Montag, 19. November 2018
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Pascal Bouygues über seine Leidenschaft zum Gyrocopterfliegen

Ein bisschen wie James Bond

Schrobenhausen
erstellt am 14.09.2018 um 11:38 Uhr
aktualisiert am 19.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Schrobenhausen (SZ) Einige haben es vielleicht schon einmal über dem Schrobenhausener Land fliegen sehen, dieses eigenartige Fluggefährt. Nicht Flugzeug, nicht Helikopter - aber was ist es dann? Filmfans erinnert es womöglich an den James-Bond-Streifen "Man lebt nur zweimal". Aber es ist kein Geheimagent, der da am Himmel schwebt, sondern der Pilot Pascal Bouygues (44).
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Pascal Bouygues und sein Gyrocopter. Ab und zu kann man ihn im Schrobenhausener Land fliegen sehen.
Pascal Bouygues und sein Gyrocopter. Ab und zu kann man ihn im Schrobenhausener Land fliegen sehen.
Tyroller, Tabea, Schrobenhausen
Schrobenhausen
Verwechslungen ausgeschlossen: Bouygues' Gyrocopter ist in der Schrobenhausener Umgebung der einzige seiner Art. Entsprechend ist auch der Name nicht geläufig: Gyrocopter. Da wird doch nicht dem einen oder anderen durch den Kopf gehen, ob das irgend etwas mit dem bekannten griechischen Gericht zu tun hat? Hat es natürlich nicht. Vielmehr handelt es sich bei einem Gyrocopter um einen Tragschrauber, der so konzipiert ist, dass er keinen eigenen aktiven Antrieb wie ein Hubschrauber benötigt. Stattdessen holt er sich seinen Auftrieb aus dem Fahrtwind. Je mehr Energie der Pilot also auf den hinteren Antriebspropeller gibt, umso größer wird die Auftriebskraft am Rotorsystem.

Das Besondere an einem Gyrocopter: Selbst kleine Vorwärtsgeschwindigkeiten und sogar ein horizontaler Stillstand, also quasi ein Auf-der-Stelle-Stehen, sind in der Luft möglich. "Der Gyrocopter gilt als eines der sichersten Fluggeräte", verspricht Bouygues. Ein Tragschrauber könne selbst bei einem völligen Triebwerksversagen sicher gelandet werden, denn der Rotor erlangt seine Umdrehungsgeschwindigkeit aus dem Fahrtwind - er wird demnach passiv angetrieben. Ein Stillstand des Rotors bei einem Triebwerksversagen kann also niemals eintreten. Darum ist es auch nicht notwendig, einen Fallschirm mitzunehmen, denn der Gyrocopter selbst fungiert wie ein natürlicher Fallschirm.
Mit dem Gyrocopter über das Schrobenhausener Land

"Es gibt alle möglichen Gyrocopter", erzählt der flugbegeisterte Pascal Bouygues. Er selbst besitzt seit gut zehn Jahren ein komplett offenes Exemplar. Geschlossene gibt es auch, aber gerade das Offene gefällt dem Fluglehrer. "Ich würde auf jeden Fall wieder einen Offenen nehmen", sagt er. Im Winter sei das zwar nicht ganz so vorteilhaft, aber schließlich gibt es ja auch beheizbare Kleidung. Darum fliegt er nicht nur von Frühling bis Herbst, sondern durchaus auch mal in den kälteren Monaten.

Wie kommt man zu einem solch außergewöhnlichen Hobby? Alles begann 2005, als Pascal Bouygues zufällig eine Fernsehdokumentation über Gyrocopter sah. Kurz darauf suchte er eine Flugschule auf und stieg in einen Gyrocopter. Und obwohl ihm sein erster Gyrocopterflug gar nicht so positiv in Erinnerung geblieben ist - er hat ihn mittendrin abgebrochen - hielt es ihn dennoch nicht am Boden. Dass der Erstflug nicht so schön war, hatte "viel mit dem Fluglehrer zu tun", sagt er heute. Der sei damals nicht auf ihn eingegangen. Eine Woche später traute er sich abermals in einen Gyrocopter, diesmal bei einer anderen Flugschule. "Es war viel besser", sagt Bouygues heute. So kam es, dass er jedes Wochenende in die Schule fuhr und dort seinen Flugschein machte.

Da Pascal Bouygues aufgrund damals beruflich von seinem damaligen Wohnort Stuttgart nach München pendelte - Stau war vorprogrammiert -, kam ihm die Idee, sich selbst einen Gyrocopter zuzulegen. Gesagt, getan. Während die meisten mit dem Auto oder mit dem Zug in die Arbeit kamen, flog Bouygues. Das sparte Zeit.

Ein billiges Hobby ist Gyrocopterfliegen allerdings nicht. Je nach Ausstattung lässt sich ein Tragschrauber ab 50000 Euro aufwärts ergattern. Obwohl sich Bouygues damals für einen gebrauchten Gyro und ein günstigeres Modell entschieden hatte, war es dennoch eine stattliche Summe. Um das wieder hereinzubekommen, ließ er sich zum Fluglehrer ausbilden und gab Unterricht. Außerdem bot er Rundflüge an, was er auch heute nach wie vor macht: www.gyrocopter-stuttgart.de.

Mittlerweile wohnt der 44-Jährige, der in Paris geboren wurde, mit seiner Familie in der Nähe von Aichach und arbeitet in Schrobenhausen. In die Arbeit fliegt er jetzt nicht mehr. "Das würde sich nicht lohnen mit einer Stunde Flugvorbereitung davor", lacht Bouygues. In seiner Freizeit fliegt er aber immer noch sehr gerne, meistens mit Begleitung.

Mit seinem Gyro ist er in der Welt auch schon ganz schön herumgekommen. Sein weitester Flug sei nach Frankreich gewesen, mit Pausen natürlich. Und natürlich gab es auch schon mal brenzlige Situationen - das Wetter. "Einmal ist ein Blitz nicht weit weg von mir eingeschlagen", erzählt er. Auch ein sogenanntes "White out", bei dem durch den Nebel der Horizont nicht mehr sichtbar war, sei ihm schon untergekommen.

Aber Pascal Bouygues weiß, wie gefährlich das Wetter werden kann. Er hat deshalb speziell im Bereich der Meteorologie zusätzliche Schulungen belegt. Diesen Respekt vor dem Wetter gibt er auch stets seinen Schülern mit auf den Weg, wenn er als Fluglehrer im Einsatz ist. "Der Hauptgrund, warum Unfälle passieren", sagt Bouygues, "sind das Wetter und Selbstüberschätzung."
 

Auszug aus dem Tagebuch eines Gyroneulings

Flugplatz Aichach, Spätsommerabend. Da steht er, ein quietschgelber Gyrocopter, bereit zum Abflug. Zwar ziehen aus heiterem Himmel ein paar dicke Wolken auf, davon lassen wir uns jedoch nicht beirren.

Zur Sicherheit überprüft der Pilot noch einmal den Wetterbericht. Damit sind die Flugvorbereitungen aber noch lange nicht abgeschlossen. Es gibt eine fixe Checkliste, die vor jedem Flug durchgegangen werden muss. Das nimmt Pascal Bouygues sehr genau: Sicherheit steht beim Fliegen an erster Stelle. Sind Beschädigungen am Fluggerät sichtbar? Gibt es Vorschriften, wie der Flugplatz angeflogen werden muss? Und und und.

Nachdem der Pilot das Okay gegeben hat, steht dem Gyroflug nichts mehr im Wege - abgesehen von der Höhenangst bei einer gewissen Passagierin. Dick angezogen - schließlich ist es dort oben kühler und zugig - setzen wir die Helme auf und nehmen im Gyrocopter Platz. "Die Füße nur auf die Fußleisten stellen", ermahnt Bouygues.

Ab dann läuft die Kommunikation nur noch über das Mikrofon, das am Helm angebracht ist. "Ist der Gurt zu? ", fragt der Pilot abermals. - "Check! " - "Ist die Schutzkappe vom Helm unten? " - "Check! " - "Sind unbefestigte Gegenstände an Bord? " - "Nein! " Das ist ganz wichtig, denn wenn etwas im Gyro herumscheppert, könnte man im schlimmsten Fall zur Notlandung gezwungen sein. "Alles in Ordnung? ", tönt es durchs Mikro. Naja, so, wie es jemandem mit Höhenangst eben vor seinem ersten Gyroflug nun mal geht. Aber es gibt einen beruhigenden Gedanken: Auch Bouygues selbst hat ein wenig Höhenangst.

Für ein Zurück ist es jetzt sowieso schon zu spät. Die Checkliste ist abgehakt, noch ein kurzes Winken zum Flugleiter und schon rollen wir Richtung Startbahn. Die letzten Sekunden, bis der Gyro auf Touren kommt, sitzt man wie auf Kohlen. Dann ein unerwartet sanftes Abheben - schwupps sind wir in der Luft.

Von den rund 150 Stundenkilometern, mit denen wir uns fortbewegen, ist in der Luft kaum etwas zu spüren. Einzig der Wind, der durch Jacke und Helm zieht, weist darauf hin. Da ist der Pilot ein wenig zu beneiden, denn der wird zumindest durch eine kleine Windschutzscheibe geschützt. Dennoch fühlt es sich an, als würden wir uns kaum fortbewegen. Aber komisch, während wir hier durch die Luft schaukeln, ziehen dann doch unter uns Aichach, Kühbach und auch das Schrobenhausener Land unter uns vorbei - und gar nicht so langsam. Da hat das zuvor schlechte Wetter auch ein Gutes, denn so lässt sich besonders weit in die Ferne blicken. Sogar die Münchner Allianz Arena kann man am Horizont erkennen.

Die Aussicht ist atemberaubend und lässt die Höhenangst vergessen. So fühlt es sich also an, wenn man schwebt. Vielmehr hat das Blicken in die Ferne etwas Meditatives und Beruhigendes, das könnte ewig so weitergehen. Der halbstündige Rundflug vergeht - im wahrsten Sinne des Wortes - wie im Fluge.

Schon können wir wieder den Aichacher Flugplatz unter uns erblicken. Noch eine, diesmal etwas schärfere Kurve, und schon setzen wir zur Landung an. Wie es war? Daumen hoch!
Tabea Tyroller
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