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Der katholische Pfarrer Rainer Maria Schießler bedient auf dem Oktoberfest für einen guten Zweck

Bierzelt statt Beichtstuhl

München
erstellt am 25.09.2015 um 20:40 Uhr
aktualisiert am 25.09.2015 um 20:46 Uhr | x gelesen
München (DK) Der katholische Pfarrer Rainer Maria Schießler verbringt seinen Urlaub auf dem Oktoberfest – und bedient im Schottenhamel-Zelt. Er tut das für einen guten Zweck: Das Geld spendet er für syrische Flüchtlinge im Nahen Osten.
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München: Bierzelt statt Beichtstuhl
Bis zu 14 Maß Bier auf einmal kann Pfarrer Rainer Maria Schießler durchs Zelt tragen. Der leutselige Geistliche arbeitet während der Wiesn-Zeit als Bedienung auf dem Oktoberfest. Seinen Verdienst spendet er für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge - Foto: Jerabek
München

Aus seinem Beziehungsstatus macht Rainer Maria Schießler auf dem Oktoberfest kein Geheimnis. Zwei Herzerl-Anstecker hat sich der 54-Jährige an den Janker geheftet: Auf dem oberen ist sein Vorname zu lesen, auf dem unteren steht „Single“. „Von Berufs wegen“, erklärt er mit breitem Lächeln neugierigen Gästen, während er im Schottenhamel-Zelt einen Schwung Maßkrüge vor ihnen abstellt. Welchen Beruf er jenseits der Wiesn ausübt, hat sich Schießler ebenfalls an die Brust geheftet: „Pfarrer“ ist auf einer Holzklammer eingraviert, die er am Janker trägt.

Schießler ist Pfarrer von zwei katholischen Kirchengemeinden in München: Sankt Maximilian im Glockenbachviertel und Heilig Geist in der Innenstadt. Während des Oktoberfestes müssen beide Pfarreien ohne den leutseligen Geistlichen auskommen. Stattdessen ist er 16 Tage lang, zwölf Stunden täglich, im Schottenhamel-Festzelt anzutreffen. Hochwürden arbeitet als Bedienung. Doch Schießler wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch zwischen Maßkrügen und Bierbänken eine Mission verfolgen würde.

„Kinder fragen: warum? Erwachsene fragen: wozu? Jesus fragt: für wen“, sagt der Pfarrer, während die Kapelle im Zelt einen Cancan schmettert. In diesem Jahr rackert Schießler für die Opfer des Syrienkonflikts: Seinen Verdienst spendet er dem Verein „Orienthelfer“ des Münchner Kabarettisten Christian „Fonsi“ Springer, der syrische Flüchtlinge im Libanon, in Jordanien und Syrien unterstützt. Schießler nutzt die Zeit auf der Wiesn, um für Spenden für das Projekt zu werben. „Ich brauche den sozialen Aspekt“, sagt er. Das sei die Energie, die ihn Tag für Tag auf das Oktoberfest treibe.

Sieben Mal, von 2006 bis 2012, bediente Schießler im Schottenhamel-Biergarten zugunsten von Aidswaisen in Afrika. Danach sollte eigentlich Schluss sein mit dem Ferienjob auf dem Oktoberfest. Doch nur als „Gast auf die Wiesn zu gehen, war ganz schwierig für mich“, berichtet der Pfarrer. Nach zwei Jahren Pause schleppt er heuer wieder Maßkrüge und Hendl – erstmals im Zeltinnern.

Sein Vorgesetzter, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, scheint das Engagement seines Pfarrers durchaus zu würdigen. „Der Kardinal war am Samstag da und wollte mich besuchen. Ich habe das als große Geste empfunden“, freut sich Schießler und fügt hinzu: „Das hätte es vor zehn Jahren noch nicht gegeben.“ Denn als der unkonventionelle Geistliche erstmals Urlaub nahm, um auf der Wiesn als Bedienung zu arbeiten, stieß das im Erzbischöflichen Ordinariat auf wenig Begeisterung. „Da hieß es: ‚Wollen Sie jetzt Don Camillo werden’“

Ein bisschen wie Don Camillo ist Schießler dabei schon längst. Ähnlich wie der schlagkräftige italienische Dorfpfarrer aus den beliebten Büchern und Filmen ist der 54-Jährige alles andere als ein abgehobener Theologe, sondern ein volksnaher Seelsorger, der anpackt, wo es nötig ist, und im Zweifel auch mal über Vorschriften hinwegsieht. Ob er inmitten einer Schar Kinder auf Inlinern durch das Kirchenschiff gleitet, mit Strohhut auf dem Kopf vor dem Altar das Faschingsprinzenpaar begrüßt oder bei der „Viecherlmesse“ Hunde und Katzen mit Weihwasser besprengt – Schießler bemüht sich um lebendige Gottesdienste. So sind die Kirchenbänke auch jenseits der Weihnachts- und Osterfeiertage oft gut gefüllt.

Als Oktoberfest-Bedienung kann der Pfarrer nach eigenem Bekunden bis zu 14 Maß Bier auf einmal durchs Zelt tragen. Ganz so viele muss er aber selten schleppen. Hier oben auf der Galerie im Reservierungsbereich geht es entspannter zu als in anderen Teilen des Festzelts.

So bleibt dem Priester zwischendurch Zeit für das eine oder andere Gespräch mit Gästen und Kollegen – den Seelsorger in sich lädt er schließlich nicht am Zelteingang ab. Er wolle etwas „zusammenbringen, was niemand erwartet“, nämlich „Kirche mit etwas sehr Profanem verbinden“, erläutert Schießler. Statt über Kirchenaustritte zu lamentieren, zieht es den 54-Jährigen hinaus zu den Menschen. Er will sie abholen, wo sie sind – und sei es auf der Wiesn.

Von Petr Jerabek
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