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Der Katholik, Philosoph, Politikwissenschaftler und ehemalige Eichstätter Uni-Präsident Nikolaus Lobkowicz wird 85

Von der Freiheit, selbstständig zu denken

Eichstätt
erstellt am 08.07.2016 um 21:11 Uhr
aktualisiert am 25.07.2016 um 03:34 Uhr | x gelesen
Eichstätt/Starnberg (DK) An ihm schieden sich immer die Geister: Nikolaus Lobkowicz, Philosoph und bekennender Katholik, Spross einer alten böhmischen Adelsfamilie, ausgewiesener Marxismuskenner und bekennender Europäer feiert an diesem Samstag seinen 85. Geburtstag. Der fünffache Vater lebt mit seiner polnischstämmigen Frau zurückgezogen in Starnberg.
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Eichstätt: Von der Freiheit, selbstständig zu denken
Nikolaus Lobkowicz. - Foto: upd
Eichstätt

Lobkowicz ist von Geburt tschechischer und seit 1967 amerikanischer Staatsbürger. Und er ist als klassischer Vertreter des konservativen europäischen Bildungsbürgertums bekennender Europäer. "Ich fühle mich als Europäer - und als Böhme", sagt Lobkowicz. Geboren wurde er als Spross eines alten böhmischen Fürstengeschlechts in Prag im Palais Lobkowicz. Dieses Gebäude wurde später zur deutschen Botschaft, von deren Balkon Hans-Dietrich Genscher 1989 den vor dem Gebäude versammelten DDR-Flüchtlingen die Ausreisebewilligung zurief.

1948 emigrierte Lobkowicz nach der Machtübernahme der Kommunisten aus der damaligen Tschechoslowakei in die USA. Nach der Rückkehr nach Europa legte Lobkowicz in der Schweiz sein Abitur ab und studierte Philosophie an den Universitäten Erlangen und Fribourg (Schweiz). Seine Wissenschaftskarriere führte über Fribourg an die University of Notre Dame (Indiana, USA) nach München. Von 1967 bis 1990 war er Inhaber des Lehrstuhls für Politische Theorie und Philosophie an der Universität München. Von 1970 bis 1971 leitete er als Dekan die dortige Philosophische Fakultät I und zeitgleich als Rektor die Münchner Hochschule für Politik. Seine Forschungsschwerpunkte bildeten Geschichte des Marxismus, Theorie der Sozialwissenschaften, Kulturphilosophie sowie (politische) Ethik. 1971 wurde er zum Rektor der Universität München gewählt, die er bis 1982 leitete. Anschließend, von 1984 bis 1996, war er Präsident der Katholischen Universität Eichstätt.

In seiner Münchner Zeit war Lobkowicz wissenschaftlich höchst anerkannt, aber heftig umstritten. Der profilierte Kenner des Marxismus-Leninismus und sich selbst als "konservativen Katholiken" bezeichnende Lobkowicz - dem immer eine Nähe zu "Opus Dei" nachgesagt wurde und wird -, zog den Zorn auf sich: von protestierenden Studenten, die er mit Polizeigewalt aus einem Hörsaal werfen ließ, aber auch von Politikern, weil er sich gegen die zunehmend massivere Einmischung in Angelegenheiten der Universitäten zur Wehr setzte.

In den zwölf Jahren seiner Präsidentschaft an der Katholischen Universität (KU) in Eichstätt versuchte er, die Uni als katholische Bildungseinrichtung von anerkanntem Format zu profilieren, scheiterte aber letztlich. Das Hauptproblem, sagt er rückblickend, sei gewesen, "eine gut profilierte, kleine, aber erfolgreiche Universität zu gestalten". Diese sollte der kirchlichen Lehre treu sein und zugleich offen für Probleme der Gegenwart - Katholizität nicht als Einschränkung, sondern als sinnvolle Vollendung der wissenschaftlichen Freiheit. Dieser Spagat prägt die KU bis heute, und immer noch sucht die einzige katholische Universität im deutschsprachigen Raum nach einem klaren Profil.

Dennoch: Lobkowicz hat die "entscheidenden Weichenstellungen in der Gründungszeit getroffen, die bis heute das Wesen der KU prägen", wie die heutige Uni-Präsidentin Gabriele Gien sagt. Unter seiner Amtszeit wurde die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät aufgebaut und das von ihm initiierte Zentralinstitut für Mittel- und Osteuropastudien (ZIMOS) 1994 gegründet. Ein Institut, mit dem Lobkowicz nach dem Fall der Mauer eine Brücke schlagen wollte zwischen Ost und West und durch Wissen über die Nachbarn Verständnis hierzulande wecken wollte. Für die Universität ist dieses Institut, dessen Direktor Lobkowicz auch über seine Amtszeit bis 2011 war, zweifelsohne ein Aushängeschild. Als das ZIMOS vor vier Jahren im Rahmen von Umstrukturierungen und in Zeiten der Präsidentenkrise seine Eigenständigkeit abgeben sollte, nannte er dieses Vorhaben ein "weiteres Abrutschen der Universität in die Bedeutungslosigkeit". Eine Aussage, die in Kreisen der Eichstätter Professoren nicht gerade mit Freude aufgenommen wurde.

Derartige Befindlichkeiten aber haben ihn nie gestört. Im Umgang immer charmant, zuweilen auch selbstironisch, im Geist messerscharf und streitbar, hat sich Nikolaus Lobkowicz zwar nicht immer Freunde gemacht, aber Respekt verdient. "Die Tatsache, dass ich kein Deutscher bin, gibt mir auch die Freiheit, selbstständiger zu denken", sagte er, der nach der Wende und bis heute ein gefragter Ratgeber in Polen und Tschechien ist, einmal über sich. Und von dieser Freiheit hat "Lobo", wie sein Spitzname in Eichstätt lautete, stets eifrig Gebrauch gemacht.

Von Hermann Redl
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