Donnerstag, 17. Januar 2019
Lade Login-Box.

"Schuld ist man natürlich immer selbst"

erstellt am 11.01.2008 um 20:50 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 13:19 Uhr | x gelesen
Gungolding (DK) Manfred Schweiger weiß nicht, was er tun soll. "Ich habe kein Geld mehr, ich kann nichts mehr zahlen", sagt der Rentner. Seine Altersvorsorge ist weg. Wie rund 20 000 andere Kunden der Volks- und Raiffeisenbanken in Deutschland hatte der 68-Jährige aus Gungolding im Altmühltal in Immobilienanlagen der DG-Bank-Gruppe investiert. Das Geldinstitut, das heute DZ-Bank heißt, ist die Mutter der genossenschaftlichen Banken in Deutschland. Nun zeigt sich, dass rund zwölf der 50 geschlossenen Immobilienfonds insolvenzgefährdet sind.
Textgröße
Drucken
 
Für viele Anleger bedeutet das den Verlust ihrer größtenteils als Altersvorsorge gedachten Einlagen. Weit mehr als 500 Millionen Euro beträgt der Schaden laut einem Bericht des ARD-Magazins "Plusminus". Bei manchen Fonds müssen eventuell die Ausschüttungen zurückgezahlt werden. Und schätzungsweise 300 Kunden, darunter auch Manfred Schweiger, drohen sogar weitere Verluste: Der DG-Fonds 37, mit dem sie Berliner Geschäftsräume und Wohnungen finanzierten, wurde als Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet, die Anleger haften für etwaige Verluste mit ihrem Privatvermögen. Bis zu 90 000 Euro könnte Schweiger nachzahlen müssen.

1995 gab er seine Festanstellung auf und machte sich selbstständig. Um sich fürs Alter finanziell abzusichern, erkundigte sich Schweiger bei seiner Hausbank, der Raiffeisenbank Kipfenberg – heute im Bereich der Raiffeisenbank Ingolstadt-Pfaffenhofen-Eichstätt – nach Anlagemodellen. Sein Berater empfahl ihm, 200 000 Mark in den Fonds 37 und 100 000 Mark in den Fonds 35, eine weitere nun bedrohte Anlage, zu investieren. "Das ist eine sichere Sache", habe der gesagt. "Dass es sich um eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts handelt und ich dafür haften muss, oder dass es risikoreich sein könnte, wurde nicht erwähnt", ärgert sich Schweiger. Am meisten regt ihn auf, dass der Bankangestellte ihm riet, die Investition mit einem Kredit zu finanzieren. Da Schweiger noch eine Bonuszahlung erwartete und er die Steuervorteile des Fonds, wie er sagt, nur noch für 1995 geltend machen konnte, willigte er ein. 283 000 Mark nahm er auf.

Die sind zwar längst abbezahlt, doch was er damit kaufte, ist nichts mehr wert. "Es war meine erste Anlage. Ich habe den Leuten vertraut", klagt Schweiger, wenn er auch einräumt: "Schuld ist man natürlich immer selbst, wenn man nicht das Kleingedruckte liest."

Anleger klagen

Doch Schweiger ist mit seinem Problem nicht allein. Die Bremer Rechtsanwältin Petra Brockmann von der Kanzlei "Hahn Rechtsanwälte Partnerschaft" (hrp) vertritt bundesweit mehr als 900 Anleger, die meisten Geschädigten kommen aus Süddeutschland. Sie wirft den Banken, die die Fonds vertrieben, und der DZ-Bank vor, ihre Kunden nicht ausreichend informiert zu haben. "Wir haben schon zahlreiche Klagen gegen die DZ-Bank eingereicht und bereiten gerade welche gegen die Volks- und Raiffeisenbanken vor", berichtet Brockmann. Sehr wahrscheinlich auch gegen die Raiffeisenbank Ingolstadt-Pfaffenhofen-Eichstätt. Falls es nicht zu einem außergerichtlichen Vergleich kommt.

Die DZ-Bank habe in ihren Prospekten beispielsweise Pachterträge in Aussicht gestellt, die laut Gutachten nie zu erwirtschaften waren, oder Firmenverflechtungen nicht erwähnt, erklärt die Anwältin. Den Volks- und Raiffeisenbanken kreidet sie an, schlecht beraten zu haben. Etwa, indem kritische Medienberichte schon zur Fondsauflage nicht erwähnt worden seien oder ausgespart blieb, dass es sich bei den Investitionen um geschlossene Fonds handelt und Haftungspflicht besteht.

Das stimme so nicht, sagt Wolfgang Gebhard, Innenrevisor bei der Raiffeisenbank Ingolstadt-Pfaffenhofen-Eichstätt. "Alles wurde mit den Kunden besprochen, heute will das natürlich keiner mehr wissen. Ich habe vor kurzem erst mit dem damaligen Berater von Herrn Schweiger gesprochen. Der erinnert sich noch heute daran, dass er mit ihm teilweise bis 23 Uhr da saß." Was dieser notfalls auch vor Gericht bezeugen würde. Und die Bank habe die Fonds keinesfalls offensiv beworben. "Es waren immer die Kunden, die auf uns zugekommen sind. Überwiegend gut Verdienende, die vor allem Steuern sparen wollten." Man könne das auch daran sehen, dass in seinem Bereich beispielsweise nur drei Anleger in den Fonds 37 eingezahlt hätten. Auch in den Prospekten sei ausreichend auf die Risiken hingewiesen worden.

"Wir haben uns nichts vorzuwerfen", sagt Karl Höchtl, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisenbank Ingolstadt-Pfaffenhofen-Eichstätt. Trotzdem seien jetzt einige Kunden aufgeregt zu ihnen gekommen und hätten nach ihren eigenen Anlagen gefragt. Dabei ginge es nur um wenige Fonds, die ohnehin nur von einer "niedrigen zweistelligen Anzahl von Leuten" gezeichnet worden seien.

"Außerdem sind die Verluste wesentlich niedriger als sie nach außen dargestellt werden", sagt Gebhard. "Im Schnitt haben die Anleger vier Fünftel ihres Einsatzes über Steuervorteile schon wieder eingenommen. Der tatsächliche Verlust liegt also bei 20 bis 25 Prozent – was natürlich auch zu bedauern ist."

Damit die Verluste nicht noch höher werden, rät Höchtl Anlegern des Fonds 37, ein Angebot der DZ-Bank anzunehmen: Diese räumt ihnen, nach eigener Aussage nur aus Kulanz, die Möglichkeit ein, ihre Investition im Fonds 37 kostenlos abzutreten, wodurch alle Nachzahlungsforderungen erlöschen würden.

Aber auch alle späteren Rechtsansprüche, warnt Petra Brockmann. "Man sollte sich auf jeden Fall beraten lassen, bevor man etwas unterschreibt." Von vielen Volks- und Raiffeisenbanken liegen der Kanzlei mittlerweile für verschiedene Fonds Vergleichsangebote in Höhe von 20 Prozent der Einlage vor, einzelne Institute bieten sogar noch mehr.

Nur bis zum 15. Januar gilt das Angebot der DZ-Bank. Manfred Schweiger überlegt noch. Die anderen beiden Kunden seiner Bank, die in den Fonds 37 investierten, haben schon unterschrieben.

 

Von Thorsten Stark
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!