Richter
Denkendorf
Die Idee stammte ursprünglich von einem anderen. Der Denkendorfer Unternehmer Alfons Geyer hatte 1999 als Mitglied der örtlichen Agenda-21-Arbeitsgruppe Kultur und Natur erwähnt, er wolle die Flurdenkmäler in und um die Gemeinde an der A9 im Kreis Eichstätt erforschen. Den geistigen Grundstein für dieses Ansinnen hatte einst sein Vater gelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebend zurückgekehrt, hatte er aus Dankbarkeit ein Feldkreuz in Ordnung gebracht und den jungen Alfons ermahnt: "Du musst immer gut drauf aufpassen!" Max Böhm, ebenfalls in Denkendorf daheim und heute 81 Jahre alt, hatte aufgehorcht. "Herrschaft, das würde mir auch Spaß machen", schoss es ihm durch den Kopf. Da traf es sich gut, dass es dem vielbeschäftigten Unternehmer letztlich an der Zeit fehlte, sein Vorhaben umzusetzen. "Übernimm du, Max, ich mache die Fotos und unterstütze dich", sagte er. Es war der Beginn einer Leidenschaft, die bei Böhm bis heute anhält.

 
Richter
Denkendorf


Bildstöcke und Wegkreuze gehören zu Bayern wie der weiß-blaue Himmel. Wo lässt sich für Spaziergänger und Wanderer besser innehalten für ein kurzes Gebet oder nur um mal nachzudenken über die Vergänglichkeit unseres Daseins? Flurdenkmäler erzählen von vielen Begebenheiten und Unglücken, von Freud und Leid - man muss sich nur die Zeit dafür nehmen. Wenn Denkendorfs Marterl, Feldkreuze und Kapellen heute aufwendig saniert sind und ihre Geschichten in Buchform vorliegen, so liegt das vor allem an Max Böhm. Der 81-Jährige stapelt zwar lieber tief, spricht man ihn darauf an, aber er gilt nun mal als Seele dieses Projekts. "Menschen, die sich so für die Gemeinschaft engagieren, sind ein großer Wert für jede Gemeinde", freut sich Bürgermeisterin Claudia Forster.

Böhms Leidenschaft war jedenfalls geweckt, als er diese Aufgabe übernahm - "nicht ahnend, was da auf mich zukommt", sagt er und lacht. Der Hintergrund mancher Marterl erschloss sich von selbst, wie bei dem vor seiner Haustür. Böhm ist in Denkendorf geboren und lebt bis heute in seinem Elternhaus am südlichen Ortsausgang. Er stockte das Gebäude auf und richtete den Garten liebevoll her, in der einen Ecke gibt es eine Werkstatt mit Schmiede, in der anderen eine kleine Schreinerei. Direkt vor dem Anwesen steht das "Woider"-Marterl, der 81-Jährige kennt es schon seit er denken kann. "Als Kinder sind wir dran rumgeturnt." Der Meier-Josef, genannt "Woider", war hier am 9. Juni 1931 tödlich verunglückt, als er Baumstämme auf seinem Pferdefuhrwerk festzurrte. "Dabei ist eine Kette gerissen, ein Stamm hat ihn erschlagen", erzählt Max Böhm. "Fünf Kinder hat er gehabt, die jüngsten waren Zwillinge und erst vier Monate alt." Der Pfarrer habe noch am selben Tag dafür gesorgt, dass die Witwe einen Helfer von einem anderen Hof bekam.

Dieses Schicksal hat der Denkendorfer wie alle anderen sauber dokumentiert. Seine handschriftlichen Aufzeichnungen füllen ganze Aktenordner. Zwei Jahre in Folge forschte und recherchierte Böhm in und um Denkendorf, bis er 73 Flurdenkmäler erfasst hatte - Dorfgeschichten, die sonst wohl verloren gegangen wären. "Du musst da konzentriert dran bleiben, anders wird das nichts." Er nutzte seine Kontakte in den Ortsteilen, um die Hintergründe der Marterl zu erfahren. Manchmal war es einfach, wie im Wald am Segelberg südlich von Bitz. Dort war am 28. Juni 1945 ein amerikanisches Kampfflugzeug abgestürzt, der Pilot James W. Noland kam ums Leben. Rudolf Götz, damals ein Bub mit sechs Jahren und später 2. Bürgermeister von Denkendorf, hatte das tragische Geschehen als Augenzeuge verfolgt. Als Erwachsener gelang es ihm gemeinsam mit dem Heimatforscher Rudolf Hager, den Namen des Toten und die Unglücksumstände zu rekonstruieren. "Ich habe dann 2004 ein Marterl angefertigt, mein Schwager Hans Schuster hat das Bild eines brennenden Fliegers draufgemalt", erzählt Max Böhm. Der Schwager ist mittlerweile gestorben, für die künstlerische Note ist nun Harald Gröger zuständig.

In anderen Fällen musste Böhm dagegen lange an der Geschichte der Marterl forschen, einmal dauerte es fünf Jahre, bis alles offengelegt war. "Da fühlst du dich so euphorisch als ob du einen Sechser im Lotto hast." Es erscheint nahezu unglaublich, was über Jahrhunderte erhalten blieb. So konnte der Denkendorfer das Schicksal des am 20. Mai 1869 erstochenen Arnsberger Schlossbauernsohns Johann Fink klären - drei Versionen über seinen gewaltsamen Tod gab es, die richtige fand Böhm heraus. Laut einem Bericht der Eichstätter Zeitung starb der 20-Jährige im Streit um ein Mädchen.

Der Flurdenkmalpfleger hat diese Erinnerung an Johann Fink - wie unzählige andere in Denkendorf - liebevoll restauriert. Sein handwerkliches Geschick kommt nicht von ungefähr, schließlich hatte Böhm lang in der Werkstatt der Kipfenberger Glashütte gearbeitet. Sein Engagement animierte nicht wenige im Ort, ihre eigenen Marterl in Ordnung zu bringen. Nicht immer sind es nur alte Stücke, die Böhm erfasst und katalogisiert hat. Das im Herbst 2001 geweihte Hartmannsgrüner Kreuz am "Luderbügl" am Ortsrand etwa erinnert an die Vertreibung aus dem Sudetenland und daran, wie Denkendorf die neue Heimat der Ankömmlinge wurde. Und an der Straße nach Schönbrunn steht ein kleines Eisenkreuz zum Gedenken an den bekannten Basketballer Dra?en Petrovic, der 1993 bei einem Unfall auf der A9 bei Denkendorf starb.

Sein vorerst letztes Stück sanierte Böhm an der Ortsverbindung nach Kipfenberg, ein Bildstock, er gilt als ältestes Marterl der Gemeinde aus dem Jahr 1465. Damals erlitt ein gewisser Leonhard Rollmann bei einer Schlägerei tödliche Blessuren. Der Täter musste 45 Gulden an die Waisen zahlen, Begräbnis und Seelenmessen finanzieren, 30 Pfund Wachs opfern, und außerdem ein Steinkreuz am Ort des Geschehens aufstellen. Es hielt bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als es der Straße weichen musste, ein Eichenholzstock ersetzte es. Max Böhm hat das Holz nun aufpoliert, Erinnerung und Mahnmal zugleich für künftige Generationen.

Lesen Sie in der nächsten Folge:
Bräuche - warum die Bayern sie so liebevoll pflegen und warum immer wieder neue hinzukommen.