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Immer noch Forschungsarbeit – auch im Ruhestand

erstellt am 21.02.2008 um 20:32 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 13:19 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Kompromisslos wissenschaftliche Suche nach Wahrheit – so könnte der Leitfaden Heinz Hürtens heißen. Die erste Vorlesung – kurz nach der Habilitation – an der Universität Bonn im November 1970; die letzte Vorlesung vor wenigen Wochen, im Dezember 2007, an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt: 37 Jahre Unterricht an Hochschulen – eine lange akademische Laufbahn im Dienst der Geschichtswissenschaft, die der gebürtige Düsseldorfer im Auftrag der Bundeswehr an der Hochschule für innere Führung in Koblenz und als Privatdozent am militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg begann. 1977 folgte er dem Ruf nach Eichstätt. An diesem Sonntag wird Heinz Hürten 80 Jahre alt.
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Wird am 24. Februar 80 Jahre alt: Professor Heinz Hürten. - Foto:Wermter
Ohne die Person des hochgewachsenen, schlanken, auch im hohen Alter bestechend eloquenten und scharfsichtigen Intellektuellen ist die noch kurze Geschichte der Eichstätter Universität kaum denkbar. Als Vizepräsident in den Anfangsjahren 1982 bis zu seiner Emeritierung 1993 baute Hürten mit am Schicksal der einzigen katholischen Universität im deutschsprachigen Raum. Er stritt für die Vereinbarkeit des Rechts auf Freiheit in Lehre und Forschung bei gleichzeitiger Treue zum Träger, zur Kirche. Als der damalige Eichstätter Bischof Karl Braun 1993 Hürten für seine Verdienste den päpstlichen Silvesterorden mit Stern übergab, sagte Braun bei der Würdigung, man habe in jener Zeit den Eindruck bekommen können, Hürten sei ein Rebell gewesen – "aber immer ein sanfter Rebell und jemand von uneingeschränkter Loyalität zur Kirche".

Diese Loyalität hat Hürten nicht blind werden lassen für die Anforderungen der Zeit und die Konkurrenzsituation zu anderen Hochschulen. Er pocht auf Qualifizierung durch wissenschaftliche Leistung. "Denn Universität, auch eine katholische", sagt Hürten, "ist ein Stück Welt und eben nicht Kirche. Sie ist wissenschaftliche Institution und keine Gemeinschaft in Gebet und Liturgie." Das "Katholische" ergebe sich vielmehr aus der Absage an Ideologien, sowie aus der "größeren Sensibilität für bestimmte Fragestellungen und einem wacheren Gespür für den Anteil von Glaube und Kirche an der Gestaltung unserer Welt". Angesichts der wieder aktuellen Diskussion um das stärkere "katholische Profil" der Uni plädiert Hürten für die Stärkung des "Kerngeschäfts", des wissenschaftlichen Rückgrats in bewährten Fächern wie etwa Theologie, Pädagogik oder christliche Soziallehre. "Bloß keine ,Orchideenfächer’ im Bonsaiformat", mahnt Hürten. "Das können die großen staatlichen Universitäten nämlich besser."

Es sind vornehmlich Veröffentlichungen zur Geschichte der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und besonders des deutschen Katholizismus, die den Namen des international renommierten Experten tragen. Wegweisende Werke für die einschlägige Forschung, die Hürtens Selbstverständnis als Historiker untermauern: Er sieht seine "wissenschaftliche Arbeit in Korrespondenz zum Aufklärungsbedürfnis der Gesellschaft". Wobei die Fragestellung dem Wandel der Zeit unterworfen ist, wie Hürten in dem Band "Kirche auf dem Weg in eine veränderte Welt, ein Versuch über die Auseinandersetzung der Katholiken mit der Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts", festhält.

Beruf als Berufung

Für Hürten ist der Beruf auch Berufung – "Arbeit" eben über das Rentenalter hinaus: 2002 erschien seine Edition über die Akten (ab 1945) des früheren Münchner Kardinal Michael von Faulhaber. Aktuell hat ihn die Kommission für Zeitgeschichte in Bonn für ihre Aktenedition der deutschen Bischöfe mit der Bearbeitung der Jahre 1956 bis 1960 betraut – nachdem im Oktober 2007 Hürtens Werk über die deutschen Bischöfe während der Weimarer Republik erschienen ist. Besonders auf die Arbeit mit dem Nachlass des legendären Kardinal Joseph Frings freut sich Hürten und betont: "Der Vorteil dieser Art Forschung ist, dass jederzeit ein Jüngerer meine Arbeit beenden könnte."

So blickt Heinz Hürten glaubwürdig gelassen und mit beneidenswerter Zufriedenheit in seine eigene Zukunft: "Es gibt nichts, wo ich sagen müsste: ,Das würde ich gerne noch erleben’." Seit fast 30 Jahren ist er mit seiner Ehefrau Maria – sie war früher Gymnasiallehrerin – im Ingolstädter Stadtteil Gerolfing zu Hause. Und wenn der emeritierte Hochschullehrer nicht gerade für die Historie unterwegs ist, gibt das kinderlose Ehepaar ein eingespieltes Team in Sachen Arbeitsteilung im Alltag. So mäht der Professor seinen Rasen immer noch selbst, weißelt und packt im Haushalt mit an. Ausnahme: "Ich koche nicht!"

Eine große Feier zu seinem runden Geburtstag sei nicht geplant, sagt der fitte Jubilar. Und zitiert zum besseren Verständnis den früheren Eichstätter Bischof Alois Brems: " Es ist kein besonderes persönliches Verdienst, dass Gott einen so lange leben lässt." Bescheidenheit gehört mit Sicherheit zu den Tugenden des sympathischen Seniors: Seine beiden Orden – er hat außer dem päpstlichen Orden auch das Bundesverdienstkreuz – trägt er nie.

 

Von Angela Wermter
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