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Nur die Schnupfer haben hier die Nase voll

erstellt am 23.07.2009 um 18:52 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 23:12 Uhr | x gelesen
Neuenhinzenhausen (DK) Von dem feudalen Wasserschloss, das einst in Neuenhinzenhausen stand, ist heute leider nichts mehr zu sehen. Doch der beschauliche Ort an der Schambach hat mehr zu bieten als eine bewegte Geschichte – zum Beispiel einen Schnupfclub.
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Erinnerung an vergangene Tage: Ein mächtiges Wasserschloss stand einst in Neuenhinzenhausen. 1866 wurde es wegen Baufälligkeit abgerissen. Dieser Stich von Wening zeigt es noch in seiner Pracht.
Die zur Gemeinde Altmannstein gehörende Ortschaft hat zwei Gesichter. Die "Ureinwohner" leben in einer Talsenke auf beiden Seiten der kurvigen Straße, die in Sandersdorf links von der B 299 abgeht und nach Altmannstein führt. Auf der linken Seite haben die Menschen entlang der malerischen Schambach auf satten Wiesen und zwischen ausladenden Trauerweiden viel Platz für ihre Häuser und die für den Winter angesammelten Holzvorräte. Auf der rechten Seite sind die Behausungen teilweise an den Berg gequetscht und es kommt sogar vor, dass die Satellitenschüssel auf der anderen Straßenseite "Marke Eigenbau" installiert ist, damit Günther Jauch mit "Wer wird Millionär" ins Wohnzimmer kommen kann.

Während die Schambach in der Ortsmitte ihren Weg in Richtung Sollern und Altmannstein fortsetzt, zieht sich die Straße über die kaum wahrnehmbare Brücke mit zwei scharfen Richtungsänderungen zwischen alten Jurahäusern und Bauernhöfen durch die Ortschaft. Das neue Neuenhinzenhausen ist eine seit über einem Jahrzehnt ständig wachsende Wohnsiedlung, die von oben einen herrlichen Blick auf das knapp 500 Menschen beherbergende Dorf im Schambachtal bietet.

Es lohnt sich, entlang der Schambach vor der Brücke einer schmalen Straße zu folgen: Wer gut aufpasst, erhascht auf der linken Seite nach wenigen Metern einen fantastischen Blick auf die wunderschön restaurierte – aber ein wenig versteckte – Grasslmühle. Nur mit einem guten Fernglas oder Teleobjektiv sieht man bei schönem Wetter gelegentlich auch die Papageien, wenn der Besitzer der Grasslmühle den Käfig an die frische Luft stellt.

Nach einer 90-Grad-Linkskurve muss nur noch der seit gut einem Jahr frisch asphaltierte Radweg auf der früheren Bahnstrecke überquert und eine etwa 14-prozentige Steigung gemeistert werden. Fazit: Das neue Neuenhinzenhausen mit wunderschönen Einfamilienhäusern gibt vielleicht auch noch Anregungen für die eigenen vier Wände.

Der erste Eindruck von Neuenhinzenhausen: Eine gemütliche Ortschaft im romantischen Schambachtal. Ohne historischen Hintergrund? Wer der Geschichte unnachgiebig auf den Grund geht, wird genau das Gegenteil erfahren! Der Zungenbrecher, der der Ortschaft seinen Namen gab, war Jakob Hinzenhauser. Er und das Geschlecht der Hinzenhauser wurden erstmals 1353 urkundlich erwähnt.

Die Burg der Hinzenhauser befand sich jedoch fünf Kilometer in nördlicher Richtung vom späteren Standort des Schlosses Neuenhinzenhausen entfernt. Erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde dann ein Wasserschloss in Neuenhinzenhausen als Sitz der Hinzenhauser errichtet, während der frühere Herrschaftssitz Altenhinzenhausen hieß.

Anders als viele Orte im heutigen Naturpark Altmühltal wurde Neuenhinzenhausen im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) nicht zerstört. Kaum zu glauben, aber dem Jäger Johann Schneeberger ist es zusammen mit seinen Kumpanen gelungen, die schwedischen Soldaten von der Plünderung und Vernichtung des Ortes und der Zerstörung des Schlosses abzuhalten. In dieser Zeit und von 1557 bis 1780 waren die Muggenthaler Eigentümer des Schlosses: Ein bayerisches Adels- und Rittergeschlecht, das vorwiegend im Schambachtal ansässig war und zeitweilig auch über Besitze wie die Hofmark Sandersdorf (1425 bis 1646), die Burg Eggersberg (1435 bis 1480) und das Schloss Hexenagger die Herrschaft hatte. Ab 1471 diente den Reichsfreiherren Muggenthaler das Kloster im nahen Schamhaupten als Familiengrabstätte.

Nach dem Geschlecht der Muggenthaler war Schloss Neuenhinzenhausen auch im Besitz der aus dem Grenzgebiet Schweiz/Norditalien stammenden Freiherrn von Bassus, die bis zum vergangenen Jahr primär mit Schloss Sandersdorf in Verbindung zu bringen waren. Der visuell fehlende historische Hintergrund von Neuenhinzenhausen ist damit zu erklären, dass im Jahr 1866 das Wasserschloss wegen Baufälligkeit abgerissen worden ist. Die Überreste des Gebäudes verwendeten die Einwohner als Baumaterial für ihre Höfe. Und in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden dann auch die Wassergräben eingeebnet.

Vom dem Wasserschloss in Neuenhinzenhausen ist heute nichts mehr zu sehen. Der Nürnberger Metzgersohn und Hofkupferstecher Michael Wening (1645 bis 1718) schreibt zu seinem Kupferstich, dass das Wasserschloss mit vier Kuppeln und einer Schlagbrücke auf einer Wiese an der Schambach stand und auch zwei Fischweiher zum Schloss gehörten. Der Ort wurde in seiner derzeitigen Größe durch Eingemeindungen von Sollern und Viermühlen 1929 gebildet; 1972 erfolgte im Rahmen der Gebietsreform die Zugliederung zur Marktgemeinde Altmannstein.

Unauffällig, aber erfrischend präsentiert sich neben einem alten Wirtshaus und direkt an der Brücke über die Schambach die kleine Kirche, die der Heiligen Walburga gewidmet ist: Bei der Renovierung wurden 1957/68 gut erhaltene Fresken aus dem 16. und 17. Jahrhundert freigelegt. Eine gemalte Ansicht vom Schloss und der Ortschaft Neuenhinzenhausen zeigt das Altarbild.

Die Feuerwehr im Ort ist schnell wie überall in der Gemeinde Altmannstein. Nur der Kleintierzuchtverein, der Gemütlichkeitsverein sowie der Schnupfclub und der Obst- und Gartenbauverein lassen es trotz unserer hektischen Zeit in Neuenhinzenhausen immer noch ruhig angehen.

Zum Schluss noch ein Tipp: Der sehr gut ausgebaute und teils sogar asphaltierte Radweg auf der ehemaligen Eisenbahnstrecke Ingolstadt–Riedenburg führt von Sandersdorf nach Altmannstein nur bergab und erlaubt trotzdem einen Blick auf die Nachkommenschaft der einstigen Hinzenhauser.

Von Dieter L. Scharnagl
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