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Sie will alles – nur kein Mitleid

erstellt am 06.11.2007 um 22:22 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 13:19 Uhr | x gelesen
Peutenhausen (DK) Leben mit nur einem Bein, ohne Hände und Arme: Das ist Alltag für die 13-jährige Denise Marko aus Peutenhausen bei Schrobenhausen. Ein Alltag, den der überaus fröhliche Teenager bestens meistert. Denise besucht die achte Klasse der Maria-Ward-Mädchenrealschule in Schrobenhausen und gehört dort zu den guten Schülerinnen. Freundinnen und Freunde hat sie reichlich und wird von ihnen "ganz normal behandelt". Das ist Denise auch sehr wichtig, Mitleid will und braucht sie nicht. Für ihre Eltern war die angeborene Behinderung nach der Geburt erst ein Schock, für die Ärzte "eine Laune der Natur", deren Ursache nicht bekannt ist.
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12-07 mädchen
Glückliche Denise: Die inzwischen 13-Jährige kurz nach dem Ende der Dreharbeiten für den Film "Contergan" im Januar 2006. Heute und morgen wird der Zweiteiler in der ARD ausgestrahlt. - Foto: Hammerl
Alles, was Denise selber machen kann, das macht sie auch. Ihre strahlenden Augen und ihr fröhliches, selbstbewusstes Wesen machen es anderen Menschen leicht, mit ihr wie mit jedem anderen Mensch umzugehen. "Du hast in unser Herz soviel Sonnenschein gebracht", schrieb Michael Souvignier in das Film-Erinnerungsbuch von Denise hinein, "dass wir den Sommer problemlos erreichen". Souvignier ist Produzent des WDR-Zweiteilers "Contergan. Eine einzige Tablette", der heute und morgen um 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird. Denise spielt in dem Film, der nach einem mehr als ein Jahr dauernden Rechtsstreit nun laut Bundesverfassungsgericht doch ausgestrahlt werden darf, das Conterganopfer Katrin. Seitdem steht auch der Berufswunsch von Denise fest. Schauspielerin möchte sie werden und ist auf dem besten Weg dazu. Derzeit steht sie allerdings mehr in eigener Sache vor der Kamera. Gestern beispielsweise jettete sie mal eben mit ihrer Mutter Brigitte nach Köln zur Aufzeichnung der Talkshow bei Sandra Maischberger.

Denise nimmt den Rummel um ihre Person recht gelassen, nur wenn zu viel Lob kommt, dann wird sie verlegen – wie auf der Premierenfeier vor zwei Wochen. Zuhause geht derweil alles seinen gewohnten Gang: vormittags Schule, dann Hausaufgaben und am Nachmittag telefonieren, im Lieblings-Chatroom chatten oder einfach ausruhen. Chillen, wie der moderne Teenager sagt.

Selbstständiger Teenager

Hans und Brigitte Marko legten von Anfang an, großen Wert darauf, die Tochter so selbstständig wie möglich zu erziehen. Eine Freundin anrufen? Kein Problem. Ruckzuck ist Denise von der Eckbank herunter gerutscht und hüpft zum Telefon, einem dieser glatten Schnurlostelefone, die ganz leicht aus der Hand rutschen. In Nullkommanichts hat sie sich das Teil hinters Ohr geklemmt, tippt am Tisch die Nummer ein und verschwindet, den Hörer wieder zwischen Schulter und Ohr, in ihrem Zimmer. Geht ja auch niemanden etwas an, was sie zu erzählen hat.

Schreiben kann Denise mit ihrem Fuß, und wenn es an komplizierte Zeichnungen wie Landkarten für das Schulfach Erdkunde geht, dann findet sich bestimmt eine hilfsbereite Klassenkameradin. So blieb Denise auch nie von Klassenfahrten ausgeschlossen. Wenn sie Hilfe braucht, dann sagt sie das. Und wenn etwas nicht passt, dann sagt sie das auch, wie kürzlich Regisseur Mike Schaefer feststellen musste, der eine Reportage über Denise drehte, die am Sonntag, 11. November, um 17.30 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird. "Erzähl’ bloß nichts Falsches", rief Denise ihrem Freund Florian nach, als der zum Interview geholt wurde, und sicherheitshalber wiederholte sie das gleich noch zweimal.

An die Rolle im Conterganfilm kam Denise über eine Wiener Selbsthilfegruppe für gliedmaßengeschädigte Kinder und Jugendliche. Zweimal reiste Regisseur Adolf Winkelmann nach Peutenhausen, das zweite Mal allerdings eigentlich nur noch, um das Einverständnis von Denise einzuholen, denn er selbst hatte sich bereits für sie entschieden. An neun der insgesamt 54 Drehtage war Denise mit von der Partie, wobei vier Drehtage ihretwegen in die Herbstferien 2005 verlegt wurden, damit sie nicht allzu viel Unterricht versäumte.

Zeit, um die Rolle zu lernen, brauchte sie nicht, denn Regisseur Winkelmann hat seine eigene Methode, mit Kindern zu arbeiten. Er gibt keine festen Texte vor, damit die Szenen nicht gestelzt wirken. In ihren Filmeltern Katharina Wackernagel und Benjamin Sadler, Garderobiere Heike, Produktionsleiter Georg Kuch und vielen anderen fand Denise gute Freunde am Set. Und dann war da ja auch noch Regisseur Winkelmann, der in den Drehpausen mit ihr Mühle spielte – und dabei so gerne gewonnen hätte. Hat er aber nicht.

 
 

 
Von Andrea Hammerl
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