Sonntag, 27. Mai 2018
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Konflikt um die "Kreuzbrüder" von Egweil spitzt sich zu

Draußen vor der Tür

Egweil
erstellt am 28.03.2018 um 20:06 Uhr
aktualisiert am 17.04.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Egweil (DK) Der Konflikt um die "Kreuzbrüder" von Egweil spitzt sich zu. Die kleine Glaubensgemeinschaft um einen populären Kaplan hat aus Sicht des Bischofs das Missionieren übertrieben. Nun ist der junge Priester gefeuert und wohnt im Wirtshaus. Viele Einwohner aber wollen inzwischen nur noch ihre Ruhe.
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"Kreuzbrüder" Egweil
Die drei "Kreuzbrüder" Kai Röder, Jonathan Veith und Pater Johannes Weise (von links) vor dem Egweiler Pfarrhaus. Weise selbst wohnt inzwischen ein paar Häuser weiter im Wirtshaus, seit er seines Amtes als Kaplan enthoben wurde.
Auer
Egweil
Es geht alles sehr schnell momentan in dem 1100-Einwohner-Dorf Egweil (Landkreis Eichstätt), das seit dem Jahreswechsel von einem großkalibrigen kirchlichen Konflikt erschüttert wird. Wie berichtet lebt Kaplan Johannes Weise dort seit knapp vier Jahren mit zwei Freunden im Pfarrhaus in einer christlichen Wohngemeinschaft. Vor Kurzem ist der Kaplan per hochoffiziellem "Amtsenthebungsdekret" als Pfarrvikar entlassen worden. Die "Kreuzbrüder" dürfen seitdem nicht mehr als Gemeinschaft in der Pfarrkirche St. Martin auftreten, nur noch als Einzelpersonen.
Der: Draußen vor der Tür
Die Pfarrkirche St. Martin in Egweil. - Foto: Auer
Egweil

Sie sind katholische Theologen, nennen sich "Kreuzbrüder", tragen T-Shirts und Jacken mit Kreuzemblemen, führen ein Leben wie in einem Orden. Alle drei, nicht nur der Kaplan, engagierten sich massiv in der Seelsorge in Egweil und unterliefen aus Sicht der Diözesanleitung letztendlich die kirchliche Hierarchie - in Gestalt von Pfarrer Slawomir Gluchowski aus Nassenfels.

Ende Februar gab es in der Pfarrkirche St. Martin eine denkwürdige Pfarrversammlung. Vor der kompletten Gemeinde erklärte Bischof Gregor Maria Hanke: "Das Experiment ist beendet." Kaplan Weise müsse Egweil verlassen, weil er mit seinen Freunden "Parallelstrukturen" in der Seelsorge aufgebaut und letztlich die Gläubigen gespalten habe. Als Termin nannte der Bischof damals den 31. Juli, ab da werde Weises Vertrag einfach nicht mehr verlängert. Eine elegante Lösung. Doch so viel Zeit wird Pater Johannes nun doch nicht mehr gewährt. Die Diözese macht Nägel mit Köpfen.

Weise sagt lakonisch: "Ich bin als Kaplan raus." Die Eile habe ihn überrascht. "Ich glaube, das war eine Reaktion auf die Pfarrversammlung. Die waren echt sauer." In der Tat hatte Bischof Hanke bei der Versammlung massive Kritik vieler Gläubigen einstecken müssen, die einfach nicht glauben konnten, dass Fragen der Hierarchie und des Kirchenrechts wichtiger sind als religiöser Eifer. Nur eine gute Woche später, am 6. März, erhielt Pater Weise von Generalvikar Isidor Vollnhals das "Amtsenthebungsdekret" für das Amt des Pfarrvikars in Nassenfels überreicht - mit Wirkung zum 10. März. Weise hat als Folge bereits sein Büro im Pfarrhaus geräumt. Wie er erzählt, waren zu diesem Anlass der Diözesan-Personalchef, der Pfarrer, der Kirchenverwaltungsvorsitzende und sogar der Bürgermeister gekommen. Er wohnt jetzt in einem Gästezimmer beim Heindl-Wirt, in der Nachbarschaft. Die Wohngemeinschaft besteht derweil weiterhin im Pfarrhaus - da gibt's einen Mietvertrag bis 31. Juli. Und auch Weises Arbeit jenseits der Pfarrei läuft genau bis zu diesem Zeitpunkt weiter: So lange ist er noch als Religionslehrer und als Seelsorger im Klinikum Ingolstadt tätig.

Zu diesem Thema lesen Sie hier ein Interview mit Isidor Vollnhals, Generalvikar der Diözese Eichstätt.

Weise kündigt an: "Wir als Gemeinschaft wollen weitermachen. Und zwar in Egweil." Sein Mitstreiter Kai Röder sagt, die "Kreuzbrüder" hätten als Folge der überregionalen Berichterstattung Angebote bekommen, wo sie hingehen könnten. "Von Polen bis Spanien. Von Privatpersonen, einzelnen Pfarrern oder anderen kirchlichen Gemeinschaften." Aber das steht momentan nicht zur Debatte. Ebenfalls nicht infrage kommt, dass Johannes Weise, wie es der Bischof gerne hätte, in seinen alten Orden zurückkehrt, zu den Dominikanern. Zum 1. August wird Weise vom Bistum Eichstätt an die Dominikaner zurückgewiesen. Aber dort ist der Pater - laienhaft gesagt - nur noch im "Stand-by-Modus" angebunden. Es führt, so sagt Weise, kein Weg zurück. Sonst müsste er ja seine Gruppe im Stich lassen.

Was sind das also für Leute, die da mit allen Konsequenzen ihr Ding durchziehen wollen? Man trifft sich im Pfarrhaus im ebenso schlicht wie kunterbunt möblierten Wohnzimmer. Pater Johannes Weise (Bruder Martin), Jonathan Veith (Bruder Justin) und Kai Röder (Bruder Clemens). Mit am Tisch ist auch die Theologiestudentin Andrea Wagner (23): Sie hat die drei bei Exerzitien kennengelernt und war von ihnen so beeindruckt, dass sie sich in Egweil niederließ - aber nicht im Pfarrhaus. "Das ist wirklich eine Gemeinschaft, die lebt und wirkt", sagt sie. Es gebe bei den Dreien keinerlei Berührungsängste mit den Leuten im Dorf.

Doch dieses missionarische Engagement trieb letztlich einen Keil in die Pfarrei und in deren offizielle Strukturen. Wer die "Kreuzbrüder" nicht so toll fand, handelte sich Streit mit ihren Unterstützern ein. Pfarrer Gluchowski war für viele plötzlich nur noch zweite Wahl. Es ist inzwischen zu erfahren, dass er sich eines Tages direkt im Sonntagsgottesdienst von einem Unterstützer der "Kreuzbrüder" vor aller Augen zur Rede stellen lassen musste. Gluchowski, in seinen anderen Pfarreien rund ums Schuttertal wohlgelitten, wusste nicht, wie ihm geschah. Er hatte die "Kreuzbrüder" immer als echte Hilfe betrachtet. Aber viele Egweiler sehen sie als lässigen, glaubwürdigen Gegenentwurf zu einer vermeintlich autoritären "Amtskirche". Und sie wunderten sich höchstens ein klein wenig, wenn von den jungen Männern Messgebete und -gesänge auf Latein vorgetragen wurden.

Wollen die "Kreuzbrüder" etwa zurück in alte Zeiten? Die drei legen Wert darauf, dass sie voll auf dem Boden des Zweiten Vatikanischen Konzils stehen - "von A bis Z". Johannes Weise betont: "Wir fühlen uns komplett gebunden an die Lehre der Kirche - wir sind keine Sekte, und wir wollen auch keine werden. Unser Ding ist es, den Glauben miteinander zu leben und ihn zu verkünden." Und sie sehen sich dabei auf der Linie von Papst Franziskus, "an die Ränder der Gesellschaft zu gehen". Dorthin, wo angeblich sonst keiner an der Tür klingelt.

Das alles soll nun dennoch weitergehen. Mit bitterem Lächeln sagt Johannes Weise: "Der jetzige Zustand hat auch seine guten Seiten: Wenn sich bisher Leute daran gestoßen haben, was der Kaplan für Sachen gemacht hat, dann fällt das jetzt weg. Wir werden so in den Hintergrund geschoben, dass keiner mehr sagen kann, wir würden uns in den Vordergrund drängen." Doch ob Vorder- oder Hintergrund: Inzwischen haben viele Menschen die Nase voll von dem Dauerstreit um die Kirche. Wer nach einem Abendgottesdienst ein paar Stimmen zur aktuellen Lage einfangen will, macht sich nicht unbedingt beliebt. "Wir wollen jetzt bloß noch unsere Ruhe", sagen Kirchgänger. Aber dann machen doch etliche ihrem Herzen Luft. Der Karren stecke so tief im Dreck, dass es "zwanzig Jahre" dauern werde, bis das Dorf wieder zusammengefunden habe. Die lautesten Unterstützer der "Kreuzbrüder" seien ausgerechnet die, die man am wenigsten in der Kirche sehe und die sonst keinen Finger krumm machten. Die Seelsorge sei auch in der Vergangenheit gut gewesen. Und viele seien inzwischen vom Kaplan enttäuscht - denn letztlich hätte er es in der Hand gehabt, den Konflikt zu befrieden, seine offensivsten Anhänger in die Schranken zu weisen. In Egweil sei es aktuell so, dass das Thema "Kirche" von vielen ganz bewusst nicht mehr angesprochen werde. Um die Nerven zu schonen. Es gibt auch im Schuttertal noch ein Leben neben dem Katholizismus.

Die "Kreuzbrüder" wiederum berichten, dass sie jetzt von vielen Seiten Zuspruch und Schulterklopfen bekommen, von Menschen, die ihnen Kraft wünschen in ihrer neuen Rolle. Sie sind jetzt irgendwie "vogelfrei". Mit allen Konsequenzen: Noch ist nicht klar, wie sich die Gemeinschaft ab 1. August finanzieren will. Pater Weise sagt zu diesem Problem: "Bisher war es so: Wenn ich etwas mit gutem Gewissen tue, dann haben sich auch immer Türen geöffnet."

Bloß die Türe ins Egweiler Pfarrhaus, die bleibt bald für immer geschlossen. Das Gruppenfoto, man sagt es so leichthin zum Ende des Gesprächs, das mache man am besten unter freiem Himmel, "draußen vor der Tür". Alle schauen sich an und spüren die Bedeutung, die diese harmlose Formulierung seit Wolfgang Borcherts berühmten Heimkehrer-Roman hat. Die Egweiler "Kreuzbrüder", sie stehen jetzt wirklich "draußen vor der Tür".

 
Von Richard Auer
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