Viele Bräuche sind mit christlichen Festen verknüpft: So werden an Fronleichnam an den Prozessionswegen traditionell Blumenteppiche gelegt ? wie hier auf dem Eichstätter Marktplatz.
Viele Bräuche sind mit christlichen Festen verknüpft: So werden an Fronleichnam an den Prozessionswegen traditionell Blumenteppiche gelegt - wie hier auf dem Eichstätter Marktplatz.
Poese
Eichstätt
Bier und Brezn und Berge, Blasmusik und Oktoberfest, Dirndl und Lederhose - so stellt man sich in der Welt Land und Volk der Bayern vor. Alles nur Klischees? Immerhin: In wohl keinem anderen Teil Deutschlands besitzen Traditionen und Brauchtumspflege einen so großen Stellenwert wie im Freistaat.

Als das Königreich im Jahr 1806 gegründet wurde, besaßen die Bayern noch keine gemeinsame Identität - im Gegenteil. Franken, Schwaben oder Pfälzer hatten eigenständige Dialekte, Traditionen und Bräuche. Wie sollte das zusammenpassen - sich zu einem Bild von Bayern zusammenfügen?

Besonders um Volkskunde und Traditionspflege hat sich Maximilian II. verdient gemacht. Nicht ganz ohne Hintergedanken: Der König wollte Kunst, Sitten und Brauchtum des Volkes fördern, um den deutschen Einigungsbestrebungen etwas entgegenzusetzen. Wie schon unter seinem Vater Ludwig I. sollte diese Kulturpflege als Bollwerk gegen umstürzlicherische Tendenzen dienen und besaß somit einen restaurativen Grundzug.

Zu Beginn schrieb sich König Maximilian II. die Förderung der ländlichen Kleidung auf die Fahnen - per Erlaß. Der Regent band sogar Trachtenträger offiziell in sein Hofzeremoniell ein. Mit der Verbreitung der Trachten wollten die Wittelsbacher "zur Hebung und Kräftigung des bayerischen Nationalgefühls" beitragen. Das von ihm geplante Bayerische Nationalmuseum sollte nicht nur die hohe Kunst aus allen Epochen Bayerns versammeln, sondern ebenso Objekte der Volkskultur.
Das Bayerische Nationalmuseum.
Das Bayerische Nationalmuseum.
Avda
Eichstätt



Maximilian II. war bestrebt, dem Ganzen auch einen festen Rahmen zu geben: Die Erforschung der Sitten und Bräuche und volkstümlichen Erzählungen wurde in den 1850er und 60er Jahren zu einem wissenschaftlichen Fach, das sich in Bayern rasch entwickelte. Ein Hesse ausgerechnet bekam den ersten Lehrstuhl: Wilhelm Heinrich Riehl forschte und unterrichtete "Gesellschaft, Wissenschaft, Kulturgeschichte und Statistik" an der Münchner Universität.

Es war Riehl, der die wissenschaftliche Volkskunde in Bayern etablierte und gleichermaßen populär machte. Sein Hauptverdienst war die Herausgabe der Bände "Bavaria Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern" - die erste und bis heute einzige umfassende Beschreibung bayerischer Volkskultur. König Maximilian II. war bei der Anlage des Sammelwerkes teils selbst federführend; Vor allem unterstützte er die Veröffentlichung des Werkes durch Zuschüsse aus seiner Privatschatulle, wodurch das Werk für eine breite Leserschaft erschwinglich war.

Heute bezeichnet man Bräuche, Trachen und Mundarten oft als "weiche" Themen der Heimatpflege. Ungeachtet dessen prägen sie das Leben vieler Menschen auch heute - im digitalen Zeitalter: Bäuche sind eben stark in unserer Gesellschaft verankert, auch wenn wir uns dessen oft gar nicht so bewusst sind.

Nach außen spiegelt sich diese Präsenz nicht zuletzt in zahlreichen Vereinen und Verbänden wider, die sich um ihren Erhalt tradierter Kleidungs-, Handlungs- und Sprachweisen bemühen - allen voran der Bayerische Landesverein für Heimatpflege. Doch auch von Staat und Kommunen, Wirtschaft, Medien und Tourismus werden Bräuche gezielt für eigene Zwecke eingesetzt. Die Gründung eines Heimatministeriums kommt nicht zufällig in einer Phase gesellschaftlichen Wandels und der Suche nach Identität.
önig Maximilian II. machte sich um Volkskunde und Brauchtumspflege verdient.
König Maximilian II. machte sich um Volkskunde und Brauchtumspflege verdient.
Zimmermann
Eichstätt



Denn Bräuche schaffen Vertrauen und Verlässlichkeit: Sie geben dem Leben einen Takt und schaffen Abwechslung im Alltagstrott. Sie stärken den Gemeinschaftssinn und soziale Bindungen. Gleichzeitig setzen sie in der zunehmend globalen Welt regionale Akzente. Bräuche erfüllen also einen Zweck und Sinn - sie werden gebraucht im wahrsten Sinne des Wortes. Tatsächlich leitet sich das Wort Brauch vom althochdeutschen Begriff "bruh" ab, der für Nutzen steht.

Vor allem aber sind Bräuche nichts Starres: Mit "brauchwiki" ist eine Plattform entstanden, auf der jeder Bayer Bräuche oder Besonderheiten aus seinem Dorf oder seiner Stadt melden und beschreiben kann. Auch Fotos und Videos sind willkommen. So schafft Brauchtumspflege den Sprung ins digitale Zeitalters - getreu dem Motto "Was brauchst du?"

Nun lässt sich trefflich darüber streiten, ob sich der norddeutsche Brauch des Boßelns (ein Sport, bei dem man Bälle möglichst weit wirft) unbedingt auch in Bayern verbreiten muss, wie auf "brauchwiki" nachzulesen . Aber wenn es den Bieselbachern (Landkreis Augsburg) Spaß macht, jedes Jahr ein Turnier zu veranstalten - dann ist zumindest dort ein neuer Brauch entstanden. Auch wenns einem echten Bayern bei dem Gedanken womöglich die Haare aufstellt. "Brauch ma ned" gilt eben nicht.

Ein Interview mit der Volkskundlerin Gabriele Wolf von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften lesen Sie hier.

Lesen Sie in der nächsten Folge:
Alles über die Lederhose