cornelia Leisch. „Das sollte man auch anerkennen.“ Ihr ist klar, dass die Übungen manchmal ziemlich lächerlich wirken. In der Tat lässt das Publikum nicht lange auf sich warten: Eine Frau bleibt mit ihrem Kind vor der Gruppe stehen und amüsiert sich wie vor einem Käfig wilder Affen. Andere finden das Ganze nur doof. „So was Bescheuertes“, hört man von ein paar Nordic-Walkerinnen, die schnell ihrer Wege ziehen.

Dabei ist Lachyoga gar nicht mehr so exotisch. Weltweit gibt es bereits um die 6000 Lachclubs, in denen sich Menschen treffen, um laut, aber meist grundlos, miteinander zu lachen. Bekannt wurde Lachyoga durch den indischen Arzt Madan Kataria, der 1995 in Bombay den ersten Lachclub gründete. Seine Idee war es, Yoga und Lachübungen miteinander zu verbinden.

Er versammelte Menschen zum Gruppengelächter im Park und beobachtete, dass aufgesetztes, künstliches Lachen nach einer Weile in echtes Lachen übergeht. „Wir lachen nicht, weil wir glücklich sind – wir sind glücklich, weil wir lachen“, lautet sein Motto.

Offenbar kann künstlich erzeugtes Lachen tatsächlich positive Gefühle auslösen. So gehen Humorforscher davon aus, dass sich die Hirnregionen, in denen Lachen und Heiterkeit verortet sind, gegenseitig stimulieren. Das bedeutet, dass Erheiterung Lachen auslösen kann – aber auch umgekehrt: „Wenn man fünf Minuten am Stück lacht, ändert sich die Stimmung. Man findet dann alles lustiger“, erklärt der Psychologe und Humorforscher Michael Titze aus Tuttlingen. „Das ist der Grund, warum Lachyoga so erfolgreich ist.“

Auf den Körper wirkt sich Lachen Titze zufolge in ganz verschiedener Weise aus: Beim Lachen werden 17 Gesichtsmuskeln angespannt. Gleichzeitig wird die Atmung stark angeregt, die Stimmbänder werden in Schwingung versetzt und das Zwerchfell massiert die Eingeweide. Dadurch werden die Verbrennungsvorgänge im Körper gefördert. Der Herzschlag wird schneller, verlangsamt sich dann aber wieder, sodass der Blutdruck sinkt. „Insgesamt kommt es zu einer besseren Durchblutung der Muskulatur“, erklärt Titze. „Stresshormone werden abgebaut und die Verdauungsdrüsen angeregt.“ Er betont: „Lachen ist Ausdruck reiner Befreiung, vollkommener Spannungslösung.“

Es gibt auch Hinweise, dass Lachen Schmerzen lindern kann. Das bekannteste Beispiel dafür ist der Krankheitsbericht des US-Journalisten Norman Cousins von 1979. Er litt an einer schweren Form der rheumatischen Erkrankung Spondylarthritis und hatte arge Schmerzen. Ärzte konnten ihm nicht helfen. In dieser aussichtslosen Lage behandelte er sich mit hohen Dosen von Vitamin C kombiniert mit einer selbst erfundenen Humortherapie: Er zog vom Krankenhaus in ein Hotelzimmer, ließ sich lustige Geschichten vorlesen und sah sich Slapstick-Filme an. Wenn er zehn Minuten laut gelacht hatte, ließen seine Schmerzen deutlich nach und er konnte zwei Stunden schlafen. Schließlich konnte er weitgehend normal leben und wurde 75 Jahre alt.

Cornelia Leisch versteht Lachtraining als „Gesundheitsvorsorge“. Vor allem möchte sie Menschen dabei helfen, das Leben nicht mehr gar so ernst zu nehmen. Dazu lässt sie die Teilnehmer mal gemeinsam über eine imaginäre Waage, mal über die Uhrzeit lachen, mal tun alle so, als schleppten sie einen gigantischen Dickbauch vor sich her und machten sich darüber lustig. Am Schluss dürfen alle beglückt jubeln und sich, je nach Lust und Laune, umarmen. Leischs Partner, Matthias Stürzer, gibt noch jedem ein „Schmunzelsteinchen“ mit auf den Weg. „Manchen Leuten hat das Lachen schon das Leben gerettet“, erzählt Cornelia Leisch und lacht, wie so oft. Aber dann wird sie ernst: „Eine Teilnehmerin hat mir erzählt, dass sie sich vor eineinhalb Jahren aus Einsamkeit umbringen wollte. Dann hat sie den Lachtreff entdeckt.“

Donaukurier
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