Donnerstag, 17. Januar 2019
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Handwerker hatte Audi-Ingenieure als Kunden ausgeschlossen

Reaktionen zwischen Entrüstung und Zustimmung

Riedenburg
erstellt am 07.01.2019 um 20:55 Uhr
aktualisiert am 11.01.2019 um 09:22 Uhr | x gelesen
Riedenburg (DK) Die Ausschlusserklärung eines Handwerksmeisters, Ingenieure von Audi und Siemens nicht mehr als Kunden anzunehmen, hat auf einen Bericht unserer Zeitung hin teils heftige Reaktionen hervorgerufen. Vertreter der angesprochenen Berufsgruppe werteten dies unter anderem als grobe Denunzierung, viele andere bestätigten aber die Erfahrungen des Mannes.
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Der Handwerker aus dem Altmühltal hat - wie am Samstag berichtet - schon vor zwei Jahren beschlossen, einen Schnitt zu machen: "...nicht mehr für Besserwisser", heißt es auf seiner Internetseite, verbunden mit dem Hinweis, dass er für Ingenieure von Audi und Siemens nicht mehr arbeite. "Diese Leute sind total realitätsfremd", beschreibt er seine Erfahrungen. Der 36-Jährige führt zudem die nach seiner Meinung schlechte Zahlungsmoral seiner bisherigen Ingenieurskunden ins Feld. Es gehe ihm nicht darum, eine bestimmte Berufsgruppe schlechtzureden oder zu diskriminieren.
Handwerker
Im Handwerksgewerbe können viele Facharbeiterstellen nicht besetzt werden.
Patrick Pleul
Riedenburg

Das sehen Vertreter von Audi sehr wohl so. Ein Anrufer empfindet den Bericht als "Stimmungsmache", ein anderer fügt seiner Mail die "Grundlagen der redaktionellen Arbeit (Richtlinien)" bei. Ein weiterer Leser schreibt: "Arbeiter gegen Ingenieure - aufzuhetzen ist nicht die feine Art". Ihn ärgere "besonders die undifferenzierte negative Darstellung einer Berufsgruppe", lässt wieder ein anderer Audi-Ingenieur wissen. "Einige Beispiele kommen mir ziemlich an den Haaren herbeigezogen vor und könnten im Sinne einer entsprechenden Story auch erfunden sein", unterstellt gar ein Kommentator auf unseren Online-Seiten.

Viele andere stimmen dem Handwerker indes zu, wobei vielfach Häme im Spiel ist. Ernste Gedanken hat sich dagegen eine Audi-Mitarbeiterin gemacht und in einer E-Mail niedergeschrieben. Nach ihrer Erfahrung seien manche Audi-Ingenieure auch intern wenig beliebt, sie würden sich für Personen erster Klasse halten, andere seien für sie nur zweite Klasse. "Hierzu können Sie zählen: Handwerker, Zulieferer, Einzelhandel, Ingenieurbüros (Gaimersheim), Leiharbeiter." Sie fragt, ob es gerechtfertigt sei, "ein teilweise herablassendes, arrogantes Verhalten an den Tag zu legen", nur weil Ingolstadt samt Umland von Audi profitiere. Sie empfinde die Region dadurch "teilweise ein wenig menschlich vergiftet".

Eine andere Mitarbeiterin teilte uns mit: "Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich hoffe sehr, dass sich dadurch die Arroganz einiger (leider vieler) Audianer etwas mindert. Ich krieg' das oft mit und werde teilweise - da nur Mitarbeiterin einer Audi-Tochter - als zweitklassig behandelt." Er habe selber einmal bei Audi als Ingenieur gearbeitet, schreibt ein Leser. "Das Verhalten vieler Kollegen veranlasste mich aber dazu, nach zehn Monaten eine neue Stelle zu suchen." Andere Kommentatoren wiederum betonen, viele Vertreter der kritisierten Berufsgruppe zu kennen, die menschlich völlig in Ordnung sind.

Der betroffene Handwerksmeister berichtete, übers Wochenende annähernd 1000 E-Mails erhalten zu haben, "fast alle sind positiv". So meldete sich ein Ausbilder einer Handwerkskammer mit den Worten "Hut ab, für mich sind Sie die Person des Tages! Sie haben für das bayerische Handwerk eine Lanze gebrochen - höchster Respekt für Sie!". Ein Kfz-Meister aus dem Kreis Kelheim stellt fest: "Mit Freude und Genugtuung habe ich den Bericht gelesen. Respekt, dass Sie dies öffentlich gemacht haben."

Der 36-Jährige Firmenchef machte erneut klar, dass er keinen Krieg anzetteln wollte. Er werde demnächst sogar einen Audi-Ingenieur auf dessen ausdrückliche Bitte bedienen und sein Bad fliesen. Der Mann habe sich nicht durch seine Haltung abschrecken lassen, "und ich gehe das auch gelassen an".

Kommentar: Das Miteinander zählt

Das Thema ist heiß. Der Bericht über einen Handwerksmeister aus der Region, der sich wegen schlechter Erfahrungen weigert, Audi-Ingenieure zu bedienen, hat die Vertreter dieser Berufsgruppe auf den Plan gerufen. Was erdreistet sich der Mann da? Und wie kann man so etwas in die Zeitung stellen? Man kann es nicht nur, man musste es tun, wie die große Resonanz zeigt. Es meldeten sich viele, die ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben, auch bei Audi selbst.

Es geht hier nicht um die Pauschalverurteilung von Ingenieuren, egal, ob bei Audi oder sonstwo. Wer als solcher mit viel Energie seinen Abschluss erreicht hat, dem gebührt aller Respekt. Dasselbe gilt jedoch für jeden, ob er nun als Arbeiter, Bäcker, Müllwerker oder Arzt sein Brot verdient. Wir brauchen sie alle, auch diejenigen, die irgendwo Toiletten putzen.

Wie frustriert muss ein Handwerker denn sein, dass er ausgerechnet die Gruppe, die ihm am meisten Geld bringen könnte, als Kunden ausschließt? Das sagt doch schon sehr viel aus. Wenn die von ihm Gescholtenen jetzt zurückschießen, er habe da und dort Mist gebaut, wie vereinzelt zu lesen, ist das eine billige Retourkutsche und zudem völlig nebensächlich. Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler, im Handwerk, bei Audi und auch in Redaktionen.

Worum es eigentlich geht, ist der Umgang miteinander. Der neue Audi-Chef Bram Schot hatte jüngst erklärt, der Erfolg habe viele verwöhnt und ein bisschen träge gemacht. Und manche (nicht alle! ) selbstgefällig, möchte man ergänzen. Dabei wäre gerade nach den Ereignissen seit 2015 eine gute Portion Bescheidenheit angesagt, selbst wenn der Einzelne nichts mit der Diesel-Affäre zu tun haben mag. Nur so lässt sich Vertrauen zurückgewinnen.

Trotz steigender Verkehrsbelastung und Immobilienpreise hat die Region der Audi AG viel zu verdanken, keine Frage. Es darf dennoch kein Premiumdenken im Haus der vier Ringe geben: Ich Audi, du nicht, also bist du die niedrigere Kaste. Denn der Mittelstand war bisher stets die tragende Säule, wenn es in der Automobilbranche mal kriselte. Letztlich bleibt der Wirtschaftsstandort Ingolstadt nur im Miteinander stark.
Horst Richter
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