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Vor 100 Jahren durften Frauen erstmals wählen: Interview mit Johanna Werner-Muggendorfer

"Die Quote ist eine Krücke"

Neustadt
erstellt am 11.01.2019 um 16:01 Uhr
aktualisiert am 14.01.2019 um 03:33 Uhr | x gelesen
Neustadt (DK) Vor 100 Jahren, am 12. Januar 1919, haben die bayerischen Frauen erstmals an einer Landtagswahl teilnehmen dürfen. Doch das Wahlrecht allein bedeutete noch lange nicht die Gleichstellung der Geschlechter im politischen, beruflichen und gesellschaftlichen Leben. Dazu befragte unsere Zeitung die frühere SPD-Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer. Die 68-jährige Neustädterin hat sich in ihrer langen politischen Laufbahn insbesondere für die Stärkung der Rechte von Frauen engagiert.
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Umringt von Männern: Für die frühere SPD-Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer war das im bayerischen Politikbetrieb eine alltägliche Erfahrung. Das hinderte die Neustädterin nicht daran, sich für die Rechte der Frauen einzusetzen.
Umringt von Männern: Für die frühere SPD-Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer war das im bayerischen Politikbetrieb eine alltägliche Erfahrung. Das hinderte die Neustädterin nicht daran, sich für die Rechte der Frauen einzusetzen.
: Peter Kneffel/dpa
Neustadt



Frau Werner-Muggendorfer, sagt Ihnen der Name Erna Scheffler etwas?

Johanna Werner-Muggendorfer: Nein, im Augenblick nicht. Bitte helfen Sie mir weiter.


Erna Scheffler, geboren 1893 in Breslau, war die einzige Richterin, als das Bundesverfassungsgericht 1951 gegründet wurde. Am 29. Juli 1959 verkündete sie ein wegweisendes Urteil des höchsten deutschen Gerichts, das den Verfassungsrang der Gleichberechtigung von Mann und Frau in Artikel 3 (2) des Grundgesetzes über die nachhinkenden Bestimmungen und Regelungen im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) stellte. Sie können sich vorstellen, welche Wellen das in einer patriarchalischen Gesellschaft vor 60 Jahren schlug.

Werner-Muggendorfer: Und ob. Aber interessant, diese Erna Scheffler war offensichtlich eine höchst bemerkenswerte Persönlichkeit in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte. Sie haben damit mein Interesse geweckt, sich mit ihr näher zu befassen. Auf alle Fälle zeigt ihr Beispiel, dass es sehr viele Menschen, vor allem Frauen, gibt, welche die politische Entwicklung vorangetrieben haben, denen aber kein Denkmal gesetzt wird.


Noch ein Name: Elisabeth Selbert.

Werner-Muggendorfer: Elisabeth Selbert sagt mir da schon mehr, da sie Sozialdemokratin war und dem Parlamentarischen Rat angehört hat. Sie hat den entscheidenden Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" in das Grundgesetz gehievt. Es hat allerdings gedauert, bis dieser Verfassungsartikel in den Köpfen angekommen ist. Und ob das tatsächlich so ist, da habe ich immer noch meine Zweifel.


Wie wurden die Frauen denn früher benachteiligt?

Werner-Muggendorfer: Die Wirklichkeit zu Opas Zeiten sah in der Tat ein wenig anders aus. Im Mief der 1950er-Jahre war die Ehefrau ein unmündiges Wesen, durfte kein eigenes Konto haben, auch nicht, wenn sie selbst Geld verdiente. Der Mann konnte jederzeit den Arbeitsvertrag der Gattin kündigen. Und sogar Beamtinnen konnten bei Heirat aus dem Staatsdienst geworfen werden, damit sie den häuslichen Pflichten nachkommen konnten.


Was bewegt sie angesichts solcher "Zölibatsklauseln", wie sie die Juristen damals nannten?

Werner-Muggendorfer: Das eigene Konto undsoweiter - das ist fast nicht zu glauben, dass das noch gar nicht so lange her ist. Für mich unvorstellbar, dass jemandem wegen des Geschlechts irgendeine Betätigung, ein Beruf oder was auch immer verweigert wird. Ich habe meinen Kindern im Kindergarten immer gesagt: Mädchen und Buben können alles. Nur die Buben, also die Männer, können keine Kinder bekommen.


Vor 100 Jahren durften zum ersten Mal in Deutschland Frauen wählen, am 12. Januar 1919 den Bayerischen Landtag, eine Woche später die Nationalversammlung, die dann in Weimar zusammentreten und der neuen Republik eine Verfassung geben sollte. Aber warum bedeutet Gleichberechtigung mehr als das Wahlrecht?

Werner-Muggendorfer: Wahlrecht! Das Wahlrecht hatte und hat leider nicht das Bewusstsein beeinflusst, wie kostbar es tatsächlich ist und was es bedeuten kann, wenn es gezielt genutzt wird. Man muss nur in der Welt schauen, es gibt noch genügend Regionen, wo es das Wahlrecht gar nicht oder nur eingeschränkt gibt. Da muss im Sozialkundeunterricht noch viel mehr auf die Kostbarkeit dieses Rechts hingewiesen werden. Ich persönlich fände eine Wahlpflicht nicht schlecht. Die Gleichberechtigung bedeutet vor allem die Teilhabe beider Geschlechter an Politik und Gesellschaft.


Ist das inzwischen gewährleistet?

Werner-Muggendorfer: Es ist eine Schieflage auszumachen. Weniger als ein Drittel der Abgeordneten des Deutschen Bundestages sind Frauen. Im Bayerischen Landtag sieht es nicht besser aus. Den Blick in die Vorstandsetagen der deutschen Unternehmen ersparen wir uns lieber. Dort haben immer noch die Männer die Hosen an.


Warum tun sich Frauen nach wie vor so schwer, in hohe Positionen von Politik und Wirtschaft aufzusteigen?

Werner-Muggendorfer: Ja, warum beteiligen sich Frauen nicht so am Machtkampf und sind in den Chefetagen nicht entsprechend vertreten? Aus Beobachtung und eigenem Erleben weiß ich, dass Frauen eben nicht so brutal sind, wenn es um Machtdurchsetzung geht und dass die Harmonie oder das gute Miteinanderauskommen für sie oft wichtiger ist, als die höhere Position. Allerdings gibt es auch Frauen mit Ellbogen.


Anfangs gehörten Sie zu den Skeptikern, was die Frauenquote betrifft. Sie haben sich aber nach eigener Aussage überzeugen lassen. Warum?

Werner-Muggendorfer: Die Quote kann eine Hilfe sein, ich selbst bin in den Bayerischen Landtag gekommen, weil die SPD 1990 bereits eine 25-Prozent-Quote für die Landtagsliste hatte. Ich bekam auf der Niederbayern-Liste Platz drei, wurde aber nicht gewählt. Ich bin dann 1991 nachgerückt. Die Quote ist eine Krücke.


In Ihrer langen politischen Laufbahn haben Sie sich insbesondere für die Stärkung der Rechte der Frau eingesetzt. Wo gibt es Ihrer Meinung nach noch Nachholbedarf?

Werner-Muggendorfer: Die Rechte der Frau waren immer auch mein Thema. Aber leider konnte ich nicht immer Abhilfe schaffen. Eine Genossin hat mir damals gesagt: ,Da, wo eine Frau aufhört, immer eine Frau nachbenennen.' Das hat nicht immer geklappt. Aber ich versuche schon, wenn ich junge Frauen erlebe, die sich politisch engagieren, sie zu unterstützen. Allerdings natürlich auch bei jungen Männern. Wichtig ist das gute Vorbild. Ich bin auch gerne bereit, aus meinem Erfahrungsschatz à la "die rote Großmutter erzählt" etwas zum Besten zu geben.


Was würden Sie einer Frau als Rat mit auf den Weg geben, wenn Sie mit dem Gedanken spielt, in die Politik zu gehen?

Werner-Muggendorfer: Der Rat an eine junge Frau: Du kannst das! Die Männer ziehen sich nie in Zweifel. Und sei authentisch, denn nur Personen, die bei sich sind, werden ernstgenommen und am Ende auch gewählt.


Am Schluss noch einmal ein Blick auf das Bundesverfassungsgericht. In den beiden Senaten sitzen heute sieben Frauen und neun Männer. Das entspricht einer Quote von 43,75 Prozent.

Werner-Muggendorfer: Die Juristen sind auf einem guten Weg zur Parität. So sollte es sein.
 
DK
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