Um diese kleine Döschen geht es: Vereinsvorsitzender Alexander Jocham (links) und Stefan Wittmann zeigen ihre Stopsel.
Um diese kleine Döschen geht es: Vereinsvorsitzender Alexander Jocham (links) und Stefan Wittmann zeigen ihre Stopsel.
Belzer
Peutenhausen
Stopselkontrolle! - Die kann jedes Mitglied immer und überall treffen. Im Supermarkt, im Bierzelt, beim Sonntagsspaziergang. Das geht so: Ein Mitglied hält dem anderen Mitglied den Stopsel vor die Nase und verlangt, von ihm den seinen zu sehen. Denn: Die Stopsler müssen ihren Stopsel immer dabei haben, so steht es in der Satzung des Stopselclubs. Das ist quasi Stopslergesetz. Der Vorsitzende des Peutenhausener Stopselclubs, Alexander Jocham, geht mit gutem Beispiel voran: Seit acht Jahren hat der 24-Jährige seinen Stopsel immer, aber auch wirklich immer in der Hosentasche dabei. Verboten ist, ihn in den Geldbeutel zu packen - denn den hat man ja sowieso immer im Gepäck. Das wäre zu einfach. Nein, der Stopsel muss separat mitgenommen werden. Die Stopsel sind dabei aber keine Kronkorken, sondern kleine Döschen aus Holz, auf denen eine aus Stahl ausgestanzte Platte aufgebracht ist. In seiner Ursprungsform ist es rot lackiert.
Prost: Den Stopselclub Peutenhausen (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen) gibt es schon seit 1979 ? damals taten sich einige junge Männer zusammen und gründeten den Club, auch als Alternative zu den gängigeren Burschenvereinen. Frauen sind bis heute nicht erlaubt, sie dürfen ab dem 16. Lebensjahr Festdamen werden (links). Den Stopslern geht es vor allem um die Geselligkeit, regelmäßig veranstalten sie auch Events für die ganze Gemeinde, zum Beispiel das Steckerlfischessen (oben links) oder das Somm
Prost: Den Stopselclub Peutenhausen (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen) gibt es schon seit 1979 - damals taten sich einige junge Männer zusammen und gründeten den Club, auch als Alternative zu den gängigeren Burschenvereinen. Den Stopslern geht es vor allem um die Geselligkeit, regelmäßig veranstalten sie auch Events für die ganze Gemeinde, zum Beispiel das Steckerlfischessen oder das Sommernachtsfest. Und auch die Fußball-WM wird an der Stopslerhütte übertragen.
Stopselclub Peutenhausen
Peutenhausen


"Bei meinen älteren Jeans-Hosen sieht man, in welcher Tasche ich den Stopsel trage, da ist der Stoff dünner", sagt Alexander Jocham und lacht. "Und rot ist er auch nicht mehr. Die Farbe ist abgegangen." Seit er 16 Jahre alt ist, ist er bei den Stopslern dabei, seit vier Jahren ist er deren Vorsitzender. Die Stopsler aus Peutenhausen, ein Ortsteil der Gemeinde Gachenbach im Landkreis Neuburg- Schrobenhausen, sind eine lustige Truppe - und vor allem eine gesellige. Das Vereinsleben ist auf dem Land ein wichtiger Faktor. Während jedoch Schützenvereine und Freiwillige Feuerwehren fast in jedem Dorf zu finden sind, sind die Stopsler schon so etwas wie die Exoten. "Bei Vereinsausflügen werden wir schon oft gefragt, was das denn eigentlich zu bedeuten hat", gibt der Vorsitzende zu. In der Region rund um Ingolstadt gibt es aber durchaus auch noch andere Stopselclubs - besonders im Landkreis Eichstätt ist die Dichte groß.

 
Stopselclub Peutenhausen
Peutenhausen


"Dass die Stopselkontrolle überall stattfinden kann, das ist die Gaudi daran", findet Stefan Wittmann. Der 45-jährige frühere Vorsitzende gibt zu, dass er seinen Stopsel nicht immer bei sich trägt. Die Statuten sehen für diesen Fall eine Strafe vor: 60 Cent für die Vereinskasse. Hätten immer alle ihr Vereinswahrzeichen dabei, würde die Stopslerhütte am Rande Peutenhausens wohl anders aussehen. Mit dem "Strafgeld", Erlösen aus dem internen Getränkeverkauf und Einkünften aus kleineren und größeren Veranstaltungen finanziert der Verein seine Hütte, die im Laufe der Zeit immer größer wurde - ein Treffpunkt für Jung und Alt. Eine Bar im Innenraum, Fotos und Bilder, Kalender mit Schönheiten, Plaketten mit den Siegern von Schafkopf- und Wattturnieren, Teller und Krüge als Erinnerungsgeschenke von anderen Vereinen - man hat sich gemütlich eingerichtet. Draußen stehen Bierbänke und bald werden während der Fußball-WM die Spiele der deutschen Nationalmannschaft übertragen.
Frauen sind bis heute nicht erlaubt, sie dürfen ab dem 16. Lebensjahr Festdamen werden. 
Stopselclub Peutenhausen
Peutenhausen


Zwölf Freunde gründeten 1979 den Verein. Das Phänomen Stopselclub gibt es seit den 1950er-Jahren. Die Mitgliedschaft war und ist Männern vorbehalten. Einen Burschenverein aber wollten sie auch nicht ins Leben rufen, "da muss man austreten, wenn man heiratet", erklärt Wittmann. Den Frauen bleibt ein Trost: Ab dem 16. Lebensjahr können sie Festdamen werden. Während die Männer aber in mehreren Vereinen aktiv sein dürfen, müssen sich die Damen für einen Verein entscheiden, bei dem sie als Festdame fungieren möchten. Gleichberechtigung sieht wohl anders aus, aber den Peutenhausenern geht es vor allem um die Geselligkeit. In ihrer Hütte werden Geburtstage gefeiert, Karten gespielt und beim Sommernachtsfest kommt nicht nur ganz Peutenhausen vorbei, um bei der Hütte den beliebten Steckerlfisch zu essen. "Da geht's richtig zur Sache", erzählt Wittmann.

Monatlich treffen sich die Mitglieder zum Stopslerabend, aber auch sonst ist immer jemand in der Hütte anzutreffen. Und genau so soll es auch sein. ",Zur Pflege und zum Erhalt der Dorfgemeinschaft', so steht es in der Satzung", sagt Jocham. Dass Jung und Alt bei den Stopslern gemeinsam an einem Tisch sitzen, sich austauschen, Zeit miteinander verbringen, das empfinden die Vereinsmitglieder als Bereicherung.

Von Nachwuchssorgen kann derweil keine Rede sein, aktuell zählen die Stopsler 139 Mitglieder - nicht nur Peutenhausener. Wenn jedoch jemand aus einer Nachbargemeinde eintreten will, muss der Vorstand darüber beratschlagen. Ein Blick auf den großen Jahreskalender beweist eine rege Vereinstätigkeit - wie das eben so ist auf dem Land. Die Vereine zeigen in festlichem Gewand Präsenz bei Veranstaltungen der anderen Vereine, nehmen teil am Leben in der Gemeinde, gehen bei Prozessionen mit, feiern Fahnenweihen oder andere Feste gemeinsam. Das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Offensichtlich mit Erfolg: "Aus Peutenhausen geht eigentlich nie jemand weg", sagt Alexander Jocham. Lesen Sie in der nächsten Folge:
Die heutige Vorstellung vom Fensterln entstammt dem Bauerntheaterkitsch. Denn in Wirklichkeit war alles ganz anders.