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Die Wahlschlacht der Kalten Krieger

erstellt am 04.09.2008 um 21:12 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 13:18 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Der Feind steht links. Gleich gegenüber dem Wirtshaus. An der Ecke hat die Junge Union eine Mauer gebaut. Aus grauen Betonklötzen, stilecht mit Stacheldraht obendrauf. Ein antisozialistischer Schutzwall mitten in Ingolstadts Altstadt. Angriffslustig wartet der CSU-Nachwuchs an diesem Mittwochabend auf den Gast aus dem Osten. Die Gesichter vor geschichtsbewusster Selbstgewissheit glänzend, nehmen sie Sahra Wagenknecht ins Visier, doch die geht kühl lächelnd rechts vorbei.
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Disput hinter Stacheldraht: Vor ihrem Auftritt musste Sahra Wagenknecht am Mittwoch an einer Mauer vorbei, die Mitglieder der Jungen Union aus Protest gegen die Linke-Politikerin errichtet hatten. JU-Chef Benedikt Seidenfuß (Mitte) suchte die Diskussion. - Foto: Herbert
JU-Chef Benedikt Seidenfuß setzt nach, drückt der bekennenden Linken eine Diskussion aufs Auge. Wie hält sie’s mit der DDR? Der Mauer? Dem Kommunismus? Wagenknecht, 1969 in Jena geboren, aufgewachsen in Ost-Berlin, SED-Eintritt 1989, seit 2004 Europaabgeordnete für die Linke, kontert die Vorwürfe leicht genervt. Man dürfe die DDR nicht pauschal aburteilen, sagt sie. Aber man müsse daran erinnern, wo die Linke ihre Wurzeln habe, erwidert Seidenfuß. Von hinten ruft jemand: "Wir versuchen, Mauern einzureißen, und die CSU baut sie wieder auf!"

Der JU-Chef setzt seinen Angriff höflich fort. Keiner dürfe die DDR schön reden, sagt er. Sie habe nie gesagt, dass die DDR besser gewesen sei, erwidert sie. Die JU werde es nicht akzeptieren, "dass jemand nach Bayern kommt und uns unser Land erklärt!", ruft Seidenfuß, aber da ist Wagenknecht schon wieder weg. Der CSU-Nachwuchs bleibt unten vor der Tür, "das Bauwerk bewachen".

Im vollen Saal des Gasthauses Daniel verbinden sich spätsommerliche Wärme und hitzige Debattierfreude. Die dezent aufgeladene Atmosphäre bietet einen passenden Stimmungshintergrund für den Auftritt der links geliebten, rechts verteufelten Rednerin. Im Gegensatz zur CSU zeigt sich Wagenknecht der Gegenwart zugewandt. Die Zeit scheint vorbei, da sie als theoriegesättigtes Maskottchen neosozialistischer Romantiker durch die Talkshows tingelte.

Sie gibt sich ganz dem Wahlkampf hin, die Betonung liegt auf Kampf. "Lohndumping", "Armutsfalle Hartz IV", "explosionsartige Ausweitung der Leiharbeit", "Lügen des Neoliberalismus". Mit tiefer, fester Stimme hämmert sie ihre Vorwürfe in den Saal. Rasant, aber wohl akzentuiert, trägt sie Angriff um Angriff vor, geriert sich als Sturmgeschütz der sozialen Gerechtigkeit.

Entsprechend innig pflegt sie den Jargon der Dekonstruktion, donnert gegen "Arbeitsplatzvernichtung als Ziel der Privatisierung", beschreibt in düsteren Farben "morbide Finanzpyramiden, die zusammenbrechen", warnt vor dem "Sturz ins soziale Nichts" und geißelt pauschal die Medien, "die uns nur mit Schönwettermeldungen einlullen, während die Schlangen vor den Sozialämtern immer länger werden".

Trotz aller Schärfe im Ton verharrt die Wagenknechtsche Wahlkampfprosa inhaltlich im Rahmen des Vertrauten. Wer die Augen schließt, mag sich vorkommen wie beim DGB oder der SPD – die Schröder-Polemik inklusive. Und wer genau hinschaut, erlebt das selbe. Es sind ganz normale Leute, die da begeistert Richtung Rednerpult klatschen. Ein Querschnitt der Bevölkerung. Die meisten Zuhörer sind zwischen 40 und 60 Jahre alt, darunter gesetzte Herren in karierten Hemden, eine ältere Dame mit Dutt, ein hochrangiger Ingolstädter Polizeibeamter (ganz zivil). Feindbilder nach dem Gusto der CSU liefern allenfalls ein paar Jugendliche in sowjetroten Shirts, ein Herr mit Mao-Mütze oder ein ausschweifender Ko-Referent im Publikum, der sich auf dem weiten, unwirtlichen Feld des Marxschen Ökonomiebegriffs arg verläuft.

Doch auch Sahra Wagenknecht vermag ihre Neigung zu wirtschaftstheoretischen Finessen irgendwann nicht mehr zu verhehlen. Als sie die dialektische Kapitalismuskritik darlegt, sorgt draußen ein Gewitter für Abwechslung. Und schließlich kommt sie doch noch bei der Mauer an. "Das war nichts, über das man als Sozialist hätte begeistert sein können." Statt dafür zu sorgen, "sie so schnell wie möglich wieder verschwinden zu lassen", hätten sich zu viele Genossen behaglich "hinter ihr eingerichtet".

Das Bekenntnis scheint zu genügen. Beifall dröhnt durch den Saal. Sahra Superstar. "Die Linke kommt!" Unten vor der Tür baut die Junge Union ihre Mauer ab und geht heim.

 

Von Christian Silvester
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