Mittwoch, 19. Dezember 2018
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Der Erfolgsgarant für das Gemeinwesen

Das Ehrenamt

Ingolstadt
erstellt am 05.12.2018 um 11:50 Uhr
aktualisiert am 05.12.2018 um 12:12 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Heute ist der internationale Tag des Ehrenamts. Er soll das bürgerschaftliche Engagement jener Menschen ins Licht rücken, die freiwillig und meist unbezahlt fürs Gemeinwesen arbeiten. An diesem Tag wird auch der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland an besonders engagierte Personen vergeben.
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Ehrenamt
Knoten üben: Die Pfadfinder des VCP-Stammes in Ingolstadt treffen sich wöchentlich zur Gruppenstunde.
Eberl
Ingolstadt
Sind wir Deutsche wirklich Vereinsmeier? Oder ist das nur ein Klischee? Die Statistik besagt, dass fast jeder zweite Bundesbürger Mitglied in einem der rund 600 000  Vereine ist. Für das Gemeinwesen ist dieser freiwillige Einsatz unverzichtbar: Ehrenamtliche helfen, wenn es brennt, wenn ein Unfall geschehen ist, wenn jemand Not leidet. Sie engagieren sich im Sport, für Kultur und Umwelt, in der Politik oder Brauchtumspflege, für Kinder und  alte Menschen.

Unternehmen erkennen zunehmend die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements, um Teamgeist und das Image zu verbessern: So veranstaltet der Automobilhersteller Audi seit Jahren einen Freiwilligentag. Er findet jährlich im Wechsel an den  deutschen Standorten Ingolstadt und Neckarsulm sowie bei Audi Hungaria in Györ statt. 2017  waren  rund 300 Audianer in und um Ingolstadt  für  40 soziale Projekte im Einsatz. Unter anderem bauten sie ein neues Spielhaus für eine Integrationskinderkrippe.

Auf solche zeitlich begrenzten Gemeinschaftsprojekte lassen sich  Menschen gerne ein. Wenn es jedoch darum geht, sich langfristig zu verpflichten und ein Amt in einem Verein zu übernehmen, meldet sich kaum einer freiwillig. Diese Erfahrung machen auch die Mitglieder des  VdK-Ortsverbands Pörnbach (Landkreis Pfaffenhofen).   Aus gesundheitlichen Gründen wollte der  Vorsitzende schon länger sein Amt niederlegen und suchte  händeringend einen Nachfolger.

Unserer Zeitung berichtete darüber im Jahr 2016. „Nicht einmal einen Stellvertreter haben wir gefunden, obwohl ich von Tisch zu Tisch gegangen bin und gebettelt habe“, erzählte der  Vorsitzende damals. Inzwischen lebt  er  in einem Pflegeheim,  der Posten im Verein ist immer noch vakant. Jetzt hat sich der VdK-Kreisgeschäftsführer des Problems angenommen: „Ich bin dabei, einen Vorstand aufzubauen“,  gibt sich Manfred Klusch zuversichtlich. Anfang 2019 sollen Wahlen stattfinden. Für Klusch ist der VdK Pörnbach kein Einzelfall: „Das Problem besteht in allen Vereinen“, sagt der Hauptamtliche. „Die ältere Generation kann und will nicht mehr. Die Jüngeren zahlen ihren Beitrag, wollen aber im Vorstand nicht mitarbeiten.“

Aber woran liegt das? 15.547 Vereine in ländlichen Regionen haben sich seit 2006 aufgelöst und wurden aus den Vereinsregistern gelöscht. Das berichtet die gemeinnützige Organisation Zivilgesellschaft in Zahlen (ZiviZ). Die Auflösung von Vereinen sei  ein vorwiegend ländliches, deren Gründung ein städtisches Phänomen. Die Nutzung digitaler Technologien kann laut ZiviZ einiges dazu beitragen, die Probleme zu überwinden, mit denen Vereine in ländlichen Räumen kämpfen. Digitalisierung eröffne  außerdem  auch älteren und mobilitätseingeschränkten Personen verbesserte Möglichkeiten der Teilhabe. Auch das hat gerade für Vereine in alternden, schrumpfenden ländlichen Räumen viel Potenzial. Die Digitalisierung kann jedoch nur gelingen, wenn  es Beratungs- und Unterstützungsstrukturen für Vereine gibt. Kommunen, Freiwilligenagenturen, Mehrgenerationenhäuser und andere sind wichtige Anlaufstellen. 

Im Jahr 2017 veröffentlichte ZiviZ die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung unter 6300  gemeinnützigen Vereinen. Im Ziviz-Bericht 2017 heißt es,  dass die Zivilgesellschaft wächst – trotz aller Thesen vom Vereinssterben.  Aber nicht nur die Zahl der Vereine steigt, sondern auch ihre Größe.     Fördervereine, so ein Ergebnis der Studie,  verzeichnen mit die stärksten Wachstumsraten.  Nach wie vor arbeitet der überwiegende Teil der  Vereine  (72 Prozent) ohne bezahlte Beschäftigte, also auf rein ehrenamtlicher Basis, auch wenn der Anteil seit 2012 leicht gesunken ist.  Besonders Sport- und Freizeitvereine beklagen   Rückgänge bei den Ehrenamtlichen. 

Eine andere, wichtige Botschaft der Studie: Ehrenamtliche leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration von Migranten oder Flüchtlingen. Jedoch gelingt es weniger als zehn Prozent der Organisationen, mehr Menschen mit Migrationshintergrund für ihre Arbeit zu gewinnen.  Hinsichtlich der Öffnung der Vereine ist also noch Luft nach oben. Suzanne Schattenhofer


Die Vorleserin

Die Vorleserin
Hauser
Ingolstadt
 Helga Kretschmann (72) aus Ingolstadt liest Senioren vor  
"Seit ungefähr 15 Jahren gehe ich einmal in der Woche ins Heilig-Geist-Spital und lese den Bewohnern aus dem DONAUKURIER vor.  Damals war Not am Mann, und da haben sie mich angerufen, ob ich helfen kann. Also bin ich gekommen und geblieben. Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange Vorleserin bleibe, aber da geht es mir so wie vielen anderen Ehrenamtlichen. Ich finde es ganz wichtig, dass sich jeder Mensch  irgendwie und irgendwo  engagiert – kirchlich, kulturell oder politisch. Mir geht es einfach um den Menschen. Ich finde, auf unserer Welt ist es nur schön, weil es andere Menschen gibt. Beim Vorlesen erzähle ich auch immer, was in der Stadt los ist. Wenn ich weiß, dass eine ältere Frau aus dem Augustinviertel kommt, dann erzähle ich ihr, was dort passiert ist. Das ist dann wie ein Faden nach draußen. Wenn jemand von meiner Gruppe nicht kommen kann, dann besuche ich ihn nachher auf dem Zimmer. Es liegt mir am Herzen, wie es den Menschen geht."

Die Rettungshelferin

Die Rettungshelferin
privat
Ingolstadt
 Patricia Dräger (19) aus Riedenburg hilft beim BRK 
 "Mir liegt es am Herzen, Menschen in Notlagen  zu helfen. Deshalb engagiere ich mich neben meiner Ausbildung zur medizinisch-technischen Radiologieassistentin beim Bayerischen Roten Kreuz. Seit ein paar Jahren bin ich  beim Blutspendedienst dabei, außerdem übernehme ich Sanitätsdienste bei Veranstaltungen wie Volksfesten. Als Rettungshelferin fahre ich mittlerweile auch bei der sogenannten Unterstützungsgruppe Rettungsdienst mit – die ist ausschließlich mit Ehrenamtlichen besetzt. Insgesamt sind wir 15 Frauen und Männer. Wenn wir alarmiert werden, fahren wir von der Rettungswache in Riedenburg zu den Einsätzen, oft sind wir noch  vor den Notärzten da. Die Situationen sind nicht immer dramatisch, aber wenn ich am Steuer sitze und mit Blaulicht auf dem Weg  bin, muss ich immer erst einmal tief durchatmen.  Nach einem erfolgreichen Einsatz freut man sich vor allem, dass alles gut gegangen ist und man einem Menschen helfen konnte. Dafür engagiere ich mich gerne."

Der Pfadfinder

Eberl
Ingolstadt
 Patrick Ott (21) aus Baar-Ebenhausen leitet einen Pfadfinder-Stamm 
"Meine Mutter hat  mich  beim VCP-Stamm Martin von Tours in Spitalhof, einem Ortsteil von Ingolstadt, angemeldet, da war ich ungefähr acht Jahre alt.  Ich kann mich noch genau an mein erstes Stammeslager erinnern: Es hat die ganze Zeit geregnet. Trotzdem war es total aufregend, auch weil ich  mein erstes Halstuch bekommen habe. Mit 15 habe ich zum ersten Mal die Leitung einer Gruppe übernommen. Wir treffen uns einmal pro Woche und spielen oder basteln. Drei Mal im Jahr fahren wir auf Lager – heuer im Sommer ging es sogar bis nach Irland. Neben meiner Tätigkeit beim Ingolstädter VCP-Stamm bin ich noch auf Regions- und Landesebene in diversen Gremien aktiv. Wöchentlich investiere ich mindestens zehn Stunden in mein Ehrenamt – aber ich mache das ja gerne.  Am besten gefällt mir an  den Pfadfindern, dass man schon früh Verantwortung übernehmen kann und muss. Und wenn man auf den Lagern in strahlende Kinderaugen schaut, dann weiß man, dass sich die ganze Arbeit lohnt." 

Der Feuerwehrler

Der Feuerwehrler
privat
Ingolstadt
 Gerhard Herzner (36) aus Kipfenberg ist Tag und Nacht einsatzbereit
"Draußen kann es kalt, nass oder stürmisch  sein: Wenn das Funkgerät losgeht, bin ich zu 100 Prozent einsatzbereit. Ich will ja helfen! Seit ich 14 Jahre alt bin, engagiere ich mich in der Freiwilligen Feuerwehr Kipfenberg. An meinen ersten Einsatz zwei Jahre später kann ich mich genau erinnern:  Auf der A9 ist ein Auto im Graben gelandet, meine Kameraden haben zwei Verletzte geborgen. Für mich ist das Ehrenamt  in vielerlei Hinsicht bereichernd und erfüllend: Einerseits ist der Zusammenhalt etwas Wunderbares, gemeinsam verarbeitet man auch Erlebnisse im Dienst, die nicht so schön waren − wie zum Beispiel tödliche Unfälle. Wir sind schon fast wie eine Familie. Andererseits wollte ich schon immer helfen, das habe ich auch familiär so vorgelebt bekommen. Mittlerweile bin ich kommissarischer Kreisjugendfeuerwehrwart und in dieser Funktion für alle Jugendwarte im Kreis Eichstätt zuständig. Das ist ganz schön viel Arbeit, aber was die Feuerwehr einem zurückgibt, ist faszinierend." 

Die Naturschützerin


Die Naturschützerin
privat
Ingolstadt
 Johanna Schuster (14) aus Pfaffenhofen hilft Amphibien 
"Ich habe schon als kleines Kind in Tümpeln gekeschert, um Kaulquappen zu suchen.  Heute engagiere ich mich für den Landesbund für Vogelschutz, weil ich es wichtig finde, dass sich jemand um die Tiere kümmert. In der Zeitung liest man oft davon, wie zum Beispiel die Amphibien immer weniger werden.  Gemeinsam mit dem LBV haben wir deshalb diesen Sommer  viele Tümpel gegraben – die sind für Gelbbauchunken und Laubfrösche wichtig. Durch die Landwirtschaft und viele Monokulturen ist der Lebensraum dieser Arten bedroht. Im Rahmen des Ferienpasses habe ich  eine Exkursion für Schüler organisiert, da haben wir auch gemeinsam Tümpel gegraben, das ist ganz praktischer Naturschutz. Ich habe da ein bisschen einen „positiven Knall“, mir gefällt das einfach. Bei uns gibt es auch eine Jugendgruppe, aber die wird immer kleiner. Es wäre toll, wenn sich mehr Leute engagieren würden, und es ist ein schönes Gefühl, wenn man etwas gegen das Artensterben getan hat."

Die Kulturschaffende


Die Klturschaffende
Schattenhofer
Ingolstadt
 Paula Gendrisch (32) aus Ingolstadt macht Kunstprojekte 
"Um in der Kaponniere 94 eine Kunst- und Kulturwerkstatt aufzubauen,  war es nötig, einen Verein zu gründen. Ich bin Gründungsmitglied von KulturKAP und zweite Vorsitzende. Dieser Ort ist für mich eine immerwährende Inspirationsquelle, ein Ort, an dem man sich entzünden kann. Die  Vereinsstruktur ist total super: Man kann sich einfügen mit seinen Ideen, kann selber gestalten,  wird aber auch an die Hand genommen. Ich habe inzwischen sogar Schweißen gelernt und kann mit einem 3D-Drucker umgehen. Als Schauspielerin am Theater arbeite ich auch künstlerisch, aber hier machen wir, wozu wir Lust haben – ganz selbstbestimmt. Am Anfang hatte ich  allerdings auch viele schlaflose Nächte. Und wie viel Lebenszeit ich hier reinstecke!  Manchmal fragen mich Leute, warum ich das alles umsonst mache.  Aber ich habe das Gefühl, dass wir die Stadt mitgestalten, und das  finde ich  wichtig. Und hier ist noch viel Luft nach oben: Wir wollen zum Beispiel  einen Dachgarten bauen."

Der Brückenbauer


Der Brückenbauer
Steinbüchler
Ingolstadt
 Sepp Steinbüchler (64) aus Pfaffenhofen, leitet einen Kulturverein  
"Ich bin ein religiöser Mensch, und wer in dieser Hinsicht glaubwürdig sein will, muss sich auch gesellschaftspolitisch für die engagieren, die am Rande der Gesellschaft stehen. Deshalb habe ich mit Mitstreitern  den Internationalen Kulturverein gegründet. Damals hatten viele  Gruppen in Pfaffenhofen das Problem, dass sie ihre Kultur und ihren Glauben nicht ausleben konnten – es gab keine Räume. Die ersten interkulturellen Wochen mit über 40 Veranstaltungen waren ein überragender Erfolg. Seitdem beteiligen sich immer mehr Gruppen. Ich investiere wöchentlich zwischen zehn und 15 Stunden für dieses Ehrenamt, aber wir haben die Arbeit auf viele Schultern verteilt, anders würde es nicht gehen. Den Austausch und die Begegnung mit den Menschen empfinde ich als bereichernd. Durch unsere Arbeit bauen wir Vorurteile ab – nur durch Begegnungen können Grenzen aufgebrochen werden. Das Thema interkultureller Dialog ist mittlerweile auch in der Politik angekommen, das freut mich sehr."

Der Ex-Vorsitzende

Der Ex-Vorsitzender
Ermert
Ingolstadt
 Anton Moosmayr (68) aus Rohrbach hat als Vorsitzender aufgehört 
"Ich war 25 Jahre lang Vorsitzender vom TSV Rohrbach. Ich wollte ja schon viel früher aufhören, aber erst nach  gutem Zureden habe ich Leute gefunden, die den Job übernehmen wollten. Es hat lange gedauert, bis ich wusste, dass es hinhaut.  Das ist manchmal für Vereine eine Tortur heutzutage mit der Datenschutzverordnung  oder den ganzen Haftungsfragen. Man ist ja für alles verantwortlich.  Außerdem muss man immer schauen, wo das Geld herkommt. Sich für den Verein engagieren   ist aber nicht nur Arbeit – man ist ja auch gern mit den Leuten zusammen. Der TSV Rohrbach hat rund 1200 Mitglieder. Wir machen  viel in Eigenleistung, auch die Fußballer helfen immer fleißig mit.  Ich habe  schon mit 21 Jahren  als Spielleiter beim TSV angefangen – also war ich insgesamt 47 Jahren dabei. Irgendwann reicht es aber, und man muss auch mal die Jungen ranlassen. Denn die haben   neue Ideen und kennen sich mit Facebook aus. Ich weiß heute, dass ich  den Verein in gute Hände übergeben habe."
 
  "Ich merke, dass die Leute das Gefühl haben, nicht genügend wahrgenommen zu werden": Eva Gottstein, Kommissarische Beauftragte fürs Ehrenamt, im Interview
 

Ehrenamtskarte

Ein Ehrenamt kann sich auszahlen – dank der bayerischen Ehrenamtskarte. Wer sie besitzt, der bekommt mancherorts Vergünstigungen. Im ganzen Freistaat gibt es rund 4000 Stellen, wo ein freier oder verbilligter Eintritt in Museen oder Freizeiteinrichtungen winkt –  zum Beispiel im Freizeitpark Geiselwind, im  Legoland in Günzburg oder in der Bavaria Filmstadt. Mittlerweile machen überregional rund 30 Unternehmen, Händler, Shops und Marken mit und bieten attraktive Angebote. Die Ehrenamtskarte kann man  unter anderem  bei der  Stadt Ingolstadt sowie in den  Landkreisen Eichstätt,  Neuburg-Schrobenhausen,  Pfaffenhofen, Kelheim, Roth oder Neumarkt beantragen.  DK

Verein

Rund jeder zweite Deutsche ist Mitglied in einem von mehr als 600 000 Vereinen. Um so einen Verein zu gründen, sind mindestens sieben Mitglieder erforderlich. Diese müssen zu einer Gründungsversammlung erscheinen. Bei der werden  der  Vorstand gewählt  und eine Satzung verabschiedet. In dieser Satzung müssen unter anderem der Vereinsname und  der Vereinszweck festgeschrieben werden.  Das alles wird in einem Gründungsprotokoll schriftlich festgehalten. Der neue Vorstand meldet den Verein dann  im  Vereinsregister an. Ein gemeinnütziger Verein hat das Ziel, das Wohl der Gemeinschaft zu fördern. Dafür erhält der Verein steuerliche Vorteile.  DK

  

 
Verena Belzer, Suzanne Schattenhofer
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