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Menschen mit Handicap sind schwer vermittelbar - Das Projekt "11 für 11" versucht, Vorurteile abzubauen

Ein neues Leben für Olaf Schuhmann

Altmannstein
erstellt am 09.11.2018 um 17:34 Uhr
aktualisiert am 14.11.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Altmannstein (DK) Im Februar feiert Olaf Schuhmann seinen zweiten Geburtstag. Dass der Laimerstädter eigentlich schon 56 ist, ändert daran nichts. Es war im Februar 2016, als sein Leben auf Messers Schneide stand.
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Nach einem Herzinfarkt hatte er nicht einmal mehr 30 Prozent seiner Herzleistung. Doch Schuhmann ist ein Kämpfer - und das musste er auch sein. Auf die Genesung folgte die zehrende Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. 56 Jahre und schwerbehindert - oft kommt nicht einmal eine Antwort.

In der Region herrscht Vollbeschäftigung - zumindest beinahe. Davon profitieren alle Zielgruppen, sagt Peter Kundinger von der Agentur für Arbeit Ingolstadt. Und dennoch haben es Menschen mit Handicap nach wie vor schwer, einen Job zu finden. Das liegt an den Vorurteilen, erklärt Kundinger. Öfter krank, mehr Urlaub, schwerer loszuwerden, so lauten die Gängigsten. "Dabei hat ein Mensch mit Handicap keinen Nachteil. Am richtigen Arbeitsplatz bringt jeder volle Leistung", betont Kundinger. Dennoch sei es ein Häuserkampf, den die Arbeitsagentur führen muss, um die Arbeitgeber davon zu überzeugen, Menschen mit Handicap eine Chance zu geben.

Im Jahr 2010 suchte die Arbeitsagentur schließlich nach einem Partner bei diesem schwierigen Anliegen - "und wir haben beim FC Ingolstadt offene Türen eingerannt", freut sich Kundinger. Seitdem läuft das Projekt unter dem Titel "11 für 11", mit dem die Partner versuchen, Arbeitsplätze und Praktikumsstellen für Menschen mit Handicap aufzutun . "Der FCI als Türöffner", beschreibt Kundinger. Vor allem wollen die Organisatoren mit positiven Beispielen nach außen treten und auf diese Weise kritischen Arbeitgebern verdeutlichen, dass es durchaus funktioniert. "Wenn man nur aufeinander zugeht. " Seit Juli ist auch der DONAUKURIER Teil dieser Kooperation, mit der ganz besonders Vorurteile abgebaut werden sollen.

Auch Olaf Schuhmann hat diese zu spüren bekommen. Es ist Fasching 2016, als der Herzinfarkt ihn aus seinem alten Leben reißt. "Der Sanka war schnell da, sonst wäre alles zu Ende gewesen", weiß der gebürtige Berliner. Ihm werden fünf Bypässe gelegt, danach liegt seine Herzleistung knapp unter 30 Prozent. "Das hat mich vollkommen rausgerissen, ich konnte im ersten Jahr nicht mal meinen Rasen mähen", erinnert er sich. Bei 35 Prozent Herzleistung gebe es einen gesetzlichen Grenzwert, unter dem es mit Arbeit und Autofahren gefährlich wird. "Meine Frau hat gesagt: Das muss besser werden! " Und es wird besser. Olaf Schuhmann macht nach der Reha selbst mit Sport weiter und bringt es schließlich auf 40 Prozent Herzleistung. "Der Kardiologe war begeistert", erzählt er. Trotzdem ist er schwerbehindert.
Der FC Ingolstadt, die Agentur für Arbeit und der DONAUKURIER engagieren sich für das Projekt ?11 für 11?, das gehandicapte arbeitslose Menschen dabei unterstützt, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. So wie Olaf Schuhmann im Kaufhaus Körndl in Altmannstein, der seinem Paten Charlison Benschop vom FC Ingolstadt gleich einen Spielzeugbagger für dessen Kinder verkauft. Außerdem gab es bei dem Treffen ein Trikot und Tickets: Peter Kundinger von der Agentur für Arbeit (v. l.), Hans Körndl
Der FC Ingolstadt, die Agentur für Arbeit und der DONAUKURIER engagieren sich für das Projekt "11 für 11", das gehandicapte arbeitslose Menschen dabei unterstützt, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. So wie Olaf Schuhmann im Kaufhaus Körndl in Altmannstein, der seinem Paten Charlison Benschop vom FC Ingolstadt gleich einen Spielzeugbagger für dessen Kinder verkauft. Außerdem gab es bei dem Treffen ein Trikot und Tickets: Peter Kundinger von der Agentur für Arbeit (v. l.), Hans Körndl, Olaf Schuhmann sowie Alexandra Vey und Charlison Benschop vom FCI.
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Vor dem Infarkt hat Olaf Schuhmann als Freiberufler im Einzelhandel gearbeitet. "Mir hat der Verkauf immer Spaß gemacht", erzählt er - deswegen sucht er dann auch in diesem Bereich wieder nach Arbeit. Denn ein Besuch beim Arbeitsamt hatte ihm klar gemacht, dass er als Selbständiger nicht mehr weitermachen kann. "Die Hochglanzbroschüren bei der Reha haben sich dort in Asche aufgelöst", verdeutlicht er. Dennoch er ist froh, dass im Arbeitsamt Klartext mit ihm geredet wird.

"Ich habe Bewerbungen geschrieben wie ein Blöder", erinnert er sich an die schwere Zeit. "Aber das Alter und die Schwerbehinderung - viele haben nicht einmal geantwortet. " Eine bittere Erfahrung, die ganz besonders auf die Psyche schlägt. "Das Schlimmste war zu erfahren, dass ich nicht mehr gebraucht werde. "

In seiner Verzweiflung geht Olaf Schuhmann schließlich zu Hans Körndl, der ein Kaufhaus in Altmannstein betreibt. Die Männer kennen sich, Schuhmann hatte Körndl schon einmal bei seinem Onlineauftritt geholfen. Dort bekommt Schuhmann die Chance, auf die er gehofft hat. Körndl stellt ihn zum 1. Juni ein, damit er für seinen Laden einen Onlineshop aufbaut. Und er hat es nicht bereut. "Wir sind ein Familienbetrieb", beschreibt Körndl. Zu dieser Familie gehören auch die Angestellten. Es wird zusammen Kaffee getrunken, manchmal unternimmt man etwas gemeinsam und wenn es einem nicht so gut geht, wird er in den Arm genommen. "Man muss reinpassen bei uns. " Körndl schmunzelt. Und Olaf Schuhmann passt rein. Inzwischen hat er den amerikanischen Markt für den Altmannsteiner Onlinehandel erschlossen, denn die Amerikaner lieben das Bayerische, wie er weiß.

Als Beispiel der gelungenen Integration eines Menschen mit Handicap in den Arbeitsmarkt ist Olaf Schuhmann ein perfektes Beispiel für das Projekt "11 für 11". Sein Pate ist der FCI-Stürmer Charlison "Charlie" Benschop, der dem Laimerstädter gleich mal ein Trikot überreicht, als er ihn im Laden besucht. Ganz in seinem Element verkauft Olaf Schuhmann dem Profifußballer einen Spielzeugbagger für seine Kinder zu Weihnachten.

Auch einen Werbefilm hat Schuhmann gerade für Altmannstein und natürlich seinen neuen Arbeitsplatz gedreht. Und sein Chef sagt: "Wir gehen mal zusammen in Rente" und klopft ihm auf die Schulter. Obwohl der Schicksalsschlag sein Leben so grundlegend verändert hat - oder vielleicht auch gerade deshalb: Olaf Schuhmann freut sich auf seinen zweiten Geburtstag.
Isabel Ammer
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