Mittwoch, 15. August 2018
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Der Kelheimer Finanzamt-Leiter Hans-Dieter Baumann geht in den Ruhestand

"Das Steuerrecht bildet das Leben ab"

Kelheim
erstellt am 14.06.2018 um 18:57 Uhr
aktualisiert am 18.06.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Kelheim (rat) Wechsel an der Spitze des Kelheimer Finanzamtes: Der bisherige Leiter Hans-Dieter Baumann scheidet zum 31. Juli aus. Der 65-Jährige geht in den Ruhestand. Wer das Finanzamt mit seinen rund 120 Mitarbeitern ab dem 1. August leitet, ist nach Auskunft von Baumann noch nicht bekannt.
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Das war zehn Jahre lang sein Arbeitsplatz im Kelheimer Finanzamt: Nun geht Hans-Dieter Baumann, der Leiter der Behörde, in den Ruhestand.
Das war zehn Jahre lang sein Arbeitsplatz im Kelheimer Finanzamt: Nun geht Hans-Dieter Baumann, der Leiter der Behörde, in den Ruhestand.
Foto: Rast
Kelheim
Das Kelheimer Finanzamt ist eine Behörde mit Tradition, die es bereits seit dem Jahr 1801 gibt. Erster Chef des Rentamts, wie es früher hieß, war von 1801 bis 1826 Wolfgang Schwarzer. Es existiert eine vollständige Namensliste aller Amtsvorstände und Baumann steht auf Platz 20. "Das war früher ein gefragter Posten", berichtet der Volljurist, der vor genau zehn Jahren seinen Dienst als Amtsleiter in Kelheim angetreten hat. Obwohl das einstige Rentamt nur fünf bis zehn Leute beschäftigt habe, habe den Chefs ein "stattliches Gehalt", eine Dienstwohnung und eine Beteiligung an den Einnahmen aus der angeschlossenen Forstwirtschaft zugestanden.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Baumann bezieht das Salär eines Leitenden Regierungsdirektors und er wohnt in Landshut. Die vergangenen zehn Jahre war er als Berufspendler rund 240000 Kilometer auf der Straße. Sechseinhalb Monate saß er rund um die Uhr im Auto, haben seine Mitarbeiter errechnet.

Trotz der oft mühsamen Fahrerei habe ihm die Arbeit in Kelheim immer Spaß gemacht: "Man weiß nie, was passiert und erlebt jeden Tag Überraschungen." Als Jurist mit dem zweiten Staatsexamen vertrat Baumann das Finanzamt Kelheim bei Streitsachen regelmäßig vor dem Finanzgericht in München und vor dem Bundesfinanzhof. Seine Karriere in der bayerischen Finanzverwaltung begann 1979 unmittelbar nach dem Studium. Was hat sich in vier Jahrzehnten an der Steuermoral der Bürger geändert? "Nichts", antwortet der gebürtige Münchner. "Es gibt immer ehrliche Bürger, aber auch unehrliche, die man in den Griff kriegen muss."

Seine Konzentration galt stets den Nachwuchs-Mitarbeitern. 40 sogenannte Anwärter lernen derzeit im Kelheimer Finanzamt und an speziellen Schulen den Beruf des Steuersekretärs beziehungsweise Steuerinspektors. Angesichts der geburtenstarken Jahrgänge, die sich nach und nach in den Ruhestand verabschieden, ist das eine wichtige Aufgabe. "Sie müssen die Steuerprogramme beherrschen - als ich damals anfing, gab es nur Papier."

Das langfristige Ziel der gesamten Finanzverwaltung ist nun die papierlose Bearbeitung möglichst vieler Steuererklärungen. Die derzeitige "Elster-Quote", also die Zahl der elektronisch abgegebenen Steuererklärungen, beziffert Baumann auf 65 Prozent. Die gewohnten Papiervordrucke würden in einer Zentralstelle in Wunsiedel eingescannt. Ein Rechenzentrum prüfe die Plausibilität aller vom Steuerzahler gemachten Angaben. "Dabei werden 3000 Regeln abgeprüft", erläutert der scheidende Chef des Finanzamts. Man wolle künftig möglichst viel dieser Arbeit maschinell erledigen, "es ist möglich, dass den Steuerbescheid niemand zu Gesicht bekommen hat". Allerdings würden in einer Zufallsauswahl immer zwei Prozent aller Steuererklärungen von Menschenhand nachgeprüft.

Wie viele Bürger beklagt auch Baumann die Unübersichtlichkeit des deutschen Steuerrechts. "Der Gesetzgeber müsste mehr Mut zur Vereinfachung aufbringen", meint er. Generell bilde das Steuerrecht aber das moderne Leben ab, und das sei eben sehr vielfältig. Dass dem Finanzamt als vollziehender Behörde kein gutes Image anhängt, stört Baumann nicht. "Wir schaffen die Grundlagen für das Gemeinwohl", betont er und erinnert an die wirtschaftliche Misere in Griechenland, die auch die Folge einer nicht funktionierenden Finanzverwaltung sei. "Wir verteilen zwar keine Wohltaten, aber im Finanzamt Kelheim wird jeder Bürger auf Augenhöhe bedient."

In den zehn Jahren seiner Tätigkeit erhöhte sich das Steueraufkommen am Kelheimer Finanzamt von 333 auf 477 Millionen Euro. In der Kreisstadt wird die Einkommen- und Umsatzsteuer von Privatleuten und Firmen berechnet. Eine wichtige Aufgabe ist auch die Erhebung der Grunderwerbsteuer, wobei man auf diesem Gebiet zusätzlich für die Bereiche der Finanzämter Erding, Freising, Ingolstadt und Eichstätt zuständig ist.

Trotz des Image-Problems bieten die Finanzämter laut Baumann attraktive und familienfreundliche Arbeitsplätze, vor allem für junge Frauen. Tatsächlich sind in Kelheim zwei Drittel der Angestellten weiblichen Geschlechts. Die bislang 20 Chefs in 217 Jahren waren aber ausschließlich Männer. Baumann mag aber nicht ausschließen, dass diese Serie nun reißen könnte. Als Interimsleiter fungiert demnächst Martin Böhm.

Der vierfache Vater Baumann will sich ab dem 1. August verstärkt seinen Enkelkindern widmen und er schmiedet bereits Reisepläne. Viele seiner Kollegen würden sich nach der Pensionierung um eine Zulassung als Rechtsanwalt oder Steuerberater bemühen. Doch einen derartigen Schritt schließt Baumann für sich selbst kategorisch aus: "Ich beschäftige mich nicht mehr mit Steuern - es gibt genug andere Aktivitäten."



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