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"Wir brauchen die Förderschulen"

Ingolstadt
erstellt am 16.03.2018 um 20:23 Uhr
aktualisiert am 03.04.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Klaus Grantner, Vorsitzender des Landeselternbeirates Bayern, spricht im Interview mit dem Donaukurier über Inklusion, den Lehrermangel und seine Wünsche an Söder.
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Herr Grantner, in der UN-Behindertenrechtskonvention ist Inklusion als Menschenrecht festgeschrieben. Wie steht Ihr Verband dazu?

Klaus Grantner: Wir stehen voll hinter der Inklusion. Wir wollen aber eine an den Bedürfnissen unserer Kinder ausgerichtete Inklusion. Bei Förderschulen geht es darum, dass die Kinder und Jugendlichen irgendwann ein möglichst selbstbestimmtes und selbstständiges Leben führen können. Da ist die Förderschule der Ort, an dem das am besten gelingt, der das richtige Setting und ein unglaubliches Know-how hat. Hier sollen die Kinder lernen, an der Gesellschaft und auch am familiären Leben teilhaben zu können.

 

Kann Inklusion funktionieren?

Grantner: Es gibt Kooperationen zwischen Regel- und Förderschulen, bei denen die Kinder aus der Förderschule zum Beispiel mit einem Klassenverband an der Regelschule sind, um auch gemeinsamen Unterricht zu machen. Schulische Inklusion funktioniert aus unserer Sicht nur, wenn die Förderschulen immer noch im Hintergrund sind und Ansprechpartner sind, weil Kinder aus den Förderschulen ganz eigene Bedürfnisse haben. Wir haben Sonderpädagogen, Pflegefachkräfte, Psychologen, Therapeuten. Das ist ein Sammelsurium, das wir brauchen. Wenn Eltern für ihre Kinder die Einzelinklusion als den besten Weg sehen, dann unterstützen wir das auch. Wir brauchen aber auf jeden Fall die Förderschulen.

 

Gibt es in Bayern genügend Förderschullehrer?

Grantner: Nein. Was bei uns bei Weitem nicht umgesetzt ist, ist das Klassenlehrerprinzip, da klafft eine große Lücke. Klassenlehrer sind in der Regel Sonderpädagogen, von denen gibt es aber nicht genug. Das Kultusministerium baut derzeit in Regensburg einen dritten Standort, bisher kann man nur in München und Würzburg Sonderpädagogik studieren.

 

Gibt es überhaupt genügend Förderschulen?

Grantner: Ja, derzeit werden auch viele Schulen neu gebaut und saniert. Es ist so eingerichtet, dass alle 30 Kilometer eine Förderschule mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung da ist. Schulmangel ist nicht das Problem, sondern Lehrermangel.

 

Wie sieht es mit Ganztagesangeboten aus?

Grantner: Bei unseren Kindern geht es nicht nur um die schulische Bildung und Förderung. In der Regel haben alle Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung eine heilpädagogische Tagesstätte angegliedert, dort sind die Schüler nachmittags. Sie sollen dabei unter anderem lernen Beziehungen aufzunehmen und sich in der Gesellschaft, zum Beispiel in einer Gruppe, zurechtzufinden. Problematisch ist allerdings, dass es auch hier händeringend an Fachpersonal fehlt. Diese Stellen sind leider für viele unattraktiv, weil man nur 24-Wochenstunden-Verträge bekommt.

 

An Regelschulen wird dauernd über die Digitalisierung diskutiert. Ist das auch ein Thema für Förderschulen?

Grantner: An den Förderschulen können viele Kinder nicht sprechen. Mit Hilfe von digitalen Geräten im Rahmen der unterstützten Kommunikation kann man den Schülern helfen, sprechen zu lernen oder sich auch einfach nur mitzuteilen. Die Digitalisierung bietet da durchaus Chancen. Auch die Digitalisierung und Automatisierung in Werkstätten für Menschen mit Behinderung steht in den Startlöchern und wird Einfluss auf die Berufsschulstufen an den Förderschulen haben.

 

Wenn Sie einen Wunsch an den neuen Ministerpräsidenten Markus Söder formulieren dürften, wie würde er lauten?

Grantner: Wir als Landeselternbeirat sind dankbar, es ist enorm, was für unsere Kinder geleistet wird. Wir würden uns aber wünschen, dass schneller über bestimmte Dinge entschieden wird. Es dauert einfach zu lange, bis etwas besser wird. Auch die Antragstellung bei den Behörden ist für Eltern immens kräfteraubend, da sollte den Eltern mehr vertraut werden. Schön wäre es auch, wenn Eltern möglichst früh beim Prozess der Diagnosefindung und gegebenenfalls der Akzeptanz der Behinderung des eigenen Kindes begleitet und unterstützt werden.

 

Und was wünschen Sie sich von der Gesellschaft?

Grantner: Die Menschen, die ich kennengelernt habe, waren alle hilfsbereit und offen. Ich wünsche mir aber mehr Akzeptanz dafür, dass sich Eltern von behinderten Kindern für die eine oder andere Schulart entscheiden. Man wird schon manchmal angesprochen und gefragt, warum das Kind auf eine Förder- und nicht auf die Regelschule geht. Dieses Wahlrecht ist unser gutes Recht. Das muss man akzeptieren, und die Eltern dann auch diesen Weg gehen lassen. ‹ŒDK

 

Die Fragen stellte Verena Belzer.

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