Mittwoch, 14. November 2018
Lade Login-Box.

Revolte in dicker Luft

erstellt am 11.12.2007 um 22:25 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 13:19 Uhr | x gelesen
München (DK) "Beckstein gegen Raucher", brüllt der Cafébetreiber Werner Klein vor dem Münchner Löwenbräukeller unentwegt auf die Straße hinaus. Ein wenig Mut scheint er sich angetrunken zu haben, denn die Fahne ist auch aus einiger Entfernung noch zu riechen. Neben ihm stehen ein Kellner und zwei Bedienungen mit Fackeln, die sich an den aus Lautsprechern hämmernden Disco-Rhythmen der "Smoking Rebels" (Rauchende Rebellen) erwärmen.
Textgröße
Drucken
DEU BY RAUCHERPROTEST
Teilnehmer der Protestveranstaltung gegen das Rauchverbot in Gaststätten posierten am Montag im Münchner Löwenbräukeller für die Fotografen. Der "Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur" will das Rauchverbotsgesetz verhindern, weil viele Wirte in ihrer Existenz bedroht seien. - Foto: AP
CHRISTOF STACHE (AP)
Ein Hauch von Verschwörung liegt vor dem traditionsreichen Wirtshaus in der Luft, das – zuletzt beim Kampf gegen den Transrapid – schon machtvolle Bekundungen des Bürgerwillens erlebt hat. Der Nachtklubbesitzer Hermann Forster probt schon mal verbal den Aufstand gegen die da oben. "So ein Schwachsinn", schimpft der Rotlichtgastronom über das von der CSU durchgesetzte totale Rauchverbot im Freistaat. "Auf dem Zimmer dürfen’s rauchen, aber zuvor an der Bar nicht."

Verkehrte Welt, jedenfalls aus Sicht der Raucher. Schon am frühen Abend ist die Versammlungsstätte der Nikotin-Rebellen deshalb gut gefüllt. Alle sind gekommen: Von der Loden bemantelten Perlenkettenträgerin bis zum Hartz IV beziehenden Bierdimpfi mit ledriger Haut, wobei die kleinen Leute klar in der Überzahl sind.

Eine begeistert gefeierte Abordnung aus Weiden ist mit dem Bus angereist, zehn Euro hat die Fahrt gekostet, dafür hat es eine Brotzeit und ein paar Halbe gegeben. "Zufällig" sind die trinkfesten Oberpfälzer dann mit ihren Transparenten vor der nahe gelegenen CSU-Landesleitung ausgestiegen, da ist gleich die Polizei und gekommen und hat Ausweise kontrolliert: aus Sicht der Rauchverbotsgegner natürlich Ausdruck der wachsenden Nervosität in den Reihen der Regierungspartei.

Keimzelle Weiden

Weiden ist die Keimzelle des Widerstands, "das gallische Dorf in Bayern", wie es der Geschäftsführer des neu gegründeten Vereins zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur (VEBWK), der Wolnzacher Heinrich Kohlhuber ausdrückt. Zwei große Demos hat es dort schon gegeben, nun soll der Protest ins Zentrum der Macht, nach München getragen werden. Mit Erfolg: der Löwenbräukeller platzt aus allen Nähten, die Luft ist so hemmungslos verqualmt, dass es geradezu eine Werbung für und nicht gegen das strikte Rauchverbot ist. Beifall brandet auf, als eine Art Steckbrief mit einem vergrößerten Foto von CSU-Landtagsfraktionschef Georg Schmid hereingetragen wird. "Schmid = Mörder der Wirtshäuser", steht auf dem Transparent darunter. Die Partyband "Die Derbys" heizt die Stimmung mit dem Wiesn-Schlachtruf "die Krüge hoch" an, dann kann die politische Wirtshausrauferei beginnen.

Als erster lässt der VEBWK-Vorsitzende Franz Bergmüller Dampf ab. Völlig überzogen sei das mit den angeblich 3330 toten Passivrauchern im Jahr, tönt der Vereinschef. Denn zwei Drittel dieser Krebsopfer seien schon älter als 85 gewesen. "Da war die Hebamme nicht mehr schuld", spottet Bergmüller, und die gut und gerne 1500 Leute im Saal jubeln. Nach diesem kleinen Ausrutscher in Sachen politische Korrektheit wird nach Kräften auf die CSU eingeprügelt. "50 minus x", steht als erwünschte Strafe für die "Arroganz der Macht" auf einigen Transparenten. Über 33 000 Protestfaxe und -unterschriften liegen als Drohung in einem Metallkäfig auf der Bühne.

Wenn jeder der 20000 bayerischen Wirte nur zehn Angehörige und 15 Stammgäste davon überzeugen könne, ihre Kreuzerl nicht bei der CSU zu machen, rechnet Vereinsvize Jürgen Lochbihler vor, dann seien das 500000 Wähler. "Das sind zehn Prozent der abgegebenen Stimmen, dann ist es mit der absoluten Mehrheit vorbei", triumphiert Lochbihler und versetzt die johlende Menge auch noch in einen kollektiven Glücksrausch.

Trittbrettfahrer

Bayernpartei und vor allem die Liberalen versuchen, als Trittbrettfahrer die Gunst der Stunde zu nutzen. "Nicht alle politischen Kräfte in Bayern stehen hinter diesem Unsinn", ruft FDP-Generalsekretär Martin Zeil in den Saal, meint damit aber das Rauchverbot. "Vor so vielen Leuten hat der noch nie sprechen dürfen", grinst ein Wirt.

Das Publikum feiert inzwischen längst sich selbst. Da spielt es keine große Rolle mehr, dass sich der Kabarettist Christian Springer ("Der Fonsi") auch ein wenig über die Protestierer lustig macht: In ein paar Jahrzehnten werde der Schmid von Kochel vergessen sein", witzelt Springer. "Denn das was heute passiert, das ist Revolution". Auch VEBWK-Chef Bergmüller will es glauben. "Die Wirtshausrevolte hat hier begonnen", lässt Bergmüller die Muskeln spielen. Am Tag nach dem Aschermittwoch soll das Rauchverbot bei einer neuen Großveranstaltung in der Münchner Schrannenhalle als schwacher Faschingsscherz beerdigt werden – rauchfrei womöglich. 

  

Von Jürgen Fischer
Kommentare
Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
es werden nur die letzten 3 Kommentare angezeigt
alle 5 Kommentare anzeigen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!