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Das Museum im Pflegschloss widmet dem Bildhauer und Musiker Nik Richter eine Sonderausstellung

Unterwegs zwischen Form, Farbe und Klang

Schrobenhausen
erstellt am 02.10.2013 um 20:46 Uhr
aktualisiert am 03.12.2013 um 10:50 Uhr | x gelesen
Schrobenhausen (SZ) Die meisten kennen ihn als Musiker, weit weniger als Bildhauer: Nik Richter, Jahrgang 1953, Absolvent der Akademie der Bildenden Künste in München. Die Stadt Schrobenhausen widmet ihm heuer eine Sonderausstellung im Museum im Pflegschloss; an diesem Sonntag, 6. Oktober, wird sie um 14 Uhr eröffnet. SZ-Redakteur Mathias Petry sprach mit Nik Richter.
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Schrobenhausen: Unterwegs zwischen Form, Farbe und Klang
Nik Richter ist ein Wanderer zwischen künstlerischen Welten. Auch Bildhauerei dreht sich bei ihm meistens um Musik. So hat er beispielsweise den Bayerischen Rockpreis geschaffen, der seit vielen Jahren verliehen wird, unter anderem schon an Peter Maffay (oben) - Fotos: Petry, privat
Schrobenhausen

Herr Richter, sind Sie eigentlich eher Musiker oder eher Bildhauer?

Nik Richter: Das weiß niemand so ganz genau. Weder ich, noch sonst jemand.

 

Ist das gut oder schlecht?

Richter: Eigentlich ist das wurscht.

 

Die Objekte, die Sie als Bildhauer machen, haben jedenfalls überwiegend mit Musik zu tun.

Richter: Ja, ich schätze mal: zu 90 Prozent.

 

Und bei Ihrer Musik bauen Sie musikalische Bilder.

Richter: Manchmal folgt die Musik aber auch klassischen Gesetzmäßigkeiten, aber tatsächlich ist das häufig so.

 

Also sind Sie Bildhauer in allen Lebenslagen. Sie hauen Bilder und Musik.

Richter: Wenn Sie so wollen. Tatsächlich wird mehr konstruiert als gehauen.

 

Warum machen Sie eigentlich keine Statuen und irgendwie bedeutungsschwangere Objekte?

Richter: Es ist die Frage, ob es der Antrieb bildender Künstler ist, „bedeutungsschwanger“ zu sein, oder ob sie nicht ganz einfach die Sachen machen, die sie für richtig halten? Nicht mehr, und nicht weniger. Es gibt sicherlich ein paar Sachen, die aus Zorn, Wut heraus entstehen – aber ob das immer so ist?

 

Wann kam es zu Ihrer Fusion von bildender Kunst und Musik?

Richter: Früh. In den 70er Jahren schon. Am Anfang stand genau dieser Konflikt – dass man beides ist. Bildender Künstler und Musiker. Mental ist das ein irrer Spagat. Ich habe während des Studium bereits eine Arbeit darüber geschrieben und versucht, Gemeinsamkeiten zu finden. Den Spagat von Musik und Kunst gab es ja immer wieder, beispielsweise war der Maler Paul Klee im Bauhaus gleichzeitig ein hervorragender Violinist, Lionel Feininger spielte Klavier und Kandinsky komponierte. Sogar der Bildhauer Brancusi unterhielt die Besucher seines Ateliers mit virtuosem Geigenspiel. Oder andersherum: Duke Ellington malte abstrakte Bilder und stellte seine Bilder in New York aus. Das Thema beschäftigt mich also mein Leben lang.

 

Was verbindet denn die beiden Disziplinen?

Richter: Auf alle Fälle Struktur. Und Rhythmus. In der Zeichnung ist Rhythmik, Formen gibt es hier wie dort. Zum Beispiel Kandinskys „Farbklänge“ und „Farbsymphonien“. Er war übrigens Synästhetiker, das heißt, er sah und hörte Farben oder sah Töne als Farben. Wie gesagt: Versuche, beides zusammenzufügen gab und gibt es oft. Für mich ist es vor allem ein Gefühl, das man vermitteln kann.

 

Darum klingen Ihre Objekte?

Richter: Die meisten schon. Zumindest kommt fast überall irgendein Ton heraus.

 

Man darf Ihre Kunst also anfassen?

Richter: Ja, man darf, aber bitte mit etwas Vorsicht. Es gibt Leute, denen sollte man auch keine Gitarre in die Hand drücken, weil sie sonst am Ende lauter Zündhölzer in der Hand haben. Es sind „Spielzeuge“, die man zum Klingen bringen kann. Aber nicht nur der Klang, sondern auch die Form soll ein Reiz sein, sich mit dem Objekt zu beschäftigen.

 

Sie haben den Begriff „Spiel“ verwendet. Wie weit ist Bildhauerei Spiel?

Richter: Schon. Das Spiel ist ja nicht losgelöst und zweckfrei. Spiel ist etwas, das auch Kinder mit einer gewissen Ernsthaftigkeit betreiben. Es geht um Erfahrungen, um Lernen. Letztlich um Ausdruck.

 

Spielen ist fröhlich. Ihre Kunst auch.

Richter: Das kann man so sehen.

 

Sie sind selbst auch fröhlich.

Richter: In der Regel ja. Wenn ich mich nicht gerade über etwas oder jemanden furchtbar geärgert habe (lacht).

 

Fröhlich sein – das ist bei Ihnen aber schon eine Grundhaltung.

Richter: Durchaus. Aber manche halten das nicht aus.

 

Zu viel Fröhlichkeit?

Richter: Genau. Man kann sein Leben natürlich schon damit verbringen, mit runter hängenden Backen und dem Mundbogen nach oben – also: dem Merkel-Gesicht – rumlaufen, aber wenn man dann tot ist, weiß man dann nur, dass man es jetzt endgültig versaut hat.

 

„Mundbogen nach oben“ – Sie sprechen ja sogar in Formen . . .

Richter: Das passiert. Aber es ist ja so, dass man sein Leben lang schlecht gelaunt sein kann. Viele Menschen praktizieren das – blöderweise. Am Ende war dann alles ein richtiger Scheiß, und was hat man denn dann davon?

 

Macht Spielen fröhlich?

Richter: Ich würde sagen: Ja. Weil es dich in eine andere Perspektive, ja, äh, beamt. Für mich ist das gut, weil ich jemand bin, der negative Entwicklungen sehr intensiv aufnimmt, der arabische Frühling, der Konflikt im Nahen Osten. Spielen hilft dabei, die Dinge leichter von außen zu betrachten.

 

Waren Ihre Dozenten an der Kunstakademie auch schon fröhlich?

Richter: Nicht alle. Wie überall auf der Welt waren auch da natürlich Idioten mit dabei. Ich war aber in der glücklichen Situation, überwiegend an sehr spannende Menschen zu geraten, an einige sehr positive Gestalten. Etwa mein Kunstprofessor in der Bildhauerklasse, Robert Jacobsen. Er gehörte zur Pariser Szene, war ein Freund von Georges Braque, kannte Leute wie Picasso. Er hatte einen sehr starken Bezug zur afrikanischen Kunst. Dieses Zurückgehen an die Wurzeln hat auch ihn bewegt.

 

Sie also auch?

Richter: Auf der Suche nach Inspiration landete ich irgendwann fast folgerichtig bei der afrikanischen und polinesischen Kunst. Ich habe daraus Soundmasks und Soundshields entwickelt. Da werden afrikanische Masken und Schilde als Musikinstrumente verwendet. Was eine große Tradition hat. Bei den einfachen Völkern waren Gebrauchsgegenstände der Einstieg in die Musik. Der Flitzebogen war das erste Saiteninstrument. Irgendwann wurde die Sehne des Jagdbogens an die Mundhöhle gehalten – das hat den Ton verstärkt. Dann ging es weiter. Schilde waren Trommeln.

 

Diese Wurzeln sind aber nicht direkt die Ihren – sie kommen aus München.

Richter: Letztlich sind die afrikanischen Wurzeln natürlich schon unsere. Wir sind ja den Afrikanern genetisch näher als den Asiaten. Ich denke, dass es wichtig ist, immer wieder die Wurzeln zu betrachten, weil sich die Sichtweise über die Jahre verändert. Und die Betrachtung.

 

Die Betrachtung der Kunst ist etwas, das mit großer Ernsthaftigkeit betrieben wird. Wie weit passt das mit Ihrer Fröhlichkeit zusammen?

Richter: Ernsthaftigkeit und auch Ehrlichkeit – das ist untrennbar mit Kunst verbunden. Wobei es manche dann auch wieder zu ernst nehmen. Ich bin mit Kunst groß geworden, ich bin in einem Künstlerhaus aufgewachsen. Ich war drei, als mein Vater, der sich später als Grafiker einen Namen gemacht hat, an der Akademie studierte. Und in diesem Alter bin auch ich schon an der Akademie herumgerannt. Ich habe gelernt, dass Ernsthaftigkeit nicht im Widerspruch zu Fröhlichkeit steht.

 

Muss also, um Fröhlichkeit im Ausdruck zu erzielen, zuvor ein Prozess mit großer Ernsthaftigkeit betrieben worden sein?

Richter: Absolut. Um zum Beispiel fröhliche Musik zu spielen, muss ich nicht eine rote Nase aufsetzen und daueralbern sein, sondern ich muss mir die Rhythmik erarbeiten, ich muss viele, viele Stunden lang üben, bis das fröhlich wirkt – siehe Ska oder Reggae.

 

Und um ein Objekt zu machen, das einen Raum mit Fröhlichkeit erfüllt?

Richter: Ist es genauso. Es gibt ja dieses Bild der Clowns, die die Leute zum Lachen bringen, aber selbst sind sie oft sehr ernst in ihrer Arbeitsgrundhaltung – oder vielleicht sogar sehr traurig. Hinter ihrem Witz steckt eben auch ein Spagat: zwischen Gaudi und Traurigkeit. Dieses Spiel gehört dazu. Ich unterscheide nicht zwischen Kunst, die bedeutungsschwanger oder banal ist, sondern zwischen guter und schlechter Kunst. Den Beweis dafür anzutreten, dass Kunst gut ist, das ist natürlich schwierig. Es gibt Künstler, die Dinge fabrizieren, die genial sind, die sich aber einem normalen Beschauer nicht erschließen, die nicht nachvollziehbar sind.

 

Welche Rolle spielt das Handwerk?

Richter: Eine große. Man muss sich bestimmte Fertigkeiten aneignen, weil man bestimmte Sachen sonst nicht realisieren kann. Die handwerklichen Fähigkeiten wachsen mit den künstlerischen Aufgaben. Sie sind eine Grundlage.

 

Aber Handwerk ist Mittel zum Zweck, und nicht Selbstzweck?

Richter: Wenn Handwerk zum Selbstzweck wird, läuft man als Künstler Gefahr, stehen zu bleiben. Man muss sich auch technisch weiter entwickeln, um sich künstlerisch weiter zu entwickeln. Vor ein paar Jahren habe ich beispielsweise die Grafik neu entdeckt, die in meinen ganz jungen Jahren ein Thema war, dann für Jahrzehnte nicht.

 

Grafiken haben gegenüber dreidimensionalen Objekten einen großen Vorteil: Man kann sie in der Wohnung aufhängen. Ist das nicht der viel leichtere Weg zum Erfolg?

Richter: Ja und nein. Natürlich ist die Entscheidung, Kunst zu kaufen, auch mit einer Platzfrage verbunden.

 

Warum bauen Sie nichts Großes für den Außenbereich?

Richter: Dafür bedürfte es einer großen Werkstatt – die zu betreiben wäre nun wirklich nicht mit der Musik in Einklang zu bringen.

 

Und beim Steine bearbeiten könnten Sie sich die Gitarrenfinger verletzen . . .

Richter: (lacht) Das heilt wieder.

 

Würde Sie denn so etwas reizen? Ein Zehn-Meter-Objekt in einer Stadt zu platzieren?

Richter: Reizen schon. Ich würde auch gerne einen Entwurf machen und den Bau überwachen, ich würde es aber nicht selber bauen wollen. So etwas müsste die öffentliche Hand finanzieren, und die will meist möglichst wenig für Kunst ausgeben. Und Sie dürfen eines nicht vergessen: Kunst – das sind immer Prototypen. Und Prototypen sind teuer. Da kommt man nicht leicht zusammen.

 

Darum passen Ihre Klangobjekte in Wohnungen. Und sie kleiden Räume gut. Wenn man durch Ihr Wohnzimmer geht, steht und hängt da einiges, das man zupfen oder anblasen kann. Da ist sie wieder, die Fröhlichkeit.

Richter: Nicht alle Sachen, die ich mache, sind so groß, dass sie wirklich Platz wegnehmen. Es gibt meine Fröhlichkeit sogar in flacher Form (lacht). Und manchmal sind ja andere Dinge viel mehr im Weg. Bei manchem die Schrankwand. Ich bin gerne dabei behilflich, sie abzubauen und die Dinge, die sich darin befinden, und die häufig ohnehin keinen Wert haben, zu entsorgen, um Platz für eines meiner Objekte zu schaffen. Heimwerkern stelle ich gerne eine Kettensäge. Und bei Bedarf kann ich auch helfen, die Schrankwand bei Ebay zu verkloppen.

 

Wie geht Ihre künstlerische Reise weiter?

Richter: Ich möchte weiterhin beides machen. Musik und Bildhauerei. Ich denke, dass das eine das andere befruchtet. Die Musik führt zu immer neuen Objekten, die neuen Objekte zu immer neuer Musik.

 

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