Dienstag, 11. Dezember 2018
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Verstößt die persönliche Anrede im Laden gegen den Datenschutz? - Kurioser Fall aus Wolnzach

Eklat beim Dorfmetzger

Wolnzach
erstellt am 07.12.2018 um 10:09 Uhr
aktualisiert am 07.12.2018 um 22:19 Uhr | x gelesen
Wolnzach (WZ) Alles redet vom Datenschutz, zum Teil kuriose Auswüchse hat die Auslegung der Verordnung im Einzelhandel. So auch in Wolnzach, wo sich jüngst eine Kundin in einem Laden verbat, künftig weiter mit ihrem Namen angesprochen zu werden.
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Beirren lassen möchte sich die Geschäftswelt davon nicht - und schüttelt über diesen Vorfall kollektiv den Kopf.

Symbolbild Metzger
Beim Dorfmetzger kennt man sich in der Regel mit Namen. Doch nicht jeder legt Wert darauf, persönlich angesprochen zu werden.
Maurizio Gambarini (dpa/Symbolfoto)
Wolnzach
Da blieb der Mitarbeiterin hinter der Verkaufstheke die Spucke weg, den anderen im Verkaufsraum Wartenden ebenso. Hatte sich die Frau da jetzt wirklich beschwert, weil sie die Verkäuferin mit Namen angesprochen hatte? Hatte sie. Dass es die anderen rein gar nichts angehe, wie sie heißt, hatte sie geschimpft. Und ganz ernst hatte sie das gemeint, so rein datenschutzmäßig.
 
Zurück im Verkaufsraum ließ sie verdutzte Kunden und eine Verkäuferin mit Schnappatmung. Kein Wunder. Hatte selbige bisher doch immer gemeint, dass es die Kunden gerade im Einzelhandel sehr schätzen, wenn man sie kennt und auch entsprechend anspricht. Und jetzt das.

"Die Kunden mögen das auch sehr , wenn man sie kennt", bestätigt Birgit Häußler aus Geroldshausen, die zusammen mit ihrem Mann Hermann vier Bäckereien betreibt. "Das, was da in Wolnzach passiert ist, war bestimmt ein Einzelfall." Denn sie erlebe mit ihren Mitarbeitern im Gegenteil ja tagtäglich, wie sehr sich die Kunden über die persönliche Anrede freuen, es genießen, erkannt zu werden - gerade im ländlichen Raum. "Das schafft doch eine persönliche Atmosphäre." Mit dem im Moment stark überstrapazierten Begriff des Datenschutzes habe die persönliche Anrede doch gar nichts zu tun, denn: "Welche Daten gibt man schon preis, wenn man jemanden freundlich grüßt?"

Setzt gerne und voller Überzeugung auf die persönliche Anrede: Leni Eiba (rechts), die seit 51 Jahren ihren Laden in Wolnzach betreibt. Kundin Karin Heilmeier und Töchterchen Leni gefällt?s.
Setzt gerne und voller Überzeugung auf die persönliche Anrede: Leni Eiba (rechts), die seit 51 Jahren ihren Laden in Wolnzach betreibt. Kundin Karin Heilmeier und Töchterchen Leni gefällt's.
Trouboukis
Wolnzach
Als Betreiberin der Wolnzacher Wollstube ist Leni Eiba bereits seit 51 Jahren im Geschäft - im wahrsten Sinne des Wortes. Sie kann es gar nicht glauben, dass sich jemand tatsächlich über das beschwert, was ihrer Meinung nach den persönlichen Service ausmacht: "Bei uns sind die Leute ja eher beleidigt, wenn man sie nicht mit Namen anspricht." Datenschutz? Braucht es in ihrem Handarbeitsladen im täglichen Umgang mit den Kunden nicht. Denn die kommen in der Regel ja nicht des schnellen Einkaufs wegen, sondern wegen der Beratung - und gar nicht selten auch zum Reden. "Da erfährt man schon mal von Schicksalen." Leni Eiba weiß das, ist aus ihrer langjährigen Erfahrung heraus verschwiegen, hört zu, wenn die Leute erzählen wollen - und weiß ganz genau, wann Reden Silber und Schweigen Gold ist.
 
"In der heutigen Zeit, in der es modern ist, anonym im Internet einzukaufen, ist es ein Vorteil, die Kunden noch persönlich zu kennen, gerade im Einzelhandel", meint Nikolaus Schuster, Vorsitzender des Wolnzacher Gewerbeverbandes. "Das hat auch ein großer Discounter schon erkannt und seine Werbestrategie entsprechend ausgerichtet." Natürlich sollte man es respektieren, wenn Kunden eine solche Anrede eben nicht wünschen, mit Datenschutz habe das aber nichts zu tun. "Solche Kunden gab es auch schon früher und man sollte sich darüber nicht zu viele Gedanken machen." Die Mehrheit gerade auf dem Land freue sich über das Sich-Kennen und Gekannt-Werden sehr - eben als Zeichen der Wertschätzung. Genau das ist es auch, sagt Linda Kaiser - und sie muss es ja wissen. Schließlich ist sie als stellvertretende Vorsitzende der Deutschen-Knigge-Gesellschaft sozusagen Spezialistin des guten Tones - und schmunzelt über das, was in Wolnzach passiert ist. Inhaltlich ist sie ganz bei den Geschäftsleuten, denn sie weiß: "Jemanden mit Namen anzusprechen, das ist immer ein Zeichen der Wertschätzung und auch ein besonderer Ausdruck der Höflichkeit gegenüber dem Kunden." Somit alles richtig gemacht, auch, wenn es im geschilderten Einzelfall dieser einen Kundin so gar nicht gefallen hat.

Für jene Dame hat die Knigge-Fachfrau einen guten Rat: "In einem solchen Fall sollte man die Sache lieber unter vier Augen klären und nicht vor allen Leuten." Dann wäre niemandem etwas aufgefallen - übrigens auch nicht unserer Zeitung.

Kommentar

Darf's noch a bisserl mehr sein? Mei, das war halt noch eine Geschäftsfrau.Wenngleich sie selbigen auch nicht immer verwendete. Ausschlaggebend dafür, ob eine Frau Meier auch mit Frau Meier angesprochen wurde, war nämlich der Berufsstand des werten Ehemannes. Beziehungsweise die Abwägung darüber, ob die Profession des Gatten es auch wert genug war, in die Anrede übernommen zu werden.

Bei manchen Berufen, ja, da war die Sache klar wie die Rinderbrühe, die ihre Kunden aus Fleisch und guten Metzgersknochen kochten. Die Arztfrau war die "Frau Doktor", die Lehrergemahlin die "Frau Lehrer", die Bürgermeistergattin die "Frau Bürgermeister", ob sie nun wollte oder nicht. Ja, sogar eine "Frau Verwalter" gab es einmal in Wolnzach. Das waren noch Zeiten.

Heute, ja heute ist vieles anders. Da gibt es sie auch bei uns schon vereinzelt, diese so übertrieben auf Privatsphäre achtenden Leute, die ihre Klingelschilder zukleben, ihren Kindern das Grüßen auf der Straße verbieten und dann erschrecken, wenn der Nachbar sie dennoch mit Namen anspricht. So eine Frechheit, schon mal was von Datenschutz gehört? Unsere ehrwürdige Geschäftsfrau, Gott hab sie selig, hätte aber bestimmt auch für diese Kunden die richtige Anrede gefunden. Keine Namen, selbstverständlich, bitteschön. Dann bleiben wir halt beim Berufsanredeschema, wobei man da in der heutigen Zeit schon arg gefordert ist. Beispiel gefällig? "Grüß Gott, Frau Key Account Sales Representative, nehmen wir heute wieder eine ganze Kochsalami? " Oder: "Ach, Frau Human Ressource Developer, Ihren Leberkäse habe ich schon weggelegt! " Alternative Möglichkeit: Man ruft nach Bestellung auf. Also: "Wo ist der Herr mit den Schweinshaxn? " Oder: "Die Tüte ist für die Dame mit der flachen Schulter! "

Darf es noch a bisserl mehr sein? Nein, danke. Dann doch lieber wieder "Frau Meier" und "Frau Huber". Oder, wenn es denn sein muss, auch "Frau Klauf-Bogner-Wolfenstein". Eine vom alten Schlag. Nicht nur, dass sie ganz genau wusste, wie ihre Kunden ihr Fleisch wollten, ob aus der Nuss oder dem Hals, ob mager oder lieber durchwachsen. Auch kannte sie alle beim Namen. Selbstverständlich, Ehrensache. Karin Trouboukis
Karin Trouboukis
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