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Der Mann mit den vielen Gesichtern

München
erstellt am 28.05.2015 um 21:33 Uhr
aktualisiert am 28.05.2015 um 21:41 Uhr | x gelesen
München (DK) Phil Splash hat ein großes Ziel: Der Künstler will sämtliche 1,5 Millionen Münchner zeichnen. Mehr als 20 000 Menschen hat er bereits in seinen Skizzenblöcken verewigt.
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München: Der Mann mit den vielen Gesichtern
Der Künstler und sein Modell: Phil Splash (links) und ein Passant, den er spontan am Münchner Rotkreuzplatz angesprochen hatte (oben). Dem gefällt sein skizziertes Porträt richtig gut. - Foto: Stäbler
München

Wie ein Flummi hüpft der Blick von Phil Splash auf und ab. Von seinem Skizzenblock hoch zum Gegenüber und wieder runter zum dicken Filzstift in seiner rechten Hand – der die gleiche Farbe hat wie der knallpinke Anzug des Künstlers. Im Eiltempo rauscht der Stift übers Papier, hinterlässt hier einen rosafarbenen Strich, dort eine Handvoll Tupfer und voilà, fertig ist das Porträt, in weniger als einer halben Minute.

„Na, wie findest du’s“, fragt Phil Splash den Mann mit Hut, den er vor wenigen Augenblicken hier am Rotkreuzplatz in München aufs Geratewohl angesprochen hat. Der Mann blickt erst auf das Porträt, dann auf den Künstler und schließlich wieder aufs Bild – jetzt sind es seine Augen, die im Flummi-Modus hin- und herhüpfen. „Das ist richtig gut!“, sagt er, offenbar beeindruckt. „Das sieht ja wirklich aus wie ich.“

Es komme oft vor, dass sich die Menschen in seinen Porträts wiedererkennen, erzählt Phil Splash, der mit bürgerlichem Namen Philipp Mulfinger heißt, später. „Aber manchmal ist auch genau das Gegenteil der Fall. Schließlich sieht das Bild, das wir von uns selbst haben, oft ganz anders aus als Bild, das unsere Mitmenschen von uns haben. Und so ein Porträt ist ja immer auch eine subjektive Sache.“

Phil Splash muss es wissen. Schließlich hat der Münchner Künstler in den vergangenen Jahren weit mehr als 20 000 Porträts gezeichnet. An die 300 Skizzenblöcke voll mit Gesichtern stehen bei ihm zu Hause im Regal – eine Sammlung von alten Männern, kleinen Kindern, jungen Frauen und feschen Burschen. „Ich habe immer gerne gezeichnet, schon in der Schule“, erzählt der 31-Jährige. Im Jahr 2010 habe er angefangen, auf dem Weg zur Arbeit Menschen in der U-Bahn zu porträtieren. „Ich habe einmal durch den Wagen geschaut, und wenn mein Blick an einem bestimmten Gesicht hängen geblieben ist, habe ich drauflos gezeichnet“, erzählt er. Seine Porträt-Opfer habe er kaum einmal um Erlaubnis gefragt; die meisten hätten ohnehin nichts mitbekommen, sagt Phil Splash. Und wenn doch jemand bemerkte, dass er gerade gezeichnet wird? „Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich. Viele fühlen sich erst mal unwohl, finden es aber auf eine skurrile Art interessant.“

Vor gut einem Jahr hat Phil Splash dann beschlossen, aus seinen zigtausend Porträts ein Kunstprojekt zu machen – und sich ein hohes Ziel zu setzen: „Ich will alle 1,5 Millionen Menschen in München zeichnen“, sagt er. „Ich weiß, dass das eine große Herausforderung ist. Aber rechnerisch wäre es möglich.“ Bei Phil Splash klingt das so: „Wenn ich 80 Porträts am Tag zeichne, dann bin ich im Alter von 80 Jahren fertig. Wenn ich 140 pro Tag schaffe, dann schon mit 60 Jahren.“ 140 Porträts – das ist die Ausbeute, die Phil Splash bei seinem jüngsten Event am Münchner Stachus erzielt hat. Inzwischen zeichnet er immer seltener in der U-Bahn und dafür häufiger bei Veranstaltungen. Dazu hat er angefangen, die Porträtierten mit ihrem Bild zu fotografieren. Die Aufnahmen stellt er auf seine Webseite ins Netz, um seine Arbeit zu dokumentieren.

Aber mal ehrlich: Jeden einzelnen Münchner zeichnen – ist das nicht utopisch? „Natürlich muss ich da noch eine Vorgehensweise entwickeln“, räumt Phil Splash ein. „Aber mir macht das Zeichnen von Gesichtern immer noch unglaublich viel Spaß. Ich bin fast süchtig danach.“ Und so lässt er sich auch von kleinen Rückschlägen nicht abschrecken – etwa, als er vor zwei Jahren ein überdimensionales Porträt von Angela Merkel anfertigte. Das Bild wollte er der Kanzlerin bei ihrem Besuch in München zeigen und sich von ihr signieren lassen. Doch der Künstler kam noch nicht mal in ihre Nähe. „Die Männer vom BKA haben mich nicht durchgelassen“, erzählt Phil Splash lachend. „Die haben gesagt, dass ich mit meinem Bild eine Sicherheitsgefahr darstellen würde.“

Mehr Informationen über das Zeichenprojekt „1,5 Millionen Münchner“ von Phil Splash stehen auf der Webseite www.einskommafuenfmiomuenchner.blogspot.de.

Von Patrik Stäbler
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