Dienstag, 20. November 2018
Lade Login-Box.

Zwischen Schambach und Schloss

erstellt am 16.07.2009 um 21:03 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 23:12 Uhr | x gelesen
Hexenagger (DK) In Hexenagger leben etwa 500 Menschen in einem Dorf mit 1000-jähriger Geschichte. Unser Autor Dieter L. Scharnagl beschreibt in unserer Serie "Dahoam" den Ort, der von einem mächtigen Schloss überragt wird, aus seiner ganz persönlichen Sicht.
Textgröße
Drucken
Die wuchtigen Hämmer in der Huf- und Waffenschmiede von Hexenagger stammen aus dem 17. Jahrhundert.
Gemächlich schlängelt sich die Schambach durch Hexenagger. Als würde das Bächlein schon ahnen, dass es unweigerlich kurz vor dem Ziel angelangt ist. Obwohl die Schambach früher auf ihrer kurzen Reise über nur 16 Kilometer das Wasser für mehr als 30 Mühlen aus einer Karstquelle in Schamhaupten geführt hat, muss sie sich in Riedenburg schon verabschieden. Denn dort kommt ihr die größere Altmühl in die Quere.

Nur noch wenige Mühlen sind übrig geblieben. Darunter befindet sich die Neumühle – ein Sägewerk – sowie die Waffen-, Huf- und Hammerschmiede in Hexenagger. "Im Dreißigjährigen Krieg wurde hier viel zerstört und irgendwann ist auch die Herstellung von Werkzeugen in andere Gebiete von Deutschland verlagert worden", weiß Norbert Huber. Aber mit einem Besuch beim Schmied von Hexenagger lässt sich das Rad der Zeit wenigstens für einen kurzen Augenblick weit zurückdrehen: Die wuchtigen Fallhämmer von je drei Zentnern tragen als Jahreszahl 1633 und über der Hauptfeuerstelle ist das Jahr 1639 per Meißel verewigt.

So arg muss die ferne Vergangenheit jedoch gar nicht strapaziert werden. Denn noch vor einem halben Jahrhundert hat Maria Gabler von ihrem Sacherl in Hexenagger 28 aus eine ihrer drei Kühe an der Hand zur Klauenpflege in die Waffen-, Huf- und Hammerschmiede geführt. Doch die Landwirtschaft konnte die meisten Menschen in Hexenagger auch früher schon nicht ernähren und war für die meisten Bauern ein Nebenerwerb. "Über viele Jahre lebten in unserem kleinen Anwesen sieben Menschen", erzählt Maria Pfaller an der Eckbank in der Küche. Zusammen mit ihrem Gatten Max hat die Tochter von Maria Gabler in dem kleinen, aber schmucken Anwesen ihre vier Söhne Max, Otmar, Reinhold und Markus aufgezogen und auch noch ihre Mutter Maria Gabler versorgt. Die Milch von zwei Kühen, die Eier von ein paar Hühnern, das Obst und Gemüse aus dem Garten am Haus und die Kartoffelernte vom angrenzenden Acker haben zusammen mit dem Lohn von Max Pfaller aus der Arbeit im Sägewerk Ludwig Riegelsberger dafür gesorgt, dass alle Kinder satt geworden sind und einen soliden Beruf erlernen konnten.

Das ist kein Einzelfall und die Kraft für ein ordentliches Leben nehmen die Menschen auch in Hexenagger aus ihrer tiefen Verankerung im katholischen Glauben. Keine Frage, dass die Religionszugehörigkeit im Landkreis Eichstätt auch die politische Gesinnung prägt.

Der Ortsname Hexenagger ist selbst im Naturpark Altmühltal recht exotisch. Im ersten Moment erzeugt er sogar ein leichtes Grusel- und Gänsehautgefühl. Zu Unrecht, denn er ist lediglich von den ersten Herrschern über das Schloss – den "Hexenaggern oder Hechsenaggern" – abgeleitet. Gemessen an den beiden Ortsschildern lebt ein Großteil der knapp 500 "Hexenaggerer" in einem 700 Meter langen Tal, das nur zwei weite Steinwürfe breit ist. Etwas Platz davon beanspruchen das relativ stark frequentierte Asphaltband auf seinem Weg von Altmannstein nach Riedenburg und die idyllische Schambach, die sich wie eine ausgewachsene Ringelnatter durch den Ort schlängelt. Bis zum 28. Mai 1972 hatte auch noch die Bahnlinie von Ingolstadt nach Riedenburg mit einem kleinen Bahnhof ihren Platzanspruch. Aber die 41 Kilometer lange ehemalige Bahnstrecke ist nun ein schön ausgebauter und beliebter Radweg, der bei gutem Wetter die Radler zu einer Brotzeit und einer Radler zum Wirt von Hexenagger lockt.

Brauerei verkauft

Obwohl es längst kein Bier mehr aus der eigenen Schlossbrauerei zu trinken gibt, sind nach Feierabend die beiden massiven Bänke am Stammtisch vor dem Wirtshaus oft hoffnungslos von den Senioren belegt. Die "Alten" versorgen sich dann bei einem kühlen Hellen oder Weizen bis in den späten Abend gegenseitig mit den neuesten Nachrichten – oder schwelgen in Nostalgie. Bereits im Jahr 1486 wurde die Schlossbrauerei Hexenagger durch den Grafen Jörg von Helfenstein gegründet. Wilhelm Leichtfuß, der Vater des heutigen Schlossherrn Eberhard Leichtfuß, baute im Jahr 1960 ein neues Brauhaus und verkaufte dann aber im Jahr 1968 die Brauerei an die Löwenbräu.

Solange, bis ein vermeintlich cleverer Bauträger namens Alfred Kübrich auf die Idee kam, nach Hexenagger die "Preußen" zu holen, gab es in der beschaulichen Schambach-Idylle keine Straßenbezeichnungen. "Als dann diese Siedlung entstanden ist, musste ich unsere Hausnummer Hexenagger 28 in Rehsteig 5 ändern", erinnert sich der heutige Gemeindediener Max Pfaller.

In Windeseile entstand am Jurahügel gegenüber vom Schloss eine Siedlung mit vielen kleinen Bungalows, in denen damals hauptsächlich Menschen aus Berlin ein neues "Dahoam" suchten. Inzwischen haben aber viele junge Bürger von Hexenagger ihren Grund und Boden wieder zurückerobert und es dauert vermutlich höchstens noch eine Generation, bis der Berg wieder in bayerischer Hand ist.

Egal aus welcher Richtung Hexenagger von den Besuchern anvisiert wird – lange vor dem Ortsschild fällt der Blick auf ein wunderschönes und imposantes Schloss, das etwa 100 Meter direkt über dem Ort auf einem Berg steht und einen fantastischen Anblick bietet. Heute beherbergt das Gemäuer innerhalb der Ringmauer mit seinen vier Wehrtürmen und einer zwischen den Jahren 1625 und 1627 erbauten Kapelle die fünfköpfige Besitzerfamilie Leichtfuß.

An dieser Stelle lässt sich das Rad in Hexenagger richtig weit zurückdrehen: Es ist belegt, dass vom Jahre 982 bis 1480 dort oben die Herren von Hexenagger regierten. In diesem Zeitraum ist auch das gleichnamige Schloss Hexenagger entstanden. Ein halbes Jahrtausend hat diese Ritterfamilie hier gehaust, ehe der Besitz im Jahr 1480 durch Heirat in den Besitz des Grafen Jörg von Helfenstein gelangte und im Jahr 1528 von dessen zweiter Gattin an Herzog Wilhelm von Bayern verkauft wurde.

Nach der Zerstörung durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg erbaute Erhart von Muggenthal das Schloss und die Kapelle neu und im Jahr 1724 wurde es für 128 750 Gulden in den Besitz des bayerischen Kurfürsten Karl Albrecht und späteren Kaiser Karl VII. veräußert, der es großzügig seiner Mätresse Gräfin Maria Josepha von Morawitzky schenkte. Seit dem Jahr 1834 gehört der Besitz der Familie der Edlen von Weidenbach, deren Nachfahre in der sechsten Generation der heutige Besitzer Eberhard Leichtfuß ist.

100 Arbeitsplätze

"Es ist nicht leicht, so ein Anwesen in der heutigen Zeit auch für die Nachwelt zu pflegen und zu erhalten, aber es macht auch unheimlich viel Freude", schwärmt Eberhard Leichtfuß. Im Rahmen seiner vielen Feste und Feierlichkeiten schafft er in seinem Heimatort kurzfristig bis zu 100 Arbeitsplätze: Speziell beim romantischen Weihnachtsmarkt auf Schloss Hexenagger, der den meist verschlafenen Ort mit seinen bescheidenen und bodenständigen Menschen längst über die Grenzen von Deutschland hinaus bekannt gemacht hat. "Gott sei Dank stehen die meisten Menschen in Hexenagger hinter mir", ist Eberhard Leichtfuß jedes Jahr aufs neue beruhigt, wenn er an den vier Adventswochenenden den Ort mit Unterstützung der Bevölkerung aus allen Nähten platzen lässt.

Von Dieter L. Scharnagl
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!