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Film über den "Al Capone vom Donaumoos" in Ingolstädter Kino

Der Mensch Theo Berger

Ingolstadt
erstellt am 24.11.2017 um 21:38 Uhr
aktualisiert am 12.12.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Theo Berger war als der "Al Capone vom Donaumoos" bekannt. Mehr als 150 Straftaten soll er begangen haben. Viele Menschen bewunderten seine Art, mit Polizei und Justiz umzuspringen. Nun hat Regisseur Oliver Herbrich einen Streifen digital überarbeitet, der den König der Ausbrecher abseits von Klischees zeigt.
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Der Titel täuscht, und wer einen Actionstreifen erwartet, bleibt besser gleich daheim. "Der Al Capone vom Donaumoos" - so nennt Oliver Herbrich seinen Film über einen Mann, der in der Ingolstädter Region quasi als Legende gilt: Theo Berger aus Ludwigsmoos. Seine Kapriolen mit Polizei und Justiz brachten viele zum Schmunzeln. Sie dürfen indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass Berger vor allem eines war: ein Schwerverbrecher.

Fast vier Jahrzehnte hinter Gittern

 
39 Jahre seines Lebens, so errechnete es der Regisseur, hatte der Hauptdarsteller seiner Zeitdokumentation hinter Gittern verbracht, als er 2003 mit 62 Jahren im Straubinger Gefängnis durch eigene Hand starb. Bergers kriminelle Seite zieht sich zwar wie ein roter Faden durch den Film, im Mittelpunkt steht aber ein ganz anderer Aspekt: "Ich wollte ihn selber zu Wort kommen lassen und den Menschen Theo Berger zeigen", sagt Herbrich. Die digitale Neuaufbereitung seiner Produktion von 1985/86 feierte am Donnerstag im Ingolstädter Altstadtkino Premiere.

Der Spagat, den Straftäter Berger nicht zum Helden zu stilisieren, ist dem Filmemacher gelungen, so viel gleich vorweg. Dazu hat der Porträtierte nicht zuletzt selbst beigetragen. Unaufgeregte Bilder ohne Effekthascherei wechseln sich mit den Schilderungen eines Mannes ab, der sachlich, weitgehend emotionslos und ohne Selbstmitleid über sein verkorkstes Leben erzählt. Auch kritisch sich selbst gegenüber. Dazwischen kommt die andere Seite zu Wort: ein Polizist, dessen Kollegen Berger niedergeschossen und der ihn einmal festgenommen hatte, sein Anwalt, eine Bankangestellte als eines der vielen Opfer seiner Überfälle, die Mutter und eine seiner Töchter oder der Ortspfarrer. Jeder mit seinem ganz eigenen Blickwinkel. Und doch hatte der Bayerische Rundfunk sich geweigert, die ursprüngliche Fassung jemals zu senden. "Das hat politisch nicht gepasst. Sie haben mir mitgeteilt, dass der Film die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet", erzählt Herbrich. Der Westdeutsche Rundfunk hatte da weniger Bedenken.

Erste Jugendstrafe mit 20

Theo Berger
Prozessauftakt: Theo Berger wird am 30. Oktober 1969 zur Verhandlung vor dem Augsburger Schwurgericht abgeführt.
dpa
Ingolstadt
Im April 1961 wird der sogenannte Donaumoos-Al-Capone mit 20 nach etlichen Straftaten erstmals zu einer dreijährigen Jugendstrafe verurteilt. Wieder in Freiheit, gerät er stets auf Neue mit dem Gesetz in Konflikt. Automatenaufbrüche, Banküberfälle, Betrug, Diebstahl, Raub und Schüsse auf einen Autohändler, der ihn beim Knacken eines Fahrzeugs erwischt - Berger lässt, was das Strafgesetzbuch betrifft, kaum etwas aus. Mit 27 Jahren sperrt die Justiz ihn wegen mehr als 70 Straftaten erneut ein. 15 Jahre Zuchthaus mit anschließender Sicherungsverwahrung lautet der Schuldspruch. Das Gefängnis in Straubing, wo überwiegend Schwerstkriminelle sitzen, wird seine Heimat. Viermal gelingt ihm zwischendurch die Flucht, und schon bald nennen sie ihn den Ausbrecherkönig. Im Donaumoos, wo man den Rebellen lang bewunderte, war die Stimmung erst nach den Schüssen Bergers auf einen Polizisten gekippt. Und doch findet er dort, wo er aufgewachsen ist, immer wieder Unterschlupf, wenn er einmal mehr vor den Häschern der Polizei auf der Flucht ist.

Der Streifen war 1985 entstanden, nachdem Berger wegen einer Leukämieerkrankung überraschend Haftverschonung erhalten hatte. "Sie haben ihn einfach entlassen, ohne soziales Netzwerk, das ihn auffängt, ohne Geld", sagt Oliver Herbrich. Der Regisseur hatte bereits Jahre zuvor versucht, einen Film mit Berger zu drehen, basierend auf Gerichtsakten und der Autobiografie des Mannes. Doch er war abgeblitzt, Derartiges sei unerwünscht, erklärte der Direktor der Justizvollzugsanstalt ihm. Nun also war Berger frei und sofort bereit, bei dem Projekt mitzumachen. "Er hat als Co-Autor die Inhalte des Films weitgehend mitbestimmt."

Sprachstörungen wegen langer Isolationshaft

 
Das Ingolstädter Publikum reagiert bei der Neuauflagenpremiere gleich zu Beginn des Streifens mit Gelächter, als Bergers Anwalt vor der Kamera erzählt, man habe seinen Mandanten nicht verstanden, wenn er redete - die Heiterkeit weicht schnell bedrücktem Schweigen, als er den Grund nennt - es ist nicht der starke Dialekt des Donaumöslers, Berger hatte vielmehr nach langer Isolationshaft zunehmend unter Sprachstörungen gelitten. Der Film ist nicht zuletzt eine Abrechnung mit der damaligen Justiz. Theo Berger war an der Freiheit gescheitert, weil niemand ihn führte - als Kind nicht, wo er es am meisten gebraucht hätte, und auch später nicht, als er bereits auf die schiefe Bahn geraten war.

Theo: Der Mensch Theo Berger
Regisseur Oliver Herbrich präsentierte in Ingolstadt seinen Dokumentarfilm über Theo Berger, den "Al Capone vom Donaumoos", in digital überarbeiteter Qualität. - Foto: Richter
Ingolstadt
"Zuchthaus hat damals wirklich noch Zuchthaus bedeutet", sagt Oliver Herbrich. "Sie haben ihn manchmal tagelang bei Wasser und Brot, ohne eine Decke, in der Einzelzelle gehalten. Da gab es nichts als die Bibel, die hat er gleich mehrmals gelesen, um nicht verrückt zu werden." Der Versuch einer Resozialisierung? Fehlanzeige.

Theo Berger schildert in dem Film auch, weshalb er gegen einen Lehrer handgreiflich geworden war. Der Mann hatte ihn zuvor heftigst verprügelt für etwas, wofür er nach eigenem Bekunden nichts konnte. Das hatte seinem Rechtsempfinden widersprochen, er wollte sich das nicht gefallen lassen - die Anfänge seiner Auflehnung gegen die Autorität, wie sie sich in seinem Erwachsenenleben fortsetzte und zunehmend verstärkte. Das rechtfertigt keine seiner Straftaten, die sich zuletzt auf mehr als 150 summiert haben sollen, erklärt jedoch seine unheilvolle Entwicklung. "Der Theo wäre sicher ein smarter Typ geworden, hätte jemand ihm eine echte Chance gegeben", glaubt der Filmemacher. Seine Hauptfigur war kurz nach den Aufnahmen erneut straffällig geworden, wieder landete er im Gefängnis. Er konnte einfach nicht anders.

Das Grab von Theo Berger auf dem Neuburger Friedhof.
Horst Richter
Ingolstadt
Eine von Bergers drei Töchtern war mit der Familie zur Premiere gekommen. Sie müssen mit dem Erbe leben. "Für mich war er nie der Al Capone, ich habe in ihm den Menschen und meinen Papa gesehen. Was er getan hat, habe ich aber nie gutgeheißen, das habe ich ihm auch gesagt." Zuletzt, als er krank und gebrochen vor sich hinvegetierte, hatte sie ihn heimholen wollen. Doch Berger sah keine Hoffnung mehr und zog einen Schlussstrich.

Die Neufassung des Films läuft ab 30. November täglich um 19 Uhr im Union-Kino, Josef-Ponschab-Str. 1 in Ingolstadt, sonntags um 11 Uhr.
 

Von Horst Richter
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