Donnerstag, 19. Juli 2018
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BayWa-Chef Klaus Josef Lutz spricht in Wolnzach über die Digitalisierung in der Landwirtschaft

"Wie der Roboter zärtlich Äpfel pflückt"

Wolnzach
erstellt am 14.01.2018 um 10:58 Uhr
aktualisiert am 20.01.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Wolnzach (WZ) Über Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Agrarwirtschaft hat BayWa-Vorstandschef Professor Klaus Josef Lutz jetzt beim Landwirtschaftsforum der Hallertauer Volksbank im Hopfenmuseum gesprochen. Als brillanter Redner beeindruckte er rund 200 Zuhörer.
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BayWa-Abend zur Digitalisierung Landwirtschaft in Wolnzach
Andre Paul
Wolnzach

Der Saal war gut gefüllt, trotz des für einen Wochentag relativ späten Beginns um 19 Uhr hatten sich rund 200 Zuhörer eingefunden. Es lockte wohl nicht nur das für alle Bauern relevante Thema, sondern auch der Ruf des Referenten. Als Chef des international tätigen Lebensmittel-, Bau- und Energiekonzerns BayWa ist Lutz für Bayerns Landwirte ein wichtiger Ansprechpartner - und auch ein hervorragender Redner. Der 59-Jährige - vor seinem jetzigen Job war er Geschäftsführer des Süddeutschen Verlags - brachte das eher technische Thema anschaulich und mit Humor rüber.

Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass sich inzwischen auch Amazon, Ikea und Google in der Landwirtschaft engagieren? Der Versandhändler beispielsweise, verriet Lutz, kaufe in den USA Lebensmittelhändler auf, mehr als 13 Milliarden Euro habe die Firma dafür schon bezahlt. Der Möbelriese und der Suchmaschinendienst wiederum seien an Ackerflächen interessiert, denn die werden immer wertvoller: Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden Menschen anwachsen, gleichzeitig schrumpfen die vorhandenen Ackerflächen infolge des Klimawandels, sie werden zu Wüsten oder saufen ab.

Feldfrüchte seien ein beliebtes Spekulationsobjekt an den Börsen, allen voran Chicago. "Im vergangenen Jahr wurde die gesamte Weltsojaproduktion sage und schreibe 27 Mal gehandelt", rechnete der BayWa-Chef vor. Zum Vergleich: 1990 wechselte die gesamte Sojamenge erst zwölf Mal hintereinander den Besitzer. "Bei Hedgefonds wird die Landwirtschaft als Spekulationsobjekt immer beliebter, die Preise explodieren. Das ist die endgültige Entkopplung von Angebot und Nachfrage." Freilich engagiere sich inzwischen auch die BayWa global. Im kalifornischen Silicon Valley sei man mit Google ein Joint Venture eingegangen, bei dem der Einsatz von Robotern in der Obsternte getestet wird. Der Internetriese steuert nach Angaben von Lutz zehn Millionen Euro bei, die BayWa etwa 300 000 Euro. Was er bisher gesehen hat, begeisterte den Vorstandschef: "Toll, wie der Roboter zärtlich Äpfel pflückt!" Ein anderes Start-up, bei dem BayWa Geld in die Hand nimmt, ist die Firma DroneClouds aus Südafrika. Diese wertet für Landwirte relevante Satellitendaten aus und rechnet individuell genau aus, welches Saatgut, welche Wassermenge und welchen Dünger jeder Landwirt ausbringen muss.

In Deutschland seien die Supermarktriesen verstärkt im Agrarsektor unterwegs - primär mit dem Gedanken, die Versorgungssicherheit zu sichern. Da werde schon mal die gesamte Jahresproduktion an Erdbeeren aufgekauft und der Bauer entsprechend technologisch unterstützt. "Anfangs ist das ja ganz schön für den Landwirt", meinte Lutz, aber nach einer Weile diktierten die Supermärkte die Preise. "Die Digitalisierung dient da nur als Steigbügelhalter und die Zeche zahlt am Ende der Landwirt."

Auch deshalb solle sich jeder Landwirt sehr genau überlegen, was er konkret für seinen Hof von Digitalisierung erwarte. "Das Motto ,Hauptsache ich bin dabei‘ ist definitiv falsch. Sie sollten wissen, ob sie beispielsweise lieber wachsen oder eher Kosten senken wollen", lautet der Rat von Lutz an die Zuhörer. In einer Hinsicht freilich hätten alle Bauern sicher nichts gegen einen Digitalisierungsschub: beim Thema schnelleres Internet. Während die Staatsregierung mäßige 50 Mbit pro Sekunde immer noch als Datenhighway anbiete, sei man anderswo auf der Welt schon weiter - und zwar auch in Ländern, die man nicht gleich als technologische Vorreiter identifizieren, beispielsweise Südafrika. "Ich war neulich auf einer Farm 150 Kilometer nordwestlich von Johannesburg, mitten in der Pampa", berichtete Klaus Josef Lutz, "und habe spontan morgens um 9 Uhr ein Buch bei Amazon bestellt. Das ging ruckzuck. Aber versuchen Sie das Mal zur gleichen Zeit in einem Dorf in Oberbayern."

André Paul
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