Nicht ganz stilecht ist dieses Fensterln auf hohem Niveau. Die Aufnahme stammt aus dem vergangenen Jahr, denn die Feuerwehr Pfaffenhofen wollte Werbung für ihre 20 Jahre alte Drehleiter machen, die 2017 zum Verkauf stand.
Nicht ganz stilecht ist dieses Fensterln auf hohem Niveau. Die Aufnahme stammt aus dem vergangenen Jahr, denn die Feuerwehr Pfaffenhofen wollte Werbung für ihre 20 Jahre alte Drehleiter machen, die 2017 zum Verkauf stand.
Höchtl


Heute ist es Tindern, früher war es Fensterln. Genau deswegen sieht Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, das Fensterln auch nicht als Brauch, sondern als Form der Kontaktaufnahme. Dass es diese nur in Bayern gegeben haben soll, glaubt er nicht. Das gab es bestimmt auch in Friesland oder Holland, ist er sich sicher - überall dort, wo die Häuser so niedrig waren, dass das Klettern gefahrlos möglich ist. Aber wieso verbindet man das Fensterln dann immer mit Bayern? "Oberbayern war ja schon im 19. Jahrhundert ein Sommerfrischler-Gebiet. Und die Touristen der damaligen Zeit wurden von Theaterbühnen unterhalten. Da wurde das Fensterln sehr hochgespielt."

Das Romantische würde Norbert Göttler nicht hoch ansiedeln. "Das mag es im Zweifelsfall gegeben haben", sagt er. "Ich glaube nur, dass dieser romantische Fall hauptsächlich ein Idyll schlechter Bauernbühnen, schlechter Romane und schlechter Heimatgeschichten ist. Und die waren dem Sommerfrischler geschuldet, der das gerne gelesen und angesehen hat. Und Idyll ist eine Bankrotterklärung des Geistes, weil die Begleitumstände bewusst nicht ins Auge gefasst werden." Die Realität war nämlich eine viel, viel härtere.

Das sagt auch der Kreisheimatpfleger von Weilheim-Schongau, Klaus Gast: "Um 1900 war es unmöglich, dass sich eine ledige Frau und ein lediger Mann im selben Zimmer aufgehalten haben. So streng waren die moralischen Regeln. Der Ausweg war die Leiter." Der Kreisheimatpfleger vergleicht die Sitten-Reglementierung mit der Prohibition in Amerika: Nur weil Alkohol verboten war, heißt das nicht, dass es keinen mehr gegeben hat.
Das Gemälde von A. Buzzi stammt aus dem 19. Jahrhundert und trägt den Titel ?Der fliehende Liebhaber?.
Das Gemälde von A. Buzzi stammt aus dem 19. Jahrhundert und trägt den Titel "Der fliehende Liebhaber".
A. Buzzi



Die Liebe, die Lust und die strengen moralischen Regeln waren nicht die einzigen Ursachen, die das Fensterln ausgelöst haben: Eine weitere war die finanzielle Lage. "Weit bis ins 19. Jahrhundert durften Leute keine Ehe eingehen, wenn sie nicht genügend Geld hatten, sich das Heimatrecht zu kaufen", erklärt Norbert Göttler.

Aus diesem Grund hätten die Leute wesentlich später geheiratet, sagt auch Klaus Gast. Denn im bäuerlichen Umfeld war es so, dass junge Männer erst dann heiraten konnten, wenn sie von ihren Eltern den Hof bekommen haben: "Heiratsgut und Übernahm hieß das", erklärt Gast. Da kam es schon auch vor, dass die Eltern den Hof erst im Rentenalter übergeben haben und der Bräutigam dann "schon 30" war. "Ergo: Die legitimierte Kontaktaufnahme war erst relativ spät", sagt der Kreisheimatpfleger von Weilheim-Schongau. Alle anderen, die keinen Hof geerbt haben oder nicht viel Geld hatten, Knechte und Mägde etwa, mussten unverheiratet bleiben. "Die Hälfte der Kinder war also unehelich", erzählt Gast.

Dabei hatte die Frau stets das Nachsehen: "Vor allen Dingen für sie war die sexuelle Seite eine herabsetzende und unter Druck setzende Angelegenheit", erklärt Bezirksheimatpfleger Göttler. "Viele, die in einem Verhältnis zu ihrem Dienstherren standen, dem sie ausgeliefert waren, sind extrem unter Druck gesetzt worden, sind geschwängert worden, vergewaltigt worden. Wenn sie dann schwanger waren, dann waren sie die Verlierer." Im besten Fall seien sie in irgendeiner Weise entlohnt worden. Das kam aber eher selten vor. Meistens habe man sie in ein Kloster gesteckt. Oder als "Mensch" vom Hof gejagt. "Mensch in diesem Sinne ist aber kein neutraler Begriff, sondern ein Schimpfwort, praktisch eine Hure", erklärt Göttler. Der Begriff taucht auch in dem bayerischen Volkslied vom "Fensterstock-Hias" auf (um 1800, 1976 von Fredl Fesl aufgenommen), das sich ums Fensterln dreht. Hier heißt es: "Kaum bin i a Zeitl beim Mensch drinna glegn, / da kimmt scho der Bauer mitm Ochsnzeam zwegm." In dem Lied geht es um Hias, also Matthias, der sein Mädchen besucht, und dann vom Bauern erwischt wird. Dieser verprügelt ihn mit einem Ochsenziemer, also einer Schlagwaffe aus einem gedörrten Ochsenpenis. Daraufhin klettert er aus dem Fenster und bleibt am Fensterstock hängen, den er um den Hals bis nach Hause trägt.

In dem Lied wird auch auf den sogenannten Kuppelparagraphen angespielt. Denn der Hausherr durfte es nicht dulden, dass unter seinem Dach "Unzucht" getrieben wurde, sonst war er der Kuppelei schuldig. Darauf standen bis zu fünf Jahre Gefängnis. Der Bursche wiederum musste - mit Ausnahme der Schmerzen durch die Schläge - keine Strafen fürchten. Im Gegenteil: "Es hat auch ein Sozialprestige gegeben, dass er gesagt hat, ich war bei dreien in der Nacht, und du nur bei zweien, und der andere bei gar keiner." Er konnte sich damit brüsten - im Gegensatz zum Mädchen.Lesen Sie in der nächsten Folge:
"Wasservogel" heißt ein archaischer Brauch, der fast ausgestorben ist. In Irlahüll (Kreis Eichstätt) gibt es ihn noch.