Samstag, 22. September 2018
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Gedenkstätte nahe des Frauenhäusls

Ein fast vergessenes Kapitel der NS-Zeit

erstellt am 11.09.2018 um 17:52 Uhr
aktualisiert am 15.09.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Es ist eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, an das künftig eine Gedenkstätte nahe des Frauenhäusls erinnern soll: Dort, wo nur einige hundert Meter weiter ein beschaulicher Biergarten zum Verweilen einlädt, wurde 1942 eine Baracke für Zwangsarbeiter errichtet, die während der NS-Zeit in den Reichswäldern Dienst leisten mussten. Auf fünf Schautafeln ist die Geschichte dieses Reichsarbeitslagers verewigt.
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Der Erdkeller wurde wohl einst als Lagerraum genutzt. Forstbetriebsmitarbeiter Günther Ferstl hat sich federführend um die Gestaltung des Areals der Gedenkstätte gekümmert.
Der Erdkeller wurde wohl einst als Lagerraum genutzt. Forstbetriebsmitarbeiter Günther Ferstl hat sich federführend um die Gestaltung des Areals der Gedenkstätte gekümmert.
Schmied
Erde ist geduldig. Erde kann viel ertragen. Und manchmal verschluckt sie über die Jahre die Spuren der Zeit, vergräbt sie tief unter ihrer Oberfläche. Nur wer genau hinschaut, gräbt, freilegt, kann dem Erdreich entlocken, was andernfalls in Vergessenheit geraten würde. Ein aktiver Akt der Erinnerung - auch an dunkle Kapitel der Menschheitsgeschichte. "Es war mir ein Herzensanliegen, dass die Baracken, die es hier bis vor zwei Jahren gegeben hat, und ihre Geschichte nicht vergessen werden", sagt Sabine Bichlmaier. Die Leiterin des Forstbetriebs Kelheim meint damit jene Gebäude, in denen während des Zweiten Weltkriegs sogenannte Fremdarbeiter untergebracht waren. Baracken, die wie stumme Zeugen in der Landschaft standen, nahe des Frauenhäusls, direkt an der Kreisstraße KEH 25, mitten im Frauenforst. Solange, bis viele nicht mehr wussten, wer sie errichtete und für was sie gebraucht wurden. Solange, bis sie 2016 wegen Baufälligkeit dem Erdboden gleichgemacht wurden. Geblieben ist vom ehemaligen Gebäudekomplex ein kleiner Erdkeller.

Wahrscheinlich ist dieser Keller als Lagerraum genutzt worden. Wo vorher Gitter den Zugang versperrten, sind nun neue Holztore angebracht worden. Das Areal drumherum hat Forstbetriebsmitarbeiter Günther Ferstl hergerichtet. Es wurde planiert, geschottert, nächstes Jahr wird eine Wildblumenwiese den Platz ergänzen. Es gibt eine nagelneue Holzbank, ein drei Tonnen schwerer Kalkstein wertet das Ensemble optisch auf. Das Herzstück ist ein Baumstamm, auf dem eine Edelstahlplatte angebracht ist. Sie ist quasi der Buchrücken für die fünf Schautafeln, die Vorbeikommende ab sofort darüber informieren sollen, was vor gut sieben Jahrzehnten im Frauenforst Realität war. "Das System der nationalsozialistischen Zwangsarbeit hat auch vor unseren Toren nicht Halt gemacht", heißt es auf der Einladung des Forstamts für die Eröffnung der Gedenkstätte Reichsarbeitslager und Frauenhäusl. Die Baracken wurden 1942 am Beginn der Leutnantbogenstraße, die weiter zum Frauenhäusl führt, errichtet. Bis 1945 lebten dort zwischen 30 und 35 Fremdarbeiter, die alle im Forst beschäftigt waren. Weißrussen, Ukrainer, Rumänen, Serben, Griechen, aber auch Menschen aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden. "Man mutmaßt, dass im Jahr 1941 rund 30000 Zwangsarbeiter in den deutschen Reichswäldern arbeiteten", sagt Bichlmaier.
Einen Blick in die Geschichte des Forsthauses Frauenhäusl und die im Zweiten Weltkrieg dazugehörenden Baracken für Fremdarbeiter gewähren nun fünf als Buch angeordnete Schautafeln. Bei der Präsentation mit dabei waren Kelheims Bürgermeister Horst Hartmann (von links), Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer, Forstbetriebsleiterin Sabine Bichlmaier und Landrat Martin Neumeyer.
Einen Blick in die Geschichte des Forsthauses Frauenhäusl und die im Zweiten Weltkrieg dazugehörenden Baracken für Fremdarbeiter gewähren nun fünf als Buch angeordnete Schautafeln. Bei der Präsentation mit dabei waren Kelheims Bürgermeister Horst Hartmann (von links), Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer, Forstbetriebsleiterin Sabine Bichlmaier und Landrat Martin Neumeyer.
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Im von den Nationalsozialisten regierten Deutschland wurde zwischen 1933 und 1945 eines der größten Zwangsarbeitssysteme der Geschichte geschaffen. Rund 20 Millionen ausländische Zivilarbeitskräfte, Kriegsgefangene und Inhaftierte der Konzentrationslager wurden zur Zwangsarbeit im Deutschen Reich oder in ihrer von den Nazis besetzten Heimat verpflichtet. Sie arbeiteten in Industrie- und kleinen Handwerksbetrieben, in Kommunen und Behörden, bei Bauern oder in privaten Haushalten. "Viele Opfer", wie Bichlmeier betont. "Aber auch viele Täter und Zuschauer", fügt sie hinzu. Gerade die beim Frauenhäusl untergebrachten Fremdarbeiter konnten sich zwanglos bewegen und persönliche Kontakte zur übrigen Bevölkerung knüpfen. "Ich könnte mir vorstellen, dass sie für eine Mahlzeit auch Arbeiten bei Privatleuten verrichtet haben", vermutet Bichlmaier.

Auch die Geschichte des Frauenhäusls wird auf einer der fünf Schautafeln aufgegriffen. Sie ist wichtig, um den Gesamtzusammenhang zu verstehen. "Mitten im Wald des Frauenholzes hatten sich Stiftsdamen von Niedermünster 1795 einen Sommersitz mit Bädern erbauen lassen", heißt es dort. 1866 wird das Frauenhäusl zum Sitz eines Forstwartes erhoben und zum Forsthaus mit kleiner Gastwirtschaft umgebaut. "Vor dem Ersten Weltkrieg zählt der Frauenforst zu einem der ertragsreichsten Forstgebiete im Bayernland. Der Wert wurde damals auf acht Millionen Mark geschätzt", ist weiter zu lesen. Am 1. April 1935 nimmt der aus dem Altmühltal stammende Oberforstwart Carl Brend'amour seine Tätigkeit auf und bezieht das Frauenhäusl, seine Frau Käthe betreibt die Gastwirtschaft und die kleine Landwirtschaft mit Viehzucht. 1948 begibt sich Brend'amour in Ruhestand und zieht mit seiner Familie nach Viehhausen. 1966 wird das Anwesen verkauft und ist seither im Besitz von in Kelheim ansässigen Privatbrauereien. Heute befindet sich darin eine Gastwirtschaft.
 
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Fast fünf Monate lang hat Rudolph Aric Inzenhofer recherchiert, um die mit den Schautafeln präsentierten Fakten zusammenzutragen. Sein Unternehmen erstellt wissenschaftliche Arbeiten und hat sich auf Projekte wie dieses - Themen-Lehrpfade mit Info-Lehrtafeln - spezialisiert. Mehr als 1000 Blätter mit Daten habe er von April bis September vergangenen Jahres zusammengetragen, verrät der gebürtige Oberpfälzer mit jüdischen Wurzeln. Er habe in einigen Büchern den Zweiten Weltkrieg thematisiert. "Dadurch habe ich Zugriff auf viele Datenbanken außerhalb der Universitäten", erklärt er. So sei ihm eine umfassende Recherche möglich gewesen. Dass alle Fakten, die auf den Schautafeln verewigt sind, wahr sind, darauf lege er bei seiner Arbeit selbstredend besonderen Wert. Bei der Gewichtung der Daten spiele ein gewisses Feingefühl eine Rolle. Wichtig sei ihm gewesen, dass auch Kinder verstehen, um was es geht. "Alles begann mit dem Oberförster, aufgrund der Recherche konnte sehr viel Material hervorgeholt werden."

Carl Brend'amour und seine Frau Käthe wurden zunächst von jungen Freiwilligen des Reichsarbeitsdiensts unterstützt. Am 22. Juni 1935 erließ die Reichsregierung das Gesetz über die Arbeitsdienstpflicht aller 18- bis 25-jährigen Männer. Sie hatten sechs Monate lang Dienst für die Allgemeinheit zu leisten. 1942 wurde die erste Baracke nach Reichsnorm gefertigt, im Herbst 1943 eine zweite durch die Goldberger-Holzhauer und französische Helfer. Förster Brend'amour war während des Zweiten Weltkriegs für die Arbeitseinteilung der Fremdarbeiter verantwortlich. Zu ihren Aufgaben gehörten Holzhauen und Holzrücken, die Beseitigung von Sturmschäden, das Bestücken der beiden 1944 errichteten Kohlenmeiler und damit das tägliche Brennen von Holzkohle. Die gewonnene Kohle diente zur Befeuerung von Holzvergasern, die damals zum Teil die Lastwagen antrieben. Laut Zeitzeugenberichten sollen die Laster der SS täglich die Tagesproduktion abgeholt haben. Die Baracken hatten keinen lagerähnlichen Charakter. "Anhand von Zeitzeugenberichten und dem damaligen Bildmaterial wie Fotos und Luftbildaufnahmen lassen sich weder Zäune noch Wachposten erkennen", steht auf einer der Tafeln.

Neben den harten Fakten sind viele Bilder zu sehen. Lagepläne, Luftbildaufnahmen, alte Fotografien. Ansprechend gestaltet sollte nicht nur der Ort sein, an dem die Gebäude einst standen, sondern auch die Aufarbeitung der Geschichte. "Dieser Platz soll ein Mahnmal sein", betont Bichlmaier. Diesem dunklen Kapitel der Geschichte, der Zwangsarbeit in der eigenen Heimat, sollte und müsse man sich stellen. Auch in Saal war das Dritte Reich bittere Realität: Dort befand sich ein KZ-Außenlager von Flossenbürg. Damit haben nach den Ergebnissen der Recherchen die Baracken am Frauenhäusl aber nichts zu tun. "Das Verhältnis zu den Vorgesetzten des Forstes war stets sozial und human", heißt es auf den Tafeln. "Es kam niemand zu Tode, sei es durch Unfall, Krankheit, Erschöpfung oder militärische Maßnahmen. Zum Kriegsende waren alle wohlauf."
 

"Schwere Geschichte"

Die Idee zur Errichtung der Gedenkstätte ist entstanden, als die Baracken an der Kreisstraße KEH 25 vor zwei Jahren abgerissen wurden. Forstbetriebsleiterin Sabine Bichlmaier ist vor einigen Jahren auf dem Weg zur Arbeit von Kelheim nach Regensburg täglich daran vorbeigefahren. "Ich wusste nicht, was es damit auf sich hat. Als die Gebäude dann weg waren, habe ich mir gedacht, dass man dazu einmal recherchieren müsste", erklärt Bichlmaier, die 2016 ihre Stelle beim Forstbetrieb Kelheim angetreten hat. Mit der Unterstützung ihrer Mitarbeiter und Wissenschaftler Rudolph Aric Inzenhofer habe man dann an dem Projekt gearbeitet. Als Projekt für besonderes Gemeinwohl wurde die Errichtung der Gedenkstätte seitens des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Abensberg gefördert. "Ich finde, es ist ein gelungener Ort geworden, der zum Verweilen einlädt", sagt Bichlmaier bei der Eröffnung.

Der Kelheimer Landrat Martin Neumeyer (CSU) stimmt ihr darin zu. Es sei immer wieder erstaunlich, wie nah Geschichte liege. "Die NS-Zeit ist ein schrecklicher Teil der deutschen Geschichte. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern. Dazu regen Gedenkstätten an. " Besonders schön fände er, wenn vor allem Schüler diesen Platz besuchen würden. Außerdem findet er die Idee, die Schautafeln als Buch anzuordnen, sehr ansprechend: "Es sind zwar schwere Blätter, aber es ist auch schwere Geschichte. " Trotz der sicherlich schweren Situation der Zwangsarbeiter sei das relativ zwanglose Leben beim Frauenhäusl doch ein positiver Aspekt gewesen, so Neumeyer. "Vielleicht haben diese Menschen zumindest ein Stück Menschlichkeit gespürt. "

Kelheims Bürgermeister Horst Hartmann (SPD) findet eine Gedenkstätte wie die am Frauenhäusl gerade vor dem Hintergrund der fremdenfeindlichen Übergriffe in Chemnitz und Köthen wichtig, wie er betont. Die jüngsten Ereignisse wühlten ihn auf, sagt er. "Darum ist es wichtig, an diesen fast vergessenen Ort zu erinnern. Er könnte nicht aktueller sein. " Er selbst kenne die Baracken aus Kindheitstagen und habe ebenfalls nicht gewusst, was es damit auf sich hat. "Obwohl kein Arbeiter hier umgekommen ist, muss das Leben hier kein Zuckerschlecken gewesen sein. Niemand wird gern für Frondienste aus seiner Heimat verschleppt. "

 
Kathrin Schmied
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