Sonntag, 18. November 2018
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Praxiseinsatz in der Kalahari

erstellt am 09.11.2018 um 17:45 Uhr
aktualisiert am 14.11.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Über die Initiative "Zahnärzte ohne Grenzen" ist der Schrobenhausener Zahnarzt Christian Reiter zusammen mit seinem Kollegen und langjährigen guten Freund Ivo Pfütz nach Namibia gereist, um Menschen medizinische Versorgung zukommen zu lassen, die von den Errungenschaften fortschrittlicher Gesellschaften sonst abgeschnitten sind. Es war eine tief beeindruckende Reise.
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Christian Reiter (l.) und Ivo Pütz (r.) brachten auch zahlreiche Spenden dorthin, wo sie dringend benötigt werden.
Christian Reiter (l.) und Ivo Pütz (r.) brachten auch zahlreiche Spenden dorthin, wo sie dringend benötigt werden.
privat
Namibia. Ein wunderbares Reiseland. Da gibt es den Etoshapark mit seinen vielen interessanten Tieren wie Elefanten, Löwen und Giraffen, oder den Caprivizipfel im Nordosten mit seiner artenreichen Flora und Fauna. Solche Ziele sind für den Individualreisenden oder den Pauschaltouristen gut über ausgebaute Asphaltstraßen zu erreichen.

Weniger bekannt sind die Gebiete abseits der asphaltierten Reisebus-Straßen, die nur über Sandschotterpisten erschlossen sind, und noch weniger die kleinen Orte abseits dieser Straßen. Hier, im Nordosten, an der Grenze zu Botswana, ist die Kalahari, die Heimat der San-Buschleute und die der Hereros.

Wenn sich der Namibia-Tourist auf seiner Reise zwischen den Nationalparks und den dort befindlichen Sehenswürdigkeiten in den kleineren und größeren Städten in den wunderschönen Lodges aufhält, wird er allen erdenklichen Luxus genießen können. Er wird Tankstellen und Supermärkte mit einer Auswahl an Produkten vorfinden, die unserem Standard in Deutschland entsprechen. Auch wird er überall in den kleinen Städten und Orten Hinweisschilder von Ärzten und Apotheken finden. Der interessierte Namibia-Tourist wird annehmen, dass die medizinische Versorgung der namibischen Gesamtbevölkerung gesichert ist.

Der Schein trügt, denn ein Großteil der namibischen Bevölkerung in diesem Teil der Kalahari verfügt nicht über die finanziellen Mittel, um an all dem teilhaben zu können. Durch Erkrankungen an HIV, Hepatitis oder vor allem auch Tuberkulose ist vielfach die Elterngeneration früh ausgefallen, teils verstorben. Der Großelterngeneration fehlt diese jüngere Generation als Altersvorsorge. Dazu kommt, dass sich die Großeltern nun auch um die Enkelkinder kümmern müssen. Oft übernimmt die ältere Schwester die Erziehung des kleineren Bruders. Die enorme Arbeitslosigkeit erledigt den Rest. Folge: Verarmung.

Die wenigen staatlichen Kliniken sind finanziell, materiell und instrumental unterversorgt und können die Menge an Hilfsbedürftigen kaum bewältigen. Nur, wer über finanzielle Mittel verfügt, kann die privaten Krankenhäuser, Arzt- und Zahnarztpraxen aufsuchen.

Geht man als Namibia-Reisender nur wenige Schritte aus seiner komfortablen Lodge heraus, wird man unmittelbar mit der Armut und der Unterversorgung der Bevölkerung konfrontiert. Je weiter man in die Gebiete abseits der asphaltierten Straßen kommt, um so signifikant größer wird die Armut, die medizinischen Verhältnisse werden minimalistischer und die hygienischen Umstände katastrophaler. Und genau hier war unser Einsatzgebiet: die Kalahari-Wüste von Namibia an der Grenze zu Botswana.
Momentaufnahmen einer beeindruckenden Reise: Christian Reiter und sein Kollege Ivo Pütz behandelten Patienten aus einer mobilen Praxis, die in ein paar Koffer passte und nur aus dem Allernötigsten bestand. Luftballons, aus denen Tiere für die Kinder gedreht wurden, waren auch wichtig.
Momentaufnahmen einer beeindruckenden Reise: Christian Reiter und sein Kollege Ivo Pütz behandelten Patienten aus einer mobilen Praxis, die in ein paar Koffer passte und nur aus dem Allernötigsten bestand. Luftballons, aus denen Tiere für die Kinder gedreht wurden, waren auch wichtig.
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Wir, das sind mein Kollege und bester Freund Ivo Pfütz aus dem hessischen Braunfels, und ich als Zweier-Team bei diesem Einsatz für "Zahnärzte ohne Grenzen" (DWLF). Zahnmedizinische Assistenz gab es nicht, die namibische Regierung lässt auch kein nicht ausgebildetes Personal in der Assistenz humanitär in Namibia arbeiten.

Wir sollten in einem Gebiet tätig werden, wo über teilweise seit einem Jahr keine zahnärztliche Betreuung mehr stattgefunden hatte. Dementsprechend hatten wir unseren Einsatz vorbereitet. Wir suchten Unterstützung bei Dentalfirmen, bei Apotheken und vor allem bei unseren Patienten. Die Resonanz für unseren "Zahnärzte ohne Grenzen"-Einsatz war spektakulär. Es gab enorme Sach-, Altgold- und Geldspenden, so dass wir letztendlich mit vier, insgesamt über 90 Kilogramm schweren Koffern, bepackt mit Anästhetika, Nahtmaterial, Füllungsmaterialien, Antibiotika, Schmerzmitteln, OP-Handschuhen, Mundschutze, Desinfektionsmitteln und was noch nötig ist, in Windhoek, der Hauptstadt von Namibia, landeten. Hier übernahmen wir einen vorab organisierten allradgetriebenen Geländewagen. Letztendlich kauften wir noch eine Unmenge von Fünf-Liter-Wasserkanistern, Küchenrollen und Zahnbürsten ein.

Zusätzlich zu der uns von DWLF zur Verfügung gestellten Behandlungseinheit hatten wir noch unsere eigene zahnärztliche "Bohrmaschine" dabei, eine umfunktionierte elektrische Zahnbürste zum Anmischen von Füllungsmaterialien, eine Polymerisationslampe zum Aushärten von Kunststofffüllungen und unsere chirurgischen Lieblingsinstrumente. Somit war unsere mobile Praxis komplett - und der Geländewagen bis obenhin bepackt.

Nach zirka 450 Kilometern erreichten wir die Stadt Grootfontein. Hier sollten wir später im Umkreis von ungefähr 100 Kilometer sternförmig mehrere Orte anfahren und in kleineren Stationen unter anderem auch den Stamm der Hereros.

Zunächst aber ging es am nächsten Tag zirka 300 Kilometer weiter in den Osten in Richtung Botswana in die Kalahari. Hier passierten wir die Veterinärgrenze, die quer durch den Norden Namibias verläuft, um Tierseuchen von Namibias Farmenland fernzuhalten. Damit waren wir nun im ärmsten Teil von Namibia angelangt, in dem unter anderem das Volk der Buschleute, die San, heimisch ist. Die einzige Lebensader zum Wohlstand ist die etwas weiter abgelegene Teerstraße.

Wir errichteten unsere mobilen Behandlungsräume in einem Hospital, das seit 28 Jahren von einer Schweizer Ärztin aufopfernd geleitet wird. Wir waren in einem von rumänischen Christen errichteten Kinderheim, in mehreren kleinen Kliniken, weit abgelegenen Gesundheitsstationen zur Versorgung der an HIV, Hepatitis und an Tuberkulose erkrankten Menschen.
 
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An all diesen Einsatzorten in der Kalahari und später auch in den weiteren Einsatzorten im Gebiet um Grootfontein waren die hygienischen Verhältnisse katastrophal. Nirgends sauberes, fließendes Wasser, die medikamentöse Versorgung völlig unzureichend. Gleichwohl stand in all diesen Einrichtungen - trotz des eklatanten Mangels - der bewundernswerte Wille der Mitarbeiter zum Helfen im Vordergrund.

Wir bauten unsere mobile Praxis in immer wieder unterschiedlichen Standorten auf. Unser Behandlungsstuhl war zumeist ein Hocker. Über Stirnleuchten und Lupenbrillen beleuchteten wir die zu behandelnden Münder. Viele stark kariöse Zähne mussten wir extrahieren. Aber auch Füllungen konnten wir legen und somit den Erhalt von Zähnen sichern. Abends, nach geleisteter Arbeit, reinigten wir alle unsere Instrumente und sterilisierten sie anschließend in unserem transportablen Gerät.

In mehreren Kinderheimen und Stationen übergaben wir nach und nach die Spenden, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten. Diese Spenden kamen 1:1 in Afrika an. Zum Dank verabschiedeten uns die Kinder in den Kinderheimen oft mit einem traditionellen Lied oder Tanz.

Außerdem hatte mein Freund und Kollege viele Brillen in seinem Gepäck, die er ebenfalls vorab von Patienten zu Hause bekommen hatte. Mit Hilfe einer Lesetafel konnten sich etliche mit Zahnschmerzen geplagte Patienten auch noch eine passende Brille aussuchen.

Neben Stiften und Spielbällen hatten wir auch noch Modellierluftballons im Gepäck, aus denen wir gerade für unsere kleinen Patienten lustige Luftballontiere in verschiedenen Farben bastelten. Und natürlich brachten wir auch Zahnbürsten unter die Patienten.

Besonders beeindruckt hat uns ein sehr alter, blinder Mann vom Stamme der San. Sein Blindenstock war ein abgenutzter, schmutziger alter Besenstiel. Seine Zehen waren mit zerfetzten Mulllappen verbunden. Vermutlich aufgrund seiner Behinderung hatte er sich die Füße wieder und wieder verletzt. Wir extrahierten diesem Mann drei seiner stark zerstörten Zähne, während er ausgiebig und fortwährend lachte.
 
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Nach unserer Behandlung hörten wir den Mann mit den anderen wartenden Patienten sprechen. Auf unsere Nachfrage hin, wurde uns auf Englisch übersetzt, was er gesagt hatte: dass er noch nie in seinem ganzen Leben so schmerzfrei und dabei noch ohne Kosten behandelt worden sei. Und wie sehr er sich freute und dankbar für die Behandlung war. Immer noch kopfschüttelnd, und immer noch laut redend und lachend verließ er die Klinik.

Wir selbst waren sprachlos und unsere Gedanken sind noch immer bei diesem alten San. Was muss dieser Mann alles erlebt haben ?

So arbeiteten wir an vielen unterschiedlichen Orten unter sehr rudimentären Bedingungen - in einer atemberaubend schönen Landschaft, unter immer äußerst netten und freundlichen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft.

Am Ende unseres Einsatzes besuchten wir die Zahnstation in der staatlichen Klinik von Grootfontein und trafen hier auf eine angestellte Zahnärztin, eine äußerst engagierte und versierte, junge namibische Kollegin. Wir übergaben ihr alle unsere nicht benötigten Materialien, Antibiotika, Schmerzmittel, Anästhetika und Füllungsmaterialien. Besonders wertvoll empfand sie die rotierenden Diamantbohrer, die man zum Beschleifen der Zähne benötigt. Fast beschämte uns das überglückliche Lachen unserer afrikanischen Kollegin über die für uns selbstverständlichen, notwendigen und standardmäßigen Arbeitsmaterialien.

Die Zeit unseres Einsatzes ging leider viel zu schnell vorbei, der Abschied nahte und wir mussten wieder zurück nach Windhoek und Namibia Lebewohl sagen.

Wir sind sehr dankbar dafür, dass wir diesen Einsatz machen durften. Wir haben auch unseren Familien zu danken, die auf einen gemeinsamen Urlaub verzichteten und uns unseren Einsatz machen ließen. Und wir danken unseren Sponsoren, mehreren großen Dentalfirmen, vor Ort auch Apotheker Hanns-Jörg Schultes für sehr großzügigen Medikamentenspenden, und natürlich unseren Patienten, die uns mit vielen guten Wünschen und Interesse, vor allem aber auch mit großer finanzieller Unterstützung auf den Weg geschickt hatten.

Sehr viel Gepäck hatten wir auf dem Hinflug nach Namibia in unseren Koffern. Auf dem Rückweg aber waren unsere Koffer leer, aber mit den gewonnenen Eindrücken, den Erlebnissen und den Erfahrungen dennoch viel, viel größer gepackt.
Christian Reiter
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