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Loomit war in den 80ern einer der ersten deutschen Graffiti-Sprayer – heute reist er als Künstler um die ganze Welt

Der Astronaut mit der Sprühdose

München
erstellt am 08.11.2011 um 19:43 Uhr
aktualisiert am 20.04.2017 um 10:31 Uhr | x gelesen
München (DK) Eine eisige Nacht im März 1985. Bewaffnet mit Farb-Sprühdosen machen sich ein paar Jugendliche in Geltendorf (Kreis Landsberg am Lech) an einem abgestellten S-Bahn-Zug zu schaffen.
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München: Der Astronaut mit der Sprühdose
Auge in Auge mit der Kunst: Loomit alias Mathias Köhler war einer der ersten deutschen Graffiti-Sprüher. Die Kopf stehende Frau, die er hier betrachtet, stammt allerdings von einem Kollegen. Zu finden ist das Bild in der Münchner Kultfabrik, wo er sein Studio hat - Foto: Peterhans
München
Die Burschen malen wie im Rausch. Sie sind so vollgepumpt mit Adrenalin, dass sie von der extremen Kälte fast nichts mitbekommen. Mit dabei ist auch ein 17-Jähriger, der sich später einmal Loomit nennen wird. Was am nächsten Morgen zu sehen ist, hat es in der Bundesrepublik zuvor noch nie gegeben. Es ist der erste „Wholetrain“ – ein von Graffiti-Sprühern von vorne bis hinten bemalter Zug.

„Wir wollten das, was die in New York mit ihren U-Bahnen machen auch mit unseren S-Bahnen machen“, erinnert sich Loomit und schlürft einen Schluck heißen Tee. Loomit heißt mit richtigem Namen Mathias Köhler. Er sitzt auf einem klapprigen Bürostuhl in seinem Studio. Hier, zwischen unzähligen Farbdosen, Filzstiften und Leinwänden, arbeitet er, wenn er nicht gerade irgendwo draußen unterwegs ist. Seine dunkelbraune Cargohose ist mit Farbspritzern übersät. Dazu trägt er ein grünes T-Shirt und ausgelatschte Turnschuhe. Auch die haben schon einiges abbekommen.

Köhler ist inzwischen 43 Jahre alt und hat die Illegalität weitgehend hinter sich gelassen. Er ist ein anerkannter Künstler und lebt mit seiner Frau Astrid und zwei Kindern im Teenager-Alter in München. Die Stadt hat ihn mit dem Schwabinger Kunstpreis ausgezeichnet. Und er hat das Bad von Oberbürgermeister Christian Ude angemalt. Demnächst sprüht er eine Wand für die deutsche Botschaft im indischen Neu-Delhi an.

Für die einen ist Graffiti nur Schmiererei. Für andere ist es Kunst. Für Köhler aber ist eine Droge. Er kann nicht davon lassen. Er ist abhängig. Und wie bei jeder Droge leidet darunter die Gesundheit. Köhler hat schlechte Leberwerte. Wegen der vielen Giftstoffe in den Farben. Über die Lunge und auch die Haut gelangen sie in den Körper. „Ich trinke deswegen viel Tee“, sagt der Sprayer. „Und ich male mittlerweile auch mehr mit Streichfarben.“

Sein Studio befindet sich im zweiten Stock eines heruntergekommenen Gebäudes in der Münchner Kultfabrik, einem Gelände nahe des Ostbahnhofs mit zahlreichen Diskotheken. Am Wochenende steppt hier der Bär. Hier gibt es viele Flächen, auf denen Loomit offiziell malen darf. Meist macht er das, wenn Kollegen aus anderen Ländern zu Gast sind. Wie zum Beispiel Os Gêmeos, Zwillinge aus São Paulo in Brasilien. Die Szenegrößen sprühten beispielsweise ein gigantisches Bild auf das Tate Modern Museum in London.

Sein Geld verdient Loomit mit Auftragsarbeiten. Für eine Kiesfirma hat er neulich eine komplette Garage mit dem Poträt von Ludwig II. bemalt. Und für eine Münchner Brauerei hat er erst kürzlich einen Bierkrug designt. Von dem verdienten Geld reist er dann für verschiedenste Projekte um die Welt.

Einen Vorgeschmack auf diesen Werdegang bekam Köhlers Familie schon früh: Als er fünf Jahre alt ist, kauft ihm seine Mutter eine Packung Filzstifte. Der kleine Mathias ist nicht mehr zu bremsen. Erst bemalt er Papier, dann die Tapete und schließlich die Gartenmauer.

Seine Jugend verbringt Köhler in Buchloe im Allgäu. Als Ministrant verdient er sich ein paar Mark dazu. Doch das ist für den Neunjährigen eher nebensächlich. In der örtlichen Himmelfahrtskirche fasziniert ihn vor allem die Barock-Malerei. „Ich habe eigentlich die meiste Zeit nur an die Decke gestarrt“, erinnert er sich. „Mich hat nie der religiöse Aspekt interessiert, sondern rein der künstlerische.“

Bis das Wort „Graffiti“ in sein Leben tritt, gehen noch einige Jahre ins Land. Im Frühjahr 1983 ist es soweit. Die Schwester eines Schulkameraden berichtet von ihrem Austauschjahr in New York. Sie erzählt von der Kultur der Schwarzen, von Hip-Hop-Musik und Menschen, die dort ganze U-Bahnzüge bemalen. „Da dachte ich nur: Wow!“, sagt Loomit. Der Gedanke daran, den Schritt vom Papier in die Öffentlichkeit zu machen, lässt ihn von da an nicht mehr los.

Bald darauf strampelt er an einem lauen Sommerabend mit seinem Klapprad zum Buchloer Wasserturm. Im Gepäck ein paar Dosen Farbe. Und dann legt er los. Sein Werk ist ihm heute etwas peinlich. Den Zeitungsausschnitt, auf dem dieses Graffiti abgebildet ist, zeigt ungern her. Er lacht. „Es war ein schreckliches Bild, mit vielen Rechtschreibfehlern.“

Im November 1983 zeigt das ZDF den Graffiti-Film „Wildstyle“. Es ist das erste Mal, dass Köhler richtige Graffiti-Malereien sieht. „Bis dahin ist das für mich nur so eine Art Gespenst gewesen.“ Jetzt ist er vollkommen überzeugt davon, was er mit seinem Leben machen will. Noch im selben Jahr zieht er mit seiner Mutter nach München.

Auch in der Isar-Metropole ist Graffiti etwas völlig Neues. „Die Stadt war noch total sauber“, sagt Loomit. Zeitgleich mit ihm beginnen noch ein paar andere Sprayer. Am Anfang nimmt man sich gegenseitig nur über die Bilder wahr. Es dauert Monate, bis sie sich das erste Mal treffen. Erst Anfang 1985 entsteht so etwas wie eine Szene. Eines der ersten gemeinsamen Großprojekte ist dann der „Geltendorfer Zug“, der heute in der Szene als legendär gilt. „Wir waren Pioniere“, sagt Köhler. Für einen Sprayer gibt es nichts besseres. „Ein Zug ist eine Art rollende Leinwand.“

Die Polizei ist am Anfang überfordert. So etwas gab es bis dato nicht. Doch als die wild gesprühten Bilder immer mehr Überhand nehmen, gründet die Polizei eine Sonderkommission. Fünf Mal steht Loomit vor Gericht, die Verfahren kosten ihn einige Tausend Euro. „Ich hatte Glück, dass ich sehr früh eine gute Anwältin hatte“, sagt der 43-Jährige.

Köhlers Künstlername Loomit stammt übrigens aus dem Schwarz-Weiß-Film „Niagara“ mit Marylin Monroe. „Dort gab es einen Privatdetektiv namens Mister Loomis.“ Doch weil es ihm einfach nicht gelingen will, ein schönes „S“ zu malen, ändert er den letzten Buchstaben einfach in den nächsten des Alphabets – also „T“.

Nach dem Zivildienst, er ist jetzt 22 Jahre, macht er eine Weltreise. 10 000 Mark hat er sich dafür zusammengespart. Er fährt nach Australien und Neuseeland und verdient sein Geld, indem er dort Hotels und Reisebusse mit den Wunschmotiven der Besitzer vollsprüht. Er reist nach Los Angeles und bemalt die Hallen von Großhändlern mit ihren Produkten. „Stehst du an der einen Wand und malst, dann kommt schon der nächste und gibt dir einen Auftrag“, sagt Loomit.

In New York malt er Strip-Clubs und Mucki-Buden an. „Ich habe mir gesagt: Wenn du es hier schaffst, dann kannst du es überall schaffen“, sagt Köhler. Er verdient gutes Geld. „Als ich wieder zurück in Deutschland war, hatte ich meine 10 000 Mark immer noch.“

1993 lernt er schließlich in der Bronx den Graffiti-Guru „Seen“ kennen. Der bringt ihm das Tätowieren bei. In Deutschland verdient Loomit ein Jahr lang damit sogar sein Geld. Doch es ist einfach nicht das Richtige. „Ich hatte keine Lust, dauernd Delphine auf schwabblige Hintern zu stechen“, sagt er und lacht.

Seine Welt sind die Wände. Er weiß um das besondere seines Jobs: „Als Graffiti-Sprayer sieht man immer auch die Rückseite der Glitzer-Metropolen“, sagt Köhler. „Wir haben das Privileg, wie Astronauten in den lebensfeindlichen Weltraum zu kommen.“ 2005 lebt er für einen Monat in den Favelas von Rio de Janeiro. Auch dort, in einer Welt voller Gewalt, Drogen und Waffen, hat er Kollegen.

Angst hat er aber nicht. „Man ist wie der Pianospieler im Wilden Westen“, sagt der 43-Jährige. „Auf den darf man auch nicht schießen, weil sonst die Kultur kaputt geht.“ Graffiti sei eben in solchen Gegenden eine anerkannte Kunst. „In den Townships von Kapstadt habe ich den bösen Jungs ihre Knarren an die Tür gemalt – mir ist nichts passiert.“ Seine Überzeugung: Bilder funktionieren in allen Kulturen.

Wie er Graffiti definiert? „Manche haben eine Botschaft, manche wollen etwas schöner machen, manche wollen nur Spaß“, sagt der Künstler. Und er? Köhler lacht. „Ich habe Spaß, etwas schöner zu machen und es kommt auch noch eine Botschaft dabei rum.“

Von Sebastian Peterhans
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