Mittwoch, 21. November 2018
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Sein einziges Kind stirbt bei einem Unfall

Wenn die Trauer kein Ende nehmen will

erstellt am 24.06.2018 um 19:40 Uhr
aktualisiert am 11.07.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
"Es kann schnell mal was passieren", hat sein Sohn Patrick* manchmal gesagt. Dann ist etwas passiert. Etwas so Schreckliches, dass es Josef Stiebler* völlig aus der Bahn geworfen hat: Patrick, sein einziges Kind, stirbt bei einem Unfall. Noch heute, vier Jahre danach, ist Stieblers Trauer unermesslich. Aber durch eine Therapie konnte er zumindest eine Perspektive entwickeln, wie sein Leben weitergehen kann.
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Trauer
Schwerer Abschied: Etwa fünf Prozent der Trauernden finden nach einem Todesfall auch Monate später kaum in den Alltag zurück. Experten sprechen in solchen Fällen von einer Anhaltenden Trauerstörung.
Anne Gülich
Wenn Josef Stiebler auf den Tag im Jahr 2014 zurückblickt, der sein ganzes Leben verändert hat, sieht er alles ganz klar vor sich: "Ich war im Auto unterwegs von der Arbeit nach Hause und habe von dem schlimmen Unfall im Radio gehört. Und dachte spontan sofort: Hoffentlich ist's nicht der Junior. Klar denkt man immer, dass mal ein Unglück geschehen kann, aber Patrick hatte seine wilden Jahre schon hinter sich. Der Schlag kam, als wir nicht damit gerechnet haben." Nicht nur Josef Stieblers 23-jähriger Sohn stirbt, sondern auch zwei Freunde, die zusammen mit ihm unterwegs sind.

Stiebler, selbst in den Fünfzigern, berichtet das ruhig und sachlich, aber seine Hände ringen miteinander. Die auf den Unfall folgenden Untersuchungen kommen ihm heute vor wie ein Albtraum. "Natürlich stand dann auch die Polizei vor unserer Tür, die wissen wollte, was für ein Typ mein Sohn war, ob er Drogen genommen oder Alkohol getrunken hat, ob er lebensmüde war. Was mich dann wirklich fertig gemacht hat, waren die Zeitungsberichte, in denen spekuliert wurde ?Was ist passiert? War Alkohol im Spiel?'" Warum es genau zu dem Unglück gekommen ist, konnte laut Abschlussbericht der Polizei nicht festgestellt werden.

"Es ist sehr schwer, mit diesem ungeklärten Teil weiterleben zu müssen, alles in uns schreit nach Verstehen, was passiert ist", sagt Stiebler leise und fährt dann fort: "Auch das Leid der Eltern der beiden mitverunglückten Freunde lässt mich nicht los, ich muss so oft an sie denken." Und an seinen Jungen. Der war sein einziges Kind und sein ganzer Stolz. "Ohne mich irgendwie loben zu wollen: Er war auch ganz gut gelungen. Er fehlt mir so sehr", erzählt Stiebler und kämpft mit den Tränen. Und nicht nur sein Sohn fehlt ihm. Auch dessen Freundeskreis, mit dem er oft etwas gemeinsam unternommen hat, trifft sich nun woanders. Ein großer Teil seines Alltagslebens ist auf einen Schlag nicht mehr da. "Mir ist klar, dass ich mit meiner Frau einsam alt werde und auch einsam sterben muss. Ich werde auch keine Schwiegertochter haben und keine Enkelkinder." Seine Traurigkeit steht fühlbar im Raum.

Sechs Wochen ist der kaufmännische Angestellte nach dem Unfall krank geschrieben, kann in seinem alten Job im Büro eines Handwerksbetriebs aber nicht weitermachen. "Ich bin da im Grübeln versunken, das ging einfach nicht mehr", erklärt er. Das Schlimmste: Er kann nicht mehr schlafen. Fast zwei Jahre lang liegt er nächtelang wach. In diesen Jahren baut Stieblers Körper rapide ab. "Ich habe große Rückenprobleme bekommen und heftig Arthrose. Ich glaube, mein Körper ist einfach nicht fertiggeworden mit dem fehlenden Schlaf", vermutet er. Dazu kommen Existenzängste: Wovon leben, wenn er nicht mehr arbeiten kann? Er fühlt sich gefangen in einer schrecklichen Endlosschleife. Ein Lebensmittelhändler gibt ihm schließlich eine Chance und stellt ihn ein.

In seiner Freizeit versucht Stiebler sich abzulenken, tritt in einen Sportverein ein. Es macht sich bemerkbar, dass seine Frau ganz anders trauert als er. Ihr fällt es leichter, im Alltag weiterzuleben. "Sie kann auch mal lustig sein, ich habe meistens ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal lachen muss", verdeutlicht er die Situation. Gemeinsam verschenken sie Patricks Sachen, sind froh, dass Schlagzeug und Fahrrad sinnvoll weiterverwendet werden, dass Patrick nicht vergessen wird. An jedem Todestag treffen sie sich mit seinen Freunden am Grab, besuchen einen Gottesdienst und essen dann zusammen.

Aber Stieblers Trauer wird eher schlimmer als besser. Er merkt, dass er kein bisschen über "die Sache" hinweg ist, wie manchmal von Außenstehenden unsensibel geäußert, dass die Zeit seine Wunden nicht heilt, dass die dunklen Gedanken "Was bleibt mir noch? Mein einziges Kind, mein ganzer Stolz, existiert nicht mehr. Niemand braucht mich dringend. Warum weiterleben?" immer mehr Raum einnehmen. Ihm wird klar, dass er da alleine nicht raus kommt, dass er Hilfe braucht.

Es ist ein großer Schritt, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. "Ich mag Anderen möglichst wenig Arbeit machen, das ist so in mir drin!", sagt er. Seine Nachbarin, die selbst als Sozialpädagogin tätig ist, macht ihn auf verschiedene Hilfsangebote aufmerksam. Einige Male besucht er eine Trauergruppe für verwaiste Eltern, dann hört er vom Angebot der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz in Ingolstadt. Rita Rosner, die an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt den Lehrstuhl für Klinische und Biologische Psychologie innehat, betreut dort aktuell eine bundesweite Studie zum Thema "Anhaltende Trauerstörung." Ungefähr fünf Prozent der Trauernden sind laut Rosner von dieser langanhaltenden Trauer betroffen und brauchen professionelle Hilfe, denn der gesellschaftliche Druck ist enorm, der Mensch muss funktionieren. "Dem Betroffenen wird von seinem Umfeld signalisiert: ?Trauer ist okay, aber irgendwann ist es ja auch wieder gut. Das Leben geht weiter.' Aber der Trauernde fühlt nicht so und kommt mit der Situation nicht klar", erklärt sie. "Verwaiste Eltern haben das höchste Risiko, eine Anhaltende Trauerstörung zu entwickeln", ergänzt Stieblers Therapeutin, Diplom-Psychologin Anna Vogel, mit Blick auf ihren Patienten und erläutert die Absicht der Behandlung: "Unser Ziel hier war, eine Perspektive zu entwickeln, wie es weitergehen kann."

Stiebler war ein halbes Jahr in Therapie. Die Trauer ist noch da, aber der Umgang damit fällt ihm leichter. Es gibt immer noch schlechte Tage, an denen er sich unendlich traurig fühlt, und Nächte, in denen er keinen Schlaf findet. Aber er hat auch gelernt, den dunklen Gedanken, dem unendlichen Grübeln etwas entgegenzusetzen, Alternativ-Gedanken zu denken, schöne Erinnerungen bewusst hervorzuholen. Und seine Sehnsucht, wieder mehr unter junge Leute zu kommen, hat sich konkretisiert: Durch einen Bekannten hat er Kontakt zu einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die in schwierigen Verhältnissen leben, bekommen und arbeitet nun ehrenamtlich bei deren Betreuung mit.

"Ich habe einen guten Draht zu den jungen Leuten, wir verstehen uns auch ohne große Worte. Viele haben auch Schlimmes erlebt. Es ist schön, Zeit mit ihnen zu verbringen." Sie unternehmen etwas zusammen, manchmal sind auch nur seine Fahrdienste gefragt. Stieblers Augen leuchten, wenn er von "seinen" Jugendlichen erzählt, von ihren Aktionen und Plänen. "Ich will mich nirgendwo aufdrängen, aber das macht beiden Seiten Freude, glaube ich. Ich bin fast so was wie ein Ersatzopa", sagt er lächelnd.
* Namen von der Redaktion geändert

Das Progrid-Projekt

Die üblichen Therapieverfahren wirken oft nicht bei Menschen, für die der Kummer nach einem Todesfall auch viele Monate später immer noch unerträglich ist. Experten sprechen in solchen Fällen von einer Anhaltenden Trauerstörung. Damit den Betroffenen besser geholfen werden kann, hat eine von der Eichstätter Psychologie-Professorin Rita Rosner geleitete Arbeitsgruppe eine spezielle Therapie entwickelt. Die Wirksamkeit wird derzeit in einer bundesweiten Studie erforscht – unter anderem in Ingolstadt. Nach einer ausführlichen Voruntersuchung werden die Betroffenen in rund 20 therapeutischen Sitzungen behandelt. Das Angebot gibt es auch in Frankfurt, Marburg und Leipzig.  Interessenten aus der Region können sich an die Psychotherapeutische Hochschulambulanz der KU Eichstätt-Ingolstadt wenden. Sie befindet sich in der Levelingstraße 7 in 85049 Ingolstadt. Ansprechpartnerin ist Diplom-Psychologin Anna Vogel. Sie ist telefonisch unter (08 41) 93 72 19 56 zu erreichen, per E-Mail unter der Adresse Anna.Vogel@ku.de. Weitere Informationen über das „Progrid“-Projekt gibt es im Internet.

Anne Gülich
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