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Nach 64 Jahren wird die Seilbahn am Königssee komplett erneuert - Wehmut bei Nostalgikern

Moderne Zeiten am Jenner

Schönau am Königssee
erstellt am 11.07.2018 um 22:20 Uhr
aktualisiert am 11.07.2018 um 22:22 Uhr | x gelesen
Schönau am Königssee (DK) Am Jenner beginnt eine neue Ära: Nach 64 Jahren hat die alte Gondel hoch über Schönau am Königssee ausgedient. Ersetzt wird sie von 10er-Gondeln. Mit einiger Verzögerung kann die völlig neue Jennerbahn zum Teil am 4. August eröffnet werden.
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Seilbahn am Königssee
An der Mittelstation werden derzeit noch die letzten Arbeiten erledigt, am 4. August soll sie in Betrieb gehen.
Jädicke
Schönau am Königssee
Als Wilfried Däuber am 5. März 2017 die Tore schließt, geht eine Ära zu Ende. Ein letztes Mal steigt der Betriebsleiter der Jennerbahn in die kleine Zweiergondel. Ein letztes Mal zuckelt er mit der "alten Lady" ins Tal hinunter. Nach 64 Jahren hat man sie mit Blasmusik aufs Altenteil geschickt. Bei Nostalgikern macht sich Wehmut breit. Viele sind seit ihren Kindertagen mit der "Zweier auf den Jenner rauf", klagt eine Taxifahrerin auf dem Weg nach Berchtesgaden ihr Leid. "Das tat einigen schon weh."

Nicht jeden im Ort plagt die Wehmut. Ein Mountainbiker inspiziert den Baufortschritt an der Talstation. "Ich bin froh, dass der alte Klump endlich weg ist", sagt er. "Als die Bahn in den 50er-Jahren gebaut wurde, war sie auch das modernste, das es damals gab", erklärt er ganz ungefragt. Damals, das war 1953, als das traditionsreiche Jenner-Skigebiet gegründet wurde. Mit anspruchsvollen Pisten zwischen Watzmann, Grünsteinberg und Jenner. 1967 wurden hier die ersten FIS-Weltcup-Rennen ausgetragen. Zuletzt wurde der Komplex allerdings in den 70er-Jahren saniert.

Michael Emberger, Ingenieur und Vorstand der Berchtesgadener Bergbahn AG begleitet die Bauarbeiten als Bauüberwacher. "Die Bahn zu sanieren war wirtschaftlich schlichtweg unsinnig", sagt er. Deshalb habe man sich gleich für einen kompletten Neubau entschieden. Bei der Gelegenheit wurde auch die kleine Jennerwiesenbahn neu gestaltet. Vor allem aber wurde sie vom sensiblen Randgebiet des Nationalparks und dem deutlich anspruchsvolleren Teil des Skigebiets oberhalb der Jennerbahn-Mittelstation, in den Bereich zwischen Tal und Mittelstation verlegt. Hier sollen sich künftig vor allem Familien und Anfänger wohlfühlen.

47,7 Millionen Euro kostet das Großbauprojekt. Als Motor hinter dem Neubau gelten drei millionenschwere Investoren aus dem österreichischen Pongau. Laut Medienberichten sollen sie 61 Prozent der Summe tragen. 10,5 Millionen Euro kommen indes von der Regierung Oberbayern, sagt Emberger. "Anders könnte die Berchtesgadener Bergbahn AG das Projekt gar nicht stemmen."

Über Monate dröhnte der Baulärm durch die Berchtesgadener Alpenwelt. Schweres Gerät bohrte sich an Gipfel und Mittelstation in den Fels. Räumte die alte Bahn ab und schaffte neue Plattformen, etwa für die weitläufige Gipfelstation. Tonnenschwere Stützen und Seile und Seilbahnkomponenten wurden unter schwierigen Bedingungem am Berg montiert.

Die Architektur der neuen Jennerbergbahn hebt sich markant von ihrem traditionell geprägten Umfeld ab. Sie erinnert eher an die moderne und puristische Holzbaukunst aus dem Vorarlberg als an traditionelles Hüttenambiente. "Die drei Stationen liegen auf einer Sichtachse und passen sich hervorragend in die Landschaft ein", sagt Emberger. Das Design sei den Architekten wichtig gewesen. "Wir wollen hier am Berg ja kein Disney World, sondern Niveau, mehr Raum, Komfort und zukunftweisende Technik", sagt er.

Der Antrieb der Seilbahn kommt ganz ohne Öl aus. "Das Problem Altöl gibt es nicht mehr." Dafür wird überschüssige Wärme als Energie in den internen Stromkreis eingespeist. 75 Prozent Antriebsenergie lassen sich so bei Normalbetrieb einsparen.

Wochenlang kamen die Bauarbeiten nur schleppend voran. Über Monate tobte ein Streit mit dem Bund Naturschutz, der schließlich vor dem Münchner Oberlandgericht landete. Kurz vor Weihnachten hatten die Naturschützer einen Baustopp in zwei Eilanträgen erwirkt. Grund waren unter anderen die starken Eingriffe in die Brutgebiete der Birkhühner und die Verwendung von Streusalz im Nationalpark. In der Zwischenzeit hat man sich geeinigt. Aber darüber verliert Emberger kein Sterbenswörtchen. Er zeigt lieber die schöne neue Jennerbahn.
 
Flora Jädicke
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