Mittwoch, 17. Oktober 2018
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Das vermehrte Insekten-Aufkommen in diesem Jahr ist eine Wohltat für den Artenerhalt

Für mehr Vielfalt im Garten

Kleinhohenried
erstellt am 13.06.2018 um 18:37 Uhr
aktualisiert am 25.06.2018 um 13:41 Uhr | x gelesen
Kleinhohenried (SZ) Deutlich mehr Insekten als sonst gibt es in diesem Jahr - die gefährlichen Raupen des Eichenprozessionsspinners oder der Borkenkäfer beherrschen die Schlagzeilen. Doch natürlich ist nicht jedes der Kriechtierchen ein Schädling. Sabine Baues-Pommer, Leiterin der Kreisfachberatung für Gartenkultur und Landespflege am Landratsamt, klärt auf.
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Die neue Blumenwiese am Haus im Moos bietet ein Nahrungsangebot für Bienen und Schmetterlinge. Katrin Pilz (l.) und Sabine Baues-Pommer bepflanzen die Fläche mit saisonalen Wildblumen, damit sie von Frühjahr bis zum Herbst stets blüht.
Die neue Blumenwiese am Haus im Moos bietet ein Nahrungsangebot für Bienen und Schmetterlinge. Katrin Pilz (l.) und Sabine Baues-Pommer bepflanzen die Fläche mit saisonalen Wildblumen, damit sie von Frühjahr bis zum Herbst stets blüht.
Foto: Blum
Kleinhohenried
Dass der Eichenprozessionsspinner gefährlich sein kann, weiß Baues-Pommer. Die Falterart, deren Larven - in diesem Stadium nennt man sie auch Raupen - giftige Brennhärchen entwickeln, ist von der iberischen Halbinsel nach Mitteleuropa gekommen, wird hier allmählich zu einem Problem und muss beseitigt werden. "Kollegen aus Rosenheim haben berichtete, dass der Eichenprozessionsspinner auch schon bei ihnen angekommen sei", sagt Baues-Pommer. Vor einigen Jahren sei das Insekt noch nicht im Alpenvorland beobachtet worden, das überdurchschnittlich warme Frühlingswetter habe seine Verbreitung begünstigt, so die Kreisfachberaterin.

Da die Raupe des Eichenprozessionsspinners nur wenige natürliche Feinde hat, unter anderem dem Puppenräuber-Käfer, die Raupenfliege, den Wiedehopf und den Kuckuck, und einige von ihnen selbst eine bedrohte Art darstellen, muss die giftige Raupe mit dem so genannten Bacillus thuringiensis besprüht werden. Das biologische Mittel verhindert, wenn es rechtzeitig eingesetzt wird, dass die Brennhaare ausgebildet werden und sorgt dafür, dass die Larve abstirbt. "Da man nur ein sehr kurzes Zeitfenster hat und die Behandlung hier im Landkreis zu spät vorgenommen wurde, müssen die Gemeinden dafür sorgen, dass die Gespinste von den Bäumen abgesaugt werden", erklärt Baues-Pommer. Denn die Brennhaare sind auch nach der Verpuppung giftig und können vom Wind weitergetragen werden.

Doch nicht alle behaarten Raupen sind gefährlich. Beispielsweise der Gewöhnliche Wollafter, der gänzlich ungiftig ist, und der Schwammspinner, der nur in ganz seltenen Fällen Allergien auslösen kann, werden häufig mit dem Eichenprozessionsspinner verwechselt, was zu unnötiger Hysterie führen kann. Auch stark verbreitet hat sich in diesem Jahr die Raupe der Gespinstmotte. Sie ernährt sich von den Blättern der Traubenkirsche und je nach Art auch vom Pfaffenhütchen. Dass die Bäume kahl gefressen werden, ist kein Problem, denn die Raupen werden sich demnächst verpuppen und die Bäume haben somit genug Zeit, sich zu erholen und neu auszutreiben.

Die Insekten sind ein wichtiger Bestandteil des Ökosystem, die maßgebend zur Erhaltung der Artenvielfalt beitragen. Denn sie sind das Futter für andere Tiere, beispielsweise für Vögel, und der Tierbestand der heimischen Vogelarten gehe seit Jahren kontinuierlich zurück, mahnt Baues-Pommer, denn die Natur beruhe auf dem Spieler-Gegenspieler-Prinzip: Gerät dies durcheinander, können die Folgen für alle Lebewesen verheerend sein.
Die Haare des Eichenprozessionsspinners können allergische Reaktionen hervorrufen.
Die Haare des Eichenprozessionsspinners können allergische Reaktionen hervorrufen.
Foto: Weiß
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Das beste Beispiel dafür ist die Honigbiene, deren Schwinden seit Jahren beobachtet wird - die Naturschützer schlagen regelmäßig Alarm: "Das Bewusstsein der Menschen muss wieder dafür geschärft werden, dass alles in der Natur zusammenhängt und seine festen Funktionen hat, die miteinander zusammenhängen", sagt Baues-Pommer. Aus diesem Grund hat Katrin Pilz von der Kreisfachberatung gemeinsam mit Sabine Baues-Pommer eine Bienenweide - die auch von vielen Schmetterlingsarten angeflogen wird - entworfen und rund um das Gelände am Haus im Moos angelegt.

"Jeder kann seinen Beitrag leisten, zum Beispiel mit einer naturnahen Bepflanzung im Garten", erklärt die Leiterin der Kreisfachberatung. Den Trend zur Verarmung der Gärten beobachtet sie schon länger. Immer mehr Menschen bevorzugen Schotterflächen und Drahtschotterkästen statt natürlicher Hecken zur Einfriedung ihrer Grünflächen, da diese pflegeleichter sind. In ihren Augen habe sich das Verhältnis zur Arbeit an der frischen Luft im Garten zum Negativen entwickelt: Die Menschen empfinden die Gartenarbeit als Belastung, dabei sei es ein Privileg, an der frischen Luft zu sein, und ein Ausgleich zum Alltag.

Daher sei es besonders wichtig, den Kindern ein positives Naturbewusstsein zu vermitteln und die Sensibilität für ein ökologisch ausgeglichenes Umfeld zu schärfen, so Baues-Pommer. Außerdem rät sie dringend dazu, seinen Garten möglichst naturnah zu gestalten. Dafür gibt es vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Bienen-App. Neben zahlreichen Informationen über die fleißigen Insekten und einem Bienen-Quiz gibt es auch ein Pflanzenlexikon, das bestimmte Eigenschaften verschiedener Pflanzenarten genau aufzeigt. So informiert die App über die Bienenfreundlichkeit im Allgemeinen, die Pollenintensität, den Nektarertrag der Pflanze und welche Beschaffenheit das Gewächs benötigt, also ob es im Garten oder auf dem Balkon angepflanzt werden kann und wie viel Licht es benötigt. Außerdem wird angezeigt, wann die Pflanze blüht, dadurch können die Gärtner einen ganzjährigen Bepflanzungsplan erstellen, damit möglichst immer irgendwo etwas blüht.

"Auch in digitaler Form gibt es ein wirklich großes Angebot an Informations- und Beratungsmöglichkeiten, die Menschen müssen es nur häufiger nutzen", klagt Baues-Pommer. Dass die Politik nur langsam in Umweltfragen vorankommt, davon lässt sich die Kreisfachberaterin nicht demotivieren: "Wir schöpfen die Kraft für unsere Arbeit aus den kleinen Aktionen. Resignation kommt nicht in Frage. Jeder kann etwas tun, schließlich geht es um die Natur, die unsere Zukunft und unser Lebensraum ist."
 
Kristina Blum
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