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Wie spielt man einen Toaster?

Riedenburg
erstellt am 12.05.2010 um 19:31 Uhr
aktualisiert am 20.10.2017 um 10:07 Uhr | x gelesen
Riedenburg (DK) In Riedenburg trifft sich regelmäßig eine Gruppe zum Improvisationstheater. Unter der Anleitung von Angelika Weigl spielen die Mitglieder ungewöhnliche Rollen und üben sich dabei in Konzentration und Stressabbau.
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Hemmschwellen abbauen: Beim Improvisationstheater spielen eine ungewöhnliche Mimik und Gestik die entscheidende Rolle.
Riedenburg
"Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall treffen", schrieb der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt in seiner Komödie "Die Physiker". Im Riedenburger Haus des Gastes ist der Zufall jeden zweiten Montagabend Programm. Dort hat die im November von Angelika Weigl ins Leben gerufene Gruppe für Improvisationstheater seit einigen Wochen Unterschlupf gefunden.

Das Improtheater, bei dem die Zuschauer mit zuvor nicht einstudierten, sondern erst im Augenblick des Spiels entstehenden Szenen zum Lachen gebracht und berührt werden, ist die Leidenschaft von Angelika Weigl aus Tettenwang: "Improvisationstheater lebt von Spontanität, Eingebung und Fantasie. Es bewegt – im doppelten Sinne – Körper und Geist. Ein reich gepacktes Überraschungspaket für Spieler und Zuschauer!”

Schon zur Begrüßung berichtet eines der Gruppenmitglieder auf theatralische Art die Erlebnisse auf dem Weg ins Haus des Gastes. Das Fieber ist bereits in den Augen der Teilnehmer erkennbar, doch zu Beginn stehen erst einmal Aufwärmübungen auf dem Programm: "Die Übungen haben den Hintergrund, dass Barrieren spielerisch abgebaut und Distanzen zwischen den Schauspielern überwunden werden", berichtet Weigl. "Das hat dann auch einen gewissen therapeutischen Wert: Man vergisst alles andere um sich herum und wird gepusht, wenn man schlaff und träge ist." Bei den Aufwärmübungen müssen die drei Männer und fünf Frauen zum Beispiel in Teamarbeit Elefanten, Piloten, eine Palme oder einen Toaster darstellen. Bei Letzterem stellen sich zwei Personen gegenüber und fassen sich an den Händen, während ein Schauspieler in der Mitte zwischen den Händen als Toastbrot fungiert und sich laufend auf und ab bewegt.

Nach dem Aufwärmen geht es in einer weiteren Übung darum, sich pantomimisch in eine Gestalt zu begeben. Die Schauspielerinnen und Schauspieler stellen sich dafür in einem Kreis auf. Angelika Weigl begibt sich als erste in den Kreis und übernimmt eine bestimmte Rolle. Die Leiterin presst sich ihre Hand vor den Mund, ihre Augen sind weit aufgerissen. Die Angst steht ihr dabei ins Gesicht geschrieben. Immer wieder zögert sie, geht einen Schritt zurück und reißt ihre Augen noch weiter auf, bevor sie ihren ganzen Mut aufbringt und ihren Weg fortsetzt. Die beeindruckende Überzeugungskraft, mit der sie ihre Rolle ausschmückt, lässt erkennen, dass sich Angelika Weigl seit Jahren mit der Technik des Improvisationstheaters beschäftigt.

Doch die Übung ist damit noch lange nicht vorbei: Der nächste Schauspieler ist an der Reihe. Er muss nun die exakte Rolle inklusive Mimik und Haltung seiner Vorgängerin übernehmen und im Laufe einer Runde im Kreis die Rolle langsam so verändern, dass eine ganz andere Figur entsteht. Das alles passiert pantomimisch, also weitgehend ohne Geräusche. So sieht man den einen fröhlich pfeifend auf einer Wiese schlendern; die Hand stützend am Kreuz und einen Stock in der Hand, humpelt der andere die Straße entlang. Bevor man sich wundert, wird man jäh wieder aus der Illusion herausgerissen und daran erinnert, dass man sich nicht auf der Straße, sondern inmitten einer Improvisationstheatergruppe befindet.

"Improvisationstheater ist Theater ohne Text und Requisiten aber mit vielen Regeln. Die Herausforderung dabei ist, mittels spontanen Vorgaben sofort in Situationen zu springen", erläutert die Leiterin. Das Publikum müsse diese Situation erkennen können: "Die Kunst dabei ist, dies nicht zu sagen, sondern darzustellen."

Die spontanen Vorgaben kommen auch von den Kollegen und so befindet man sich noch inmitten eines Volksfestes und betrachtet zwei Leute, die in einer Schiffsschaukel gemütlich Zuckerwatte essen, ist quasi live dabei, als sich zwei Frauen im Freibad treffen und wird Zeuge, als eine Nonne während des Gebets von ihrer Oberin aufgefordert wird, die Küche zu putzen.

"Im Improtheater kommt es genau wie im wahren Leben auf die wechselseitige Beziehung zwischen den Menschen an", erzählt Gruppenmitglied Alexander Engelmann aus Tettenwang. Das erfordere große Konzentration auf sein Gegenüber und Teamarbeit: "Man muss bereit sein, auf den anderen einzugehen, Widerstände und Ablehnung aufzugeben und mit dem anderen Menschen mitzugehen. Das Besondere am Improtheater ist die Möglichkeit, Rollen auszuleben, die im normalen Leben nicht möglich sind."

Angelika Weigl war überrascht, wie schnell die Truppe ihre Hemmschwelle überwinden konnte: "Das kommt immer darauf an, wie offen die Leute sind, was sie sich zutrauen und welche Ziele sie verfolgen. Mein Ziel ist es ganz einfach, Spaß in die Gruppe zu bringen und den Alltag vergessen zu machen", so die Leiterin, die die Firma "LebensLust Theater" betreibt.

Gabriele Köller hat durch ihre Teilnahme beim Improvisationstheater ihr "inneres Kind wieder gefunden." "Das Wichtigste ist es, den Kopf auszuschalten und sich ganz auf das Jetzt zu konzentrieren", so die Oberhofenerin. Dann könne man die erlernten Dinge bewusst im Alltag einsetzen.

Das Ziel der Gruppe ist es, baldmöglichst mit wechselnden Moderationen arbeiten zu können. Und natürlich erstmals vor Publikum aufzutreten. Mit dem Gasthaus "Goldener Pflug" in Oberhofen von Theater-Mitglied Gabriele Köller ist eine passende Bühne schon gefunden.

Von Julia Pickl
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