Mittwoch, 26. September 2018
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Wilhelm Zechmair aus Langenmosen besitzt ein altes Militärmotorrad

Die BMW R75 hat es ihm angetan

Langenmosen
erstellt am 10.09.2018 um 16:19 Uhr
aktualisiert am 15.09.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Ein seltenes Schätzchen des deutschen Motorradbaus hat Wilhelm Zechmair aus Langenmosen in seiner Garage: eine alte BMW R75. Das Gespann - Motorrad mit Beiwagen - hat der Techniker vor mehr als 20 Jahren in Russland gekauft. Alleine das war schon ein kleines Abenteuer, sagt Zechmair heute.
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Dass es mal ein Militärmotorrad war, sieht man der inzwischen 75 Jahre alten BMW R75, die Wilhelm Zechmair besitzt, nicht mehr auf den ersten Blick an.
Dass es mal ein Militärmotorrad war, sieht man der inzwischen 75 Jahre alten BMW R75, die Wilhelm Zechmair besitzt, nicht mehr auf den ersten Blick an.
Spindler
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Das Gespann mit dem charakteristischen Boxermotor kommt vielen gleich bekannt vor. Die meisten erinnert es an Vehikel, die sie in Filmen gesehen haben, die vom zweiten Weltkrieg erzählen. Stimmt, auch wenn es dem Exemplar, das Wilhelm Zechmair aus Langenmosen besitzt, nicht mehr auf den ersten Blick anzusehen ist. Der für Militärfahrzeuge typische oliv-grüne oder Fleckentarnanstrich fehlt komplett. Vielmehr glänzt seine Maschine in schwarz in der Sommersonne.
 
Mit einer Blattfeder wird der Beiwagen des Gespanns gedämpft. Was wie ein Helm aussieht, ist der Luftfilter auf dem Tank. Das Getriebe kann von Hand geschaltet werden und unterscheidet zwischen Straßen- und Geländegängen. Außerdem gibt es ein Sperrdifferential. Und die Zylinderköpfe waren bei der Ursprungsversion der BMW R75 nie verchromt.
Mit einer Blattfeder wird der Beiwagen des Gespanns gedämpft. Was wie ein Helm aussieht, ist der Luftfilter auf dem Tank. Das Getriebe kann von Hand geschaltet werden und unterscheidet zwischen Straßen- und Geländegängen. Außerdem gibt es ein Sperrdifferential. Und die Zylinderköpfe waren bei der Ursprungsversion der BMW R75 nie verchromt.
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Dabei wurde die BMW R75 extra für den Einsatz im zweiten Weltkrieg entwickelt. BMW und Zündapp, erklärt Zechmair, bauten beide ein Gespann. Die Motorräder mit ihrem Beiwagen sollten fast identisch sein. Doch BMW setzte bei der Konstruktion auf einen verschraubten Stahlrahmen, erklärt Zechmair, der einfacher zu reparieren gewesen sei. Zündapp dagegen hatte seine Maschine um einen Gussrahmen aufgebaut.
 
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Der 81-jährige Wilhelm Zechmair ist fasziniert von der Technik, die in seinem Motorrad steckt. Und von der handwerklichen Kunst, mit der es gefertigt wurde. Ganz besonders hat der gelernte Werkzeugmacher dabei den Antriebstrang im Blick. Das Getriebe mit seinen insgesamt sieben Vorwärtsgängen - vier für den normalen Straßenbetrieb und drei für Geländefahrten - und zwei Rückwärtsgängen - je einer für Straße und Gelände - hat es Zechmair angetan. Für die damalige Zeit Anfang der 40er-Jahre - die BMW R75 wurde von 1941 bis 1944 gebaut - sei das schon eine beeindruckende Ingenieursleistung gewesen.
 
 
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Sein Exemplar weist eine Besonderheit auf. Auf dem Tank befindet sich der Luftfilter, der auf den ersten Blick wie ein Stahlhelm aussieht. Nachdem die ersten Maschinen im Krieg in Afrika und Russland Probleme bekamen, weil Wüstensand, Schlamm und Dreck den eigentlich unten am Motor angebrachten Filter extrem schnell zusetzten, änderten die Ingenieure bei BMW ihre Konstruktion. Zechmair mutmaßt, dass es der Materialknappheit in den Kriegsjahren geschuldet gewesen sei, dass seine Maschine keinen Choke mehr habe. Der Wahlhebel hätte sich eigentlich am Luftfilter auf dem Tank befunden. Doch er fehlt. Und das nicht, weil die Vorbesitzer von Zechmairs Kriegsmotorrad ihn abgebaut hätten. Nun zeugt nur noch der Aufdruck "Fahrt und Start" vom einstmals vorgesehenen Choke.
 
 
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Apropos Vorbesitzer: Der stammt aus Russland. In Nowosibirsk hatte sich Zechmair auf die Suche nach dem legendären Motorrad gemacht. Damals war Zechmair für die Firma Ytong, bei der er 40 Jahre beschäftigt war, überall in der Welt im Einsatz und baute im Ausland mit anderen Mitarbeitern Werke des weltweit agierenden Konzerns auf. In den Jahren nach der Wende in Russland habe es nichts gegeben, was man dort nicht hätte kaufen können, erinnert sich Zechmair noch. Doch die BMW R75 war gar nicht so leicht zu finden. In einem lokalen TV-Sender hatte Zechmair einen Suchaufruf platzieren können - und wurde fündig.
 
 
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Ein Russe bot ihm die Maschine an. Damals sollte das Fahrzeug 3000 D-Mark kosten. Doch der Besitzer wollte die Maschine nicht zu Zechmair bringen und sich dort sein Geld abholen. Vielmehr sollte Zechmair beim Käufer vorbeischauen. Die Debatte über den Abwicklungsort des Kaufs endete mit einem gemeinsamen Besuch auf der Polizeistation in Nowosibirsk. Im Beisein eines hochrangigen Polizisten wurde der Kauf erledigt und das Geld wechselte den Besitzer. Nach Deutschland bekam Zechmair die Maschine mit einem Werkzeugcontainer seines Arbeitgebers. Die Formalitäten beim Zoll waren das kleinste Problem, wie sich Zechmair heute noch erinnert: "Mit ein bisschen Extrageld für den Zöllner gab es schnell die Papiere."

Auch an seine erste Fahrt mit der Maschine in Russland erinnert sich Zechmair noch ganz genau. Vor allem das Steuern eines Gespanns habe es in sich. Während sich der Fahrer eines normalen Motorrades mit seinem Körper in die Kurve lege und wenig mit dem Lenker arbeite, sei das beim Gespann schon ganz anders: "Da ist der ganze Körper ständig am Arbeiten." In den Kurven müsse der Fahrer recht kräftig die Maschine mit dem Lenker in die Kurven steuern. Ganz abgesehen davon, dass bei Linkskurven auch darauf zu achten sei, dass der Beiwagen auf der rechten Seite nicht zu sehr von der Fahrbahn abhebe.

"Die Russen verstanden überhaupt nicht, dass ich unbedingt etwas Altes kaufen wollte", sagt Zechmair über die Wendezeiten, die er in Russland erlebt hat. Die Russen dagegen seien nach den Zeiten des Mangels ganz versessen auf alles Neue gewesen. Doch die Faszination für alte Fahrzeuge hat Zechmair deswegen nicht losgelassen. Ebenfalls in Russland hat er sich noch eine Maschine der Marke Indian, Baujahr 1941, gekauft. Sie steht derzeit in seiner Werkstatt und wird Stück für Stück restauriert. Gleich daneben wartet auch eine DKW SB 500 aus dem Jahr 1937 darauf, in Zechmairs Werkstatt an die Reihe zu kommen.

Das hat Zechmairs BMW R75 bereits hinter sich. In Deutschland angekommen hat Zechmair die Maschine total zerlegt, die Teile gereinigt und defekte Teile ausgetauscht. An Ersatzteile für die R75 zu kommen, ist laut Zechmair überhaupt kein Problem. Er hat die Kopie eines Originalreparaturbuches der R75 in einem Aktenordner. Mit der genauen Bezeichnung sind die Teile schnell zu beschaffen. In Deutschland gebe es Händler, die genau darauf spezialisiert seien. Und sollte das mal nicht klappen, weiß Zechmair, wen er anrufen könne. Denn der gebürtige Langenmosener ist mit seinem Motorrad immer wieder mal bei Oldtimertreffen zu Gast. Da komme man mit Gleichgesinnten schnell ins Gespräch und tausche sich aus.

An Zechmairs BMW R75 ist leider nicht alles im Originalzustand, wie er zugibt. Das geht bei der Lackierung los. Ausgeliefert wurde Maschine 1943 in panzergrau. Beim Panzerregiment 3 in Orel (Ukraine) wurde sie beige überlackiert, hat Zechmair recherchiert. Der russische Besitzer, der die Kriegsbeute später sein Eigen nannte, hatte offensichtlich eine andere Farbvorstellung: Die Maschine erhielt ihre glänzend schwarze Optik. Außerdem hatten die Russen eigene Rücklichter an das Motorrad angeschraubt, auch der Hauptscheinwerfer wurde ausgewechselt und ein kleiner Zusatzscheinwerfer auf dem Schutzblech befestigt. "Ich mag ihn, darum lasse ich ihn dran", sagt Zechmair dazu. Ach ja, und die Russen liebten offensichtlich Bling-Bling: Die Zylinderköpfe wurden verchromt.

Der Zweizylinder-Boxermotor mit 745 Kubikzentimetern Hubraum kann das Gespann auf der Straße auf eine Höchstgeschwindigkeit von etwas mehr als 90 Kilometer pro Stunde antreiben. Doch auf der Straße fühlen sich weder die Maschine noch Zechmair wirklich wohl, wenn sie unterwegs sind. "Am liebsten fahre ich damit in den Wald", sagt Zechmair. Im Gelände zeige sich erst, was die Maschine könne. Doch auch für das geländegängige Gespann ist manches Loch zu tief, wie Zechmair aus eigener Erfahrung weiß. Bei einer Ausfahrt mit seinen Enkeln habe er sich mal festgefahren, erzählt Zechmair. Da es nicht vor, noch zurückging, musste er das Gespann im Wald stehen lassen und mit seinen Enkeln den Fußmarsch zurück nach Langenmosen antreten. Seine Enkel wollten danach nicht mehr mit Opas Gespann in den Wald fahren - der Fußmarsch zurück war ihnen wohl zu lang. Zechmairs Faszination fürs Geländefahren hat der misslungene Ausflug aber keinen Abbruch getan.
 
Jürgen Spindler
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