Mittwoch, 14. November 2018
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Spannende Geschichten auf den wahren Kern untersucht

Ein Fünkchen Wahrheit

Pfaffenhofen
erstellt am 12.07.2018 um 18:02 Uhr
aktualisiert am 16.07.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg: Agnes Reuß, ehemalige Geschichtslehrerin am Schyren-Gymnasium und Mitglied im Heimat- und Kulturkreis, fand in Emmi Böcks Buch "Sagen aus der Hallertau" einige spannende Geschichten zu dieser Zeit - und untersuchte sie auf den wahren Kern der Geschichte hin.
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Ein Taferl erinnert im Wald bei Pörnbach an die Sage der Drei Brüder.
Ein Taferl erinnert im Wald bei Pörnbach an die Sage der Drei Brüder.
Foto: Hailer
Pfaffenhofen

DAS DREIBRÜDERHOLZ

Rinnberg: In der topographischen Karte des Landesvermessungsamtes wird östlich der B13 zwischen Straßhof und Pörnbach im Wald ein Flurstück als "Drei Brüder" bezeichnet. Diese Benennung geht auf eine Sage mit Bezug zum Dreißigjährigen Krieg zurück, die Emmi Böck aufgeschrieben hat.

"Im Dreißigjährigen Krieg waren drei Söhne des Roanbauern von Rinnberg fortgezogen, um Kriegsdienst zu leisten. Viele Jahre vergingen, ohne dass einer von ihnen die Heimat sah. Endlich wurde wieder Friede im Land, und die Krieger kehrten heim. In einem Wald, nahe der heutigen Straße Pfaffenhofen-Pörnbach, trafen, von verschiedenen Seiten kommend, zufällig drei Männer zusammen, um zu rasten. Keiner kannte den anderen. Sie erzählten einander von ihren Kriegserlebnissen und dass sie nun nach Hause wandern wollten. Da stellte sich heraus, dass sie alle das gleiche Ziel hatten und dass sie drei Brüder waren, die vor vielen Jahren der Werbetrommel gefolgt waren. Groß war die Freude über dieses seltsame Wiedersehen!"
Diese Sage könnte - wie alle Sagen - einen wahren Kern haben. Sicher spiegelt sie die lange Dauer des Krieges wider. Und sie zeigt uns, dass es für die Kinder oder Buben, die die Soldaten beim Weggang bestimmt noch waren, keine Schonzeit gab. Noch bis ins 18. Jahrhundert wurden Kinder so früh wie möglich als Arbeitskraft eingesetzt oder als "überzählige Esser" weggeschickt.

DER PESTTOD

Hallertau: "In der schrecklichen Zeit des Schwedischen Krieges kam über unsere Gegend noch das große Abräumen durch die Pest. Jung und Alt wurden von ihr befallen, und bald wälzten sich alle vor Schmerzen am Boden. Schließlich stelzte der Tod mit einem übergroßen Rechen darüber hinweg und rechte alles zusammen: Tote, Sterbende und Kranke. Nur ein kleiner Bub
sah, dass im Rechen ein Zahn fehlte, schlüpfte schnell durch die Lücke und ward so gerettet. Mutterseelenallein irrte er monatelang in der Gegend umher, bis ihn schließlich Zuwanderer
aus dem Salzburgischen fanden, sich seiner erbarmten und zu sich ins Haus nahmen."
Der wahre Kern dieser Sage liegt in der Tatsache begriffen, dass es viele verlassene Ortschaften gab und dass die Pest mancherorts die Hälfte und mehr der Bevölkerung dahinraffte. In Pfaffenhofen starben 1632 und 1634 je etwa ein Viertel der Einwohner an der Krankheit. Für die Zuwanderer aus anderen Teilen des Reiches bot sich die Möglichkeit, für sehr wenig Geld in den verlassenen Orten Besitz zu erwerben.

SCHWEDENSCHIMMEL

Hallertau: Die Sage vom Hallertauer Schimmel gibt es in mehreren Varianten, sie wird für verschiedene Ortschaften erzählt und in unterschiedlichen Zeitepochen verankert. Bezogen auf den Dreißigjährigen Krieg erzählte man die Geschichte laut Emmi Böck so:
"Der Schwedenkönig Gustav Adolf kam auf seinen Raubzügen auch durch die Hallertau. Er ritt gewöhnlich sein Lieblingspferd, einen feurigen Schimmel.
Drei Hallertauer Burschen beschlossen, als sich der Schwedenkönig mit einem kleinen Gefolge in der Gegend von Mainburg aufhielt, dieses Pferd zu entführen. Tatsächlich gelang es ihnen. Aber schnell wurde das Fehlen des Schimmels entdeckt. Man machte sich sofort an die Verfolgung der Diebe. Um ihr eigenes Leben zu retten, ließen die Rossdiebe, denen der verräterische Schimmel bald eine Last war, ihre Beute wieder laufen. Sie gaben dem Pferd einen richtigen Hieb drauf, und im gestreckten Galopp rannte es davon, schnurstracks in eine kleine Feldkapelle hinein. Nachdem es sich hier gefangen sah, wollte es rückwärts wieder hinaus ins Freie, schlug aber dabei die Tür zu, so dass es nun ganz eingesperrt war. Als einige Tage darauf der Mesner in die Kapelle kam, lag der spurlos verschwundene Schimmel verendet hinter der Tür. Die schlauen Hallertauer Rossdiebe aber sind niemals aufgekommen."
Der wahre Kern dieser Sage könnte in der Tatsache begriffen sein, dass es häufig Diebstähle von Pferden gab. Die Hallertauer wurden auch als "Rossdiebe" bezeichnet. In der Tat zog der Schwedenkönig von März bis Juli 1632 mit seinem Heer durch die Hallertau. Ob die Sage mit dem Diebstahl ausgerechnet des königlichen Pferdes nicht etwas hoch greift, mag man für wahrscheinlich halten.

DIE KINDSMÖRDERIN

Pörnbach: Im Schloss zu Pörnbach gab es einst ein großes Zimmer. Darin standen ein einziges Bett, ein Schrank und ein hoher Spiegel. An der Wand war ein französischer Kamin eingebaut, in dem im Winter ein offenes Feuer brannte. In diesem Zimmer ging es um. Um Mitternacht hörte man plötzlich ein leises Knistern, das zum Krachen anschwoll, als ob die stärksten Buchenscheiter verbrennen würden. Eine tief verschleierte, schwarze Gestalt schwebte unhörbar auf das Bett zu. Nach einigen Minuten verschwand sie ebenso stumm und leise, wie sie gekommen war, zum Ofen hin. Und auch das Knistern und Krachen verstummte. Dazu erzählte man folgende Sage:

"Vor einigen hundert Jahren zog der Graf in den Krieg und ließ seine junge Frau weinend zurück. Diese wartete Tag und Nacht auf die Rückkehr ihres geliebten Gatten. Jahrelang erhielt sie jedoch keinerlei Nachricht von ihm, so dass sie ihn schließlich tot glaubte. Der Zufall wollte es, dass die Gräfin einen schwedischen Hauptmann kennenlernte, dessen Regiment längere Zeit vor dem Dorf gelagert hatte. Wer schuld daran war, weiß man heute nicht mehr: Die Frau gebar ein hübsches Knäblein, während der Schwede auf dem Feld geblieben sein muss, weil er nicht zurückkehrte. Eines Nachts aber - es war mitten im kältesten Winter - schlugen die Hunde an, und Pferde stampften vor dem Haus. Jemand ließ den eisernen Klöppel dreimal gegen die Tür sausen und rief: ,Macht auf!' Die Gräfin, die noch wachte, erschrak zu Tode. ,Herr Jesus, hilf mir', schrie sie, ,es ist der Graf!' und warf ihr armes Kindlein ins Feuer. Zur Strafe muss sie immer wieder den Ort ihrer schrecklichen Tat aufsuchen, bis ein gutes Menschenkind den Mut findet, sie anzusprechen. Nur dadurch kann sie erlöst werden."

Aus dieser Sage tritt uns als wahrer Kern die Tatsache der langen Abwesenheit der Soldaten - wie eben auch bei der Legende um die drei Brüder - entgegen. Die Art, wie das Schloss beschrieben wird, lässt auf einen Erzähler schließen, für den die Einrichtung sehr luxuriös war. Ob die Beschreibung des Kindsmordes auf einem realen Hintergrund basiert, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Das Motiv des Kindsmordes kennen wir aus der Literatur. Verzweifelte Frauen, die ein nichteheliches Kind zur Welt gebracht hatten, griffen immer wieder zu diesem Mittel. Die Einführung der Spukgestalt gehört zu den übersinnlichen Elementen, die fast immer Teil von Sagen sind.
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