Montag, 18. Juni 2018
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Ungebrochene Liebe zur Tracht

Ein Kleidungsstück zum Wohlfühlen

Geisenfeld
erstellt am 12.06.2018 um 19:45 Uhr
aktualisiert am 12.06.2018 um 22:55 Uhr | x gelesen
Geisenfeld (PK) In der Dirndl- und Trachtenschneiderei von Josefine Raith in Geisenfeld-Parleiten (Landkreis Pfaffenhofen) herrscht kreatives Chaos. Raith und ihr Team statten Volkstrachten- und Schützenvereine, Musikkapellen und Faschingsgesellschaften aus, da kommt einiges an Arbeit zusammen. Und nicht zuletzt boomt natürlich das Geschäft mit den privaten Kundinnen, die sich ein maßgeschneidertes Dirndl zulegen wollen. "Richtig los ging es etwa im Jahr 2000, seither stieg die Nachfrage kontinuierlich", erzählt Josefine Raith.
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Volle Konzentration: Maßschneidermeisterin Katharina Turger bei der Arbeit an der Nähmaschine.
Volle Konzentration: Maßschneidermeisterin Katharina Turger bei der Arbeit an der Nähmaschine.
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Zwischen Nähmaschinen, Bügelbrettern, Kleiderständern, Kleiderbügeln und Arbeitstischen finden sich unzählige Nadeldöschen, Nadelkissen, Scheren, Stoffmuster und Garne in den unterschiedlichsten Farben, Knöpfe, Stifte, Lineale, Maßbänder. Dazwischen stehen eine Kanne Kaffee und eine Flasche Wasser. Zwei Nähmaschinen rattern leise vor sich hin. Katharina Turger, Josefine Raiths Tochter, sowie Mitarbeiterin und Schneiderin Katja Ertlmeier sind gerade mit der neuen Ausstattung für die Geisenfelder Stadtkapelle beschäftigt. Turger ist als Maßschneidermeisterin mit Schwerpunkt Trachten vor zehn Jahren in den Betrieb ihrer Mutter eingestiegen.

Zu tun gibt es für die insgesamt fünf Frauen - im September fängt zusätzlich wieder ein Lehrling an - mehr als genug. Davon zeugen die zahlreichen grauen Kisten mit Aufträgen, die sich an einer Wand stapeln. Wer ein maßgeschneidertes Dirndl aus dem Hause Raith möchte, muss deshalb mit etwa einem halben Jahr Wartezeit rechnen. "Wir machen hauptsächlich historische Trachten und traditionellere Dirndl, aber auch Brautdirndl, Kommunions- oder Firmdirndl sowie Modedirndl", zählt Katharina Turger auf. Die Kundschaft ist altersmäßig bunt gemischt und nimmt zum Teil Anfahrtswege von 80 bis 100 Kilometern auf sich, wie Josefine Raith berichtet. Meist aufgrund von Weiterempfehlungen, aber auch wegen der langjährigen Präsenz auf Festen und Veranstaltungen wie zum Beispiel dem Gredinger Trachtenmarkt.
Maßgeschneidert statt von der Stange: Vom Stoff (links) über den Schnitt bis hin zu Knöpfen  und Verzierungen können sich die Kundinnen jedes  Detail aussuchen. Katharina Turger, Josefine Raith und Katja Ertlmeier (von links)  tragen ihre handgefertigten Dirndl natürlich auch selbst.
Maßgeschneidert statt von der Stange: Vom Stoff (links) über den Schnitt bis hin zu Knöpfen und Verzierungen können sich die Kundinnen jedes Detail aussuchen. Katharina Turger, Josefine Raith und Katja Ertlmeier (von links) tragen ihre handgefertigten Dirndl natürlich auch selbst.
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Raith und ihr Team statten Volkstrachten- und Schützenvereine, Musikkapellen und Faschingsgesellschaften aus, da kommt einiges an Arbeit zusammen. Und nicht zuletzt boomt natürlich das Geschäft mit den privaten Kundinnen, die sich ein maßgeschneidertes Dirndl zulegen wollen. "Richtig los ging es etwa im Jahr 2000, seither stieg die Nachfrage kontinuierlich", erzählt Josefine Raith. Ein Ende des neuen Interesses an Tracht und Dirndln sei nicht in Sicht, "Gottseidank", meint sie lachend. Die Parleitenerin versteht ihr Handwerk: Seit 44 Jahren ist sie in ihrem Beruf tätig, vor 30 Jahren hat sie ihren Betrieb gegründet und seit 20 Jahren ist die Damenschneidermeisterin auf Trachten spezialisiert. "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht", sagt sie - und man merkt ihr an, wie viel Freude sie nach wie vor daran hat.

Der Zeitpunkt dafür war goldrichtig. Ein handgefertigtes individuelles Dirndl, bei dem man sich vom Stoff über den Schnitt bis hin zum kleinsten Detail alles selbst aussuchen kann, wollen immer mehr Frauen im Schrank haben. Mindestens 550 Euro muss man dafür im Budget einplanen. Je aufwendiger, desto teurer wird das Ganze. Im Schnitt braucht Katharina Turger 14 bis 16 Stunden für ein Dirndl, wie sie sagt. Allerdings können alleine schon handgemachte Froschmaul-, Dacherl- oder Herzerlrüschen, wer diese denn möchte, viele Arbeitsstunden verschlingen. Noch um einiges anspruchsvoller sei eine historische Tracht. "Da kann es schon vorkommen, dass ich für ein Mieder 40 bis 60 Stunden brauche."
 
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Und was ist bei den Dirndln gerade besonders "in"? Da muss Turger nicht lange überlegen: "Auf jeden Fall Pastellfarben, wie Hellgrau, Rosé, Lachs und Hellblau. Oder gleich ein kräftiges Dunkelblau." Beim Schnitt seien gerade Stehkrägen beliebt, während Schneewittchenkrägen nicht mehr so häufig nachgefragt werden. "Runde oder eckige Ausschnitte gehen aber immer." Die Stoffe, die sich die Kundinnen momentan aussuchten, reichten von Mikrofaser und Baumwolle über Seidenstoffe bis hin zu Wollmischfaser. Oft seien sie mit kleinen Streublumen verziert. Das Gewand wollen die meisten Kundinnen einheitlich haben, manche entscheiden sich jedoch auch für ein Dirndl aus unterschiedlichen Stoffen, etwa ein Seidenoberteil mit einem Wollrock.

"Am wichtigsten ist jedoch, dass es am Ende gut sitzt und sich die Trägerin darin wohlfühlt", betont Josefine Raith. "Sie soll nicht erst die Luft einziehen müssen." Früher sei das Dirndl ein Arbeitsgewand gewesen, "da hat ja auch nichts zwicken dürfen". Damit das nicht passiert, muss eine Kundin drei- bis viermal in die Schneiderei kommen. Zum Bestellen und Abholen sowie ein- bis zweimal zum Anprobieren. Viel Wert legen Mutter und Tochter auch auf eine ausführliche Beratung. Dabei scheuen sie sich nicht zu sagen, wenn einer Kundin das Ins-Auge-Gefasste nicht so gut steht, was Farbe, Muster oder Länge beziehungsweise Kürze des Rocks angeht. "Mit der Zeit bekommt man einen Blick dafür, was für jemanden geeignet ist und was nicht", erklärt Raith. Was Schmuck und sonstige Utensilien zum Dirndl angeht, ist die Trachtenschneiderin lockerer: Ob Blumenkranz, Hut oder Kropfkette, "es kommt halt drauf an, was gerade in Mode ist. Eine Regel gibt es da nicht." Selbst bei Turnschuhen zum Dirndl bekommt die Expertin keine Gänsehaut: "Mei, wem's gefällt..."
 

Die Schleife

So mancher junge Mann mag auf dem Volksfest vielleicht auf die Position der Dirndlschleife schielen, wenn er ein Mädel kennenlernt; soll die Schleife doch schnell und unkompliziert über deren Beziehungsstatus Auskunft geben: Bindet eine Frau die Schleife rechts, ist sie liiert.Bindet sie die Schleife links, ist sie Single. Vorne mittig soll bedeuten, dass die Trägerin Jungfrau ist, während Witwen die Schleife angeblich hinten gebunden tragen. Historische Belege für diese "Signale" gibt es aber nicht - verheiratete Frauen waren früher ohnehin anders gekleidet als ledige Mädchen. Im Grunde ist es also Geschmackssache, wie und wo eine Frau ihre Dirndlschürze bindet.


Lesen Sie in der nächsten Folge:
Aberglaube und angeblich übersinnliche Phänomene waren auch im Freistaat weit verbreitet. Eine Spurensuche.
Silvia Obster