Donnerstag, 15. November 2018
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Beim Tausch-Kreis Pfaffenhofen sollen die Mitglieder ihre Fähigkeiten einsetzten

Talente statt Euros

Pfaffenhofen
erstellt am 20.09.2018 um 16:34 Uhr
aktualisiert am 24.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Pfaffenhofen (bti) Hier muss eine üppige Apfelernte bewältigt werden, dort fehlen Biertischgarnituren für die Party, ein Dritter sucht für den Nachwuchs dringend Nachhilfe in Latein: Der Tausch-Kreis Pfaffenhofen ist eine neue Form der organisierten Nachbarschaftshilfe im Landkreis - und funktioniert ganz ohne Geld.
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Die ?Talentschmiede? soll ins Rollen kommen: Mit Gast Jürgen Müller von der ZeitBörse Königsbrunn (3. von links) freuten sich die Gründungsmitglieder des Pfaffenhofener Tausch-Kreises über einen sehr gut besuchten Info-Abend.
Die "Talentschmiede" soll ins Rollen kommen: Mit Gast Jürgen Müller von der ZeitBörse Königsbrunn (3. von links) freuten sich die Gründungsmitglieder des Pfaffenhofener Tausch-Kreises über einen sehr gut besuchten Info-Abend.
Bendisch
Pfaffenhofen
Beim Informationsabend am Mittwoch im Hofbergsaal wurde es eng, denn das Interesse am Tauschen, wie es sonst nur unter Freunden und Nachbarn üblich ist, war groß. In vielen anderen Städten funktioniert das Prinzip bereits gut, nun soll es auch im Landkreis Pfaffenhofen richtig ins Rollen gebracht werden. Vor Ort umgesetzt wurde die Idee vom Bündnis für Familie, dem Caritaszentrum, dem Koordinierungszentrum Bürgerschaftliches Engagement und vielen Ehrenamtlichen (PK berichtete).

Die Geldbörse kommt beim Tausch-Kreis nicht zum Einsatz, denn bezahlt wird in Talenten, einer eigens hierfür festgelegten Währung. Ein Beispiel: Daniela hütet Christians Hund im Urlaub und investiert die eingenommenen Talente in die Reparatur eines tropfenden Wasserhahns. Der Helfer wiederum möchte gern am Wochenende eine Motorsäge für die Aufräumaktion im Garten ausleihen. "Es gibt unendlich viele Möglichkeiten", berichtete Anna Helmke vom Caritaszentrum auch aus eigener Erfahrung. Ihre beiden Schafe mussten geschoren werden und trotz intensiver Suche fand sich niemand, der Ahnung davon und einen Termin frei hatte. "Dann muss ich es wohl selber machen": Anna Helmke besorgte sich die Ausrüstung und verpasste ihren Schafen in Eigenarbeit einen neuen Haarschnitt. Was letzlich nicht so kompliziert war, wie sie befürchtet hatte. "Als die beiden fertig waren, hätte ich eigentlich gleich weitermachen können."

Nicht von ungefähr wurde das Talent, eine antike Währung, als Bezahlung in vielen Tauschringen gewählt: Es geht auch darum, die eigenen Fähigkeiten und Talente zu entdecken, wertzuschätzen und nutzbar zu machen. Und was für den einen eine Last bedeutet, macht dem anderen Spaß. "Auch dieses unbeliebte Kuchenbacken für den Elternbeitrag in der Schule oder im Kindergarten könnte man sich so vom Hals schaffen", nannte Anna Helmke eine weitere von vielen Möglichkeiten.

Mit dem Pendeln von Geben und Nehmen hat Jürgen Müller von der ZeitBörse Köningsbrunn schon lange Erfahrung, denn der dortige Tauschring besteht bereits seit 20 Jahren. Gegründet wurde er aus einem Frauenkreis der evangelischen Kirche und hat heuer 285 Mitglieder. Getauscht werden Dienstleistungen von der Autoreinigung über die Klangmassage bis zum Streichen des Treppengeländers und auch die Ausleihe gehört dazu, wie Müller im Hofbergsaal berichtete: "Das können Maschinen sein, Koffer für den Urlaub, Fahrräder, wenn man mit seinem Besuch eine Radltour unternehmen möchte - oder auch Tiere. Es wurden schon Laufenten als Schneckenvertilger und Schafe als Rasenmäher verliehen."

Wie in der Bank erhält jedes Mitglied seinen Kontostand mit Plus und Minus. Es sei nicht Sinn der Sache, das Guthaben möglichst weit aufzustocken und zu horten, betonte Jürgen Müller: "Das Tauschen lebt davon, dass man seine Talente ausgibt." Wo wird was gesucht? In Königsbrunn informiert die Mitgliederzeitung, ähnlich wie die Gelben Seiten, über Angebot und Nachfrage und die Liste gibt es natürlich auch im Internet. Längst funktioniert die ausgedehnte Nachbarschaftshilfe auch städte- und sogar länderübergreifend. Auch wenn die Talente dort anders heißen - beliebt ist der Taler, aber auch Frösche gibt es - klappt es mit den "Überweisungen" prima. So hat Müller Talente in einen Berlinbesuch investiert, logierte dort in einem Gästezimmer und bekam noch eine kostenlose Stadtführung durch den freundlichen Gastgeber obendrein. Kontakte knüpfen und vielleicht sogar neue Freunde finden: Auch dafür stehen die vielen Tauschringe.

Alles Wissenswerte über die neue Pfaffenhofener "Talentschmiede" gibt es im Internet unter www.tausch-kreis-paf.de. Da der ganze Landkreis einbezogen wird, finden die monatlichen Treffen reihum in verschiedenen Gemeinden statt, das nächste am 17. Oktober um 19.30 Uhr im Schweitenkirchener Vereinsheim. "Also, bis Münchsmünster fahr i ned", meinte ein Zuhörer, dem diese Regelung nicht zusagte. Ein anderer wusste sofort die perfekte Lösung: "Dann gibst du halt ein paar Talente aus und jemand anderes nimmt dich mit."
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