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Knusperriegel von Matthias Coufal machen nicht high, sondern füttern das Gehirn

Zwei Hektar Hanf in Euernbach

Scheyern
erstellt am 21.09.2018 um 11:14 Uhr
aktualisiert am 26.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Euernbach (PK) Power fürs Hirn: Einen Knusperriegel, der die grauen Zellen auf Trab bringt, hat ein 27-Jähriger Euernbacher entwickelt - und das aus Hanf, dem Rohstoff für Joints. Junkies werden allerdings enttäuscht: Der Snack macht nicht euphorisch, sondern fit. In gut einem Monat soll die Produktion anlaufen.
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Matthias Coufal will aus Hanf Energieriegel herstellen. Seine Freundin Isabella Voit unterstützt den Euernbacher dabei.
Matthias Coufal will aus Hanf Energieriegel herstellen. Seine Freundin Isabella Voit unterstützt den Euernbacher dabei.
Herchenbach
Scheyern
Eine komplett abgedrehte Spinnerei? Auf die Idee, Hanf als Grundlage für einen süßen Fitmacher zu nehmen, muss man ja erst mal kommen. Aber Matthias Coufal, 27, macht einen ganz vernünftigen Eindruck. Der Landwirtssohn - seine Eltern betreiben mit seinem Bruder Josef in Euernbach eine Schweinezucht - hat in Weihenstephan Landwirtschaft und Ernährungswissenschaft studiert und arbeitet als Produktmanager bei einer Regensburger Firma für Landmaschinen ("alles, was der Traktor hinter sich herzieht").

Weil er oft unterwegs ist, fehlt ihm die Zeit fürs Mittagessen. Die Alternative - Müsliriegel - knabbert Matthias allerdings mit wenig Genuss: zu süß, zu viele Konservierungs- und Geschmackstoffe. Und vor allem: "Die meisten Produkte zielen mit ihren Inhaltsstoffen auf die körperliche Fitness ab. Ich wollte mich aber besser konzentrieren können." Die Idee kam ihm vor zwei Jahren nicht von ungefähr auf dem Weg in die Oberpfalz - die A93 Richtung Schwandorf ist landschaftlich nicht unbedingt ein Wachmacher. Was in den herkömmlichen Knusperriegeln fehlte, stellte der Ernährungswissenschaftler fest, sind Omega-3-Fettsäuren, die die Gehirnfunktion positiv beeinflussen. Die sind reichlich enthalten in frischem Fisch, zum Beispiel Lachs. Schwierig, den auf Dienstreisen im Handschuhfach mitzunehmen. Auch Muttermilch hat einen sehr hohen Vitalstoff-Anteil - das Thema hat sich erledigt. "Also habe ich recherchiert", sagt Matthias Coufal, "und bin auf Chia-Samen gestoßen." Nachteil: DAs muss aus Mexiko importiert werden, "aber ich suchte etwas aus unserer Region". Und dann kam ihm die Idee: "Hanf hat's!" Matthias Coufal ist begeistert: Der Samen sorgt für eine bessere Durchblutung des Gehirns, Antioxidantien schützen die Hirnzellen vor freien Radikalen, Eisen und Magnesium sind wichtig für die Übertragung von Botenstoffen, Proteine bilden Endorphine, das Glückshormon, B-Vitamine sind zuständig für die geistige Gesundheit.

Auf einem "StartUp-Weekend" in Regensburg stellte der Euernbacher seine Idee vor - und landete damit auf dem zweiten Platz. Den ersten Preis holte übrigens ein Team, das kaputte Notebook-Batterien recyceln wollte - was, wie sich später herausstellte, im Vergleich mit dem Hirn-Snack nicht so richtig funktionierte, weil's einfach zu teuer und damit unrentabel ist. Aber auch wenn die Hanf-Idee von Matthias gefloppt wäre: Das Wochenende hat sich schon deshalb gelohnt, weil er dort seine Freundin Isabella Voit kennengelernt hat. Die 21-Jährige studiert Textil-Design und ist im Hanf-Entwicklungsteam zuständig für Design und den Auftritt in den sozialen Netzwerken.

Nun ist das so eine Sache, Hanf anzubauen. Die Wahrscheinlichkeit, vom Amtsgericht vorgeladen zu werden, liegt bei 100 Prozent. Und die Strafen sind saftig: Ein Geschäftsmann wurde kürzlich zu sieben Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe von 5000 Euro verurteilt, weil er auf seinem Balkon drei sich prächtig entwickelnde und sehr dekorative Hanfbüsche großzog, um nach Feierabend, wie Amtsrichter Ulrich Klose in seiner Urteilsbegründung festhielt, "gelegentlich davon zu naschen".

Entsprechend skeptisch waren die Eltern, als Matthias mit seiner Bitte herausrückte, ihm zwei Hektar Acker, auf denen eigentlich Getreide für die Schweine angebaut werden sollte, für die Aussaat zur Verfügung zu stellen. "Aber was tut man nicht alles für seine Kinder", sagt seine Mutter Angelika. Der Vater reagierte noch knapper: "Na ja." Inzwischen sind die Eltern optimistischer, dass die Idee funktioniert - so professionell, wie ihr Sohn die Sache angeht. Denn zum Team von "HANS Brainfood" (HAN wie Hanf, S wie Samen) gehört als Marketing- und Vertriebsspezialist Jakob Graf, der über das Thema seine Masterarbeit geschrieben hat.

Beim Amt für Landwirtschaft und Ernährung holte sich Matthias die Genehmigung. Dann baute er am Feldrand eine Kamera auf, die stündlich Fotos machte. Das Grün, konnte Matthias Coufal feststellen, entwickelte sich dank der über einen Meter langen Wurzeln trotz des trockenen Sommers prächtig, zog aber auch ungebetene Gäste an. "Wenn's dunkel wurde", erinnert sich der junge Hanf-Bauer, "kamen fast täglich Leute zum Pflücken." Das Ergebnis muss für sie allerdings im wahrsten Sinn des Wortes ernüchternd gewesen sein, denn der THC-Gehalt ist in diesem Fall mit 0,2 Prozent wirkungslos. Auch zwei Kripo-Beamte musterten eines Tages das Feld, weil Anzeigen bei ihnen eingegangen waren. Auch sie zogen ernüchtert ab.

Eine Tonne Samen hat Matthias jetzt geerntet, geschält bleiben davon 600 Kilogramm. Daraus sollen in der ersten Charge 36000 Riegel entstehen in vier Geschmacksrichtungen: original Hanf, Apfel/Zimt, Kakao und Kaffee/Maulbeere. Bindemittel ist Honig. Maximal vier Zutaten, alle aus der Region, enthält ein Riegel, der ohne Konservierungsstoffe zwölf Monate haltbar ist. "Das", sagt der 27-Jährige "ist unser Alleinstellungsmerkmal; und der hohe Hanf-Anteil von 60 bis 70 Prozent." Die Industrie-Produkte weisen, sagt er, einen Bruchteil davon auf. Seine Zielgruppe sind "Kopfarbeiter" - Büromenschen, Schüler und Studenten. Wenn die ausreichend Omega-3-Fettsäuren zu sich nehmen wollten, sagt der Jung-Unternehmer, müssten sie wöchentlich zwei Kilogramm Lachs verspeisen. Oder alternativ täglich einen HANS-Riegel von 35 Gramm.

Jetzt aber geht's erst einmal ums Geld. 15000 Euro hat Matthias inzwischen schon in die Entwicklung gesteckt, noch einmal die gleiche Summe braucht er, um die erste Charge produzieren zu lassen. Deshalb hat er eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Auf der Online-Plattform www.startnext.com/hansbrainfood kann man bis zum 25. Oktober vorab zum Vorzugspreis Riegel bestellen, die später in Bio-Läden etwa 2,20 Euro kosten sollen. So teuer? Ja, sagt der Hanf-Bauer, eine Tonne geschälter Hanfsamen kostet immerhin 9000 Euro, eine Tonne Hafer, aus dem die meisten Müsli-Riegel geknetet sind, 300 Euro.

Albert Herchenbach
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