Der PK hat in einem Veranstaltungshinweis auf das „Klezmotion“ einer Murnauer Musikgruppe in Pfaffenhofen aufmerksam gemacht. Bei dem Titel „Von Jiddisch bis Bayrisch“ könnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass jeder weiß, was mit „Jiddisch“ gemeint ist.

Genau das jedoch ist nicht der Fall. Für die meisten Leute, die ich seit Jahren fragte, ist „Jiddisch“ mit typisch „Jüdisch“ identisch. Die meisten Leser meinen, dass Jiddisch eine semitische (= „jüdische“) Sprache ist.

Fast alle Experten der jiddischen Sprache vertreten die Auffassung, dass Jiddisch, das die aschkenasisch-deutschen Juden noch im 19. Jahrhundert als „taitsch“ bezeichneten, eine germanische Sprache ist, die mit dem Bairischen sehr nahe verwandt ist. Darauf hat bereits der viele Jahre in Rinnberg (Gemeinde Rohrbach) lebende bairische Sprachforscher J. A. Schmeller und in neuerer Zeit der jüdische Arzt Boris Altschüler in seinem Buch „Die Aschkenasim“ hingewiesen.

Sowohl im Bairischen als auch beim Jiddischen gibt es bis heute zahlreiche Mundarten beziehungsweise Dialekte. Wenigen Leuten ist bekannt, dass nicht nur das Jiddische, sondern auch das Bairische erstaunlich viele Wörter aus dem Hebräischen aufzuweisen hat, zum Beispiel Massl, Knast (hebr. Knass = Geldstrafe), Pleite (hebr. pleitah = Flucht).

Es ist unmöglich, hier auch nur die wichtigsten Feinheiten der „taitschen“ (jiddischen) Sprache anzudeuten. Nur so viel sei erwähnt: dass zum Beispiel in Franken und in anderen Teilen Deutschlands, etwa im Eifeldörfchen Neroth, bis zum Holocaust auch Christen beziehungsweise Nichtjuden „taitsch“ sprachen und schrieben oder zahlreiche jiddische und sogar hebräische Wörter in ihrem Dialekt verwendeten. Zwischen dem heutigen Jiddisch und Bairisch gibt es aber einen großen Unterschied: Die jiddisch sprechenden Juden gebrauchen noch heute die taitschen Wörter wie Vetter, Base (Basla, Basle, Bäsle), Schnur/Schnür (Schwiegertochter), Deid (im Lechrainischen Firmpate, hebr. dod = Onkel), Ejdem (Eidam = Schwiegersohn).

Nur ganz wenige bairisch Sprechende kennen die Wörter, die unsere Großeltern kannten. Das Jiddische steht dem so genannten mittelalterlichen Bairisch näher als das heutige Bairisch. So gebraucht man im heutigen Bairisch „schterb’n oder „schterben“, im Jiddischen dagegen die ältere Form „schtarb’n“ oder „schtarben“. Wer mehr über jiddische Sprache und jüdisches Brauchtum in Bayern wissen will, kann sich demnächst in dem Artikel „Jüdisch-jiddische Kultur im neuzeitlichen Franken“ in der Zeitschrift „Beiträge zur Kulturgeschichte des Judentums“, Bd. III (www.nicolaus-benzin-stiftung.de), Frankfurt 2011, kundig machen.

Wilhelm Kaltenstadler,\t\tRohrbach