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Jämijärvi und Geisenfeld: Zusammenarbeit in Bildungsfragen steht auf Wunschliste ganz oben

ABC-Schützen lernen fast wie im Waldkindergarten

Geisenfeld
erstellt am 10.10.2018 um 13:41 Uhr
aktualisiert am 13.10.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Geisenfeld (GZ) Anlässlich der Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages mit Geisenfeld hat sich Jämijärvis Bürgermeisterin Kirsi Virtanen für einen Ausbau der schulischen Kontakte stark gemacht.
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Finnische Deutschschüler haben die Tafel gestaltet, vor der die beiden Zentralschullehrer Mari Ingman und Timo Vehviläinen stehen. Beide würden sich eine Intensivierung der schulischen Beziehungen zwischen den Partnergemeinde wünschen.
Finnische Deutschschüler haben die Tafel gestaltet, vor der die beiden Zentralschullehrer Mari Ingman und Timo Vehviläinen stehen. Beide würden sich eine Intensivierung der schulischen Beziehungen zwischen den Partnergemeinde wünschen.
Zurek
Geisenfeld
Wie man sich den finnischen Alltag in der Vorschule und den beiden ersten Grundschulklassen vorstellen muss, davon hat Marjo Leikkola als Erzieherin beim Besuch der Geisenfelder Delegation einen lebhaften Eindruck vermittelt. Ihr reich bebilderter Vortrag zeigte salopp gesagt eine dem deutschen Waldkindergarten vergleichbare Betreuung.

Die Vorschulgruppe des Kindergartens sowie die Grundschule (erste und zweite Klasse) befinden sich nicht im Gemeindezentrum von Jämijärvi, sondern im kleinen Örtchen Tykköö. Hier, in einer ganz ländlichen Umgebung, wolle man es den Kleinen ermöglichen, "möglichst lange von einer unbeschwerten Kindheit zu profitieren", sagt Leikkola. In der Vorschule sind derzeit 19, in der ersten Klasse zwölf und in der zweiten 20 Kinder registriert. Betreut werden sie zunächst von einer Erzieherin und Helfern, später von einem Sozialpädagogen, zwei Lehrern und einem Zusatzlehrer. Je jünger die Kinder, desto mehr wird Wert auf viel Bewegung an der frischen Luft und das neugierige Erkunden der Umgebung zu jeder Jahreszeit gelegt. Lernen "nebenbei" sozusagen. Im Sommer wird gewandert, getobt und gesammelt, was zum Basteln taugt. Beim Himbeer- und Blaubeerpflücken entdeckt man die heimische Flora und Fauna, die Tannenzapfen kann man zum Rechnen hernehmen. Für Motorik und Gleichgewichtssinn ebenso wichtig wie für ein gesundes Selbstwertgefühl ist der Spaß beim Sport. Und so heißt es im Sommer Radfahren oder Skaten lernen, im Winter Schlittschuh oder Schlitten auspacken. Und aus den Erzählungen der pädagogischen Fachkraft erwacht die Neugier aufs Lesen spannender Geschichten. "Das gesamte Spektrum an Beschäftigung in der Gruppe schult auch das soziale Verhalten", betont Leikkola.

Natürlich verbringe man auch Zeit im Klassenzimmer, erklärt die Erzieherin lachend. Und sie betont, dass bereits ab der ersten Klasse - eingeschult wird hier in der Regel mit sieben Jahren - der Umgang mit digitalen Medien dazu gehört. Und dabei gilt: "Alle Lernmittel und Bücher sind natürlich kostenfrei." Bis zur zweiten Klasse gibt es auch eine Art Mittagsbetreuung, ab der dritten Klasse nicht mehr. Allen Schülern wird in der Schule täglich eine kostenlose Mahlzeit offeriert. Der Schulbus respektive das Schul-taxi sind kostenlos.

Direkt im Kern Jämijärvis ist die Zentrumsschule, eine Art Gesamtschule, angesiedelt. Sie beherbergt die dritte bis neunte Jahrgangsstufe. Aktuell bilden hier 130 Schüler, 13 Lehrer und ein Rektor eine Schulfamilie. Je nach Jahrgangsstärke sind bis zu 20 Schüler in einer Klasse untergebracht. Englisch wird bereits ab der zweiten Klasse unterrichtet, weitere Fremdsprachen kommen ab der sechsten Klasse dazu - zunächst Schwedisch, ab der achten Klasse dann wahlweise Deutsch oder je nach Schule auch Französisch, Russisch oder Spanisch.

Die meisten Schüler, die nach Beendigung der Einheitsschule ein Gymnasium besuchen möchten, entscheiden sich für die Standorte Kankaanpää (20 Kilometer entfernt), wo man einen Austausch mit dem Gymnasium Wolnzach pflegt, oder Ikaalinen (26 km). Diese beiden Städte sind auch das Hauptziel für jene, die sich eine Berufsfachschule ausgesucht haben.

Deutschlehrerin Mari Ingman von der Zentralschule möchte gerne die schulischen Beziehungen zwischen den Partnergemeinden intensivieren. "Wir haben an einen Schüleraustausch mit den Schülern der neunten Klasse gedacht", erklärt sie. Derzeit besuchen ein Junge und fünf Mädchen ihre Deutschgruppe. "Sie lernen also seit zwei Jahren diese Fremdsprache und haben Basiskenntnisse", so die Pädagogin. Alle Schüler lernen seit der zweiten Klasse auch Englisch.

"Wir finden es wichtig, dass unsere Schüler internationale Kontakte knüpfen und dabei andere Kulturen kennenlernen. So können sie zudem ihre Sprachkenntnisse in der Praxis nutzen. Und auch wir Lehrer lernen etwas Neues", meint Ingman schmunzelnd. Und ihr Kollege Timo Vehviläinen steht da voll hinter ihr, hat er doch in der Vergangenheit bereits mit anderen deutschen Partnerschulen Erfahrung gesammelt. Beide hoffen nun "dass wir eine Kontaktperson in einer Schule in Geisenfeld bekommen, sodass wir einen ersten Anknüpfungspunkt für die Partnerschaft haben". Darauf aufbauend könne man dann die gegenseitigen Interessen diskutieren und ein Konzept ausarbeiten, meint die Pädagogin.
 

Schulen und Lehrer

Das finnische Schuljahr beginnt Mitte August. 190 Tage im Jahr drücken die Kinder die Schulbank, die Sommerferien sind zehn Wochen lang. Darüber hinaus gibt es kurze Herbstferien und eine Weihnachtspause sowie Winterferien im Februar. Der Unterricht beginnt in der Regel um 8.30 Uhr. Die Schultage dürfen in der ersten und zweiten Klasse nicht länger als fünf und in den höheren Klassen nicht länger als sieben Schulstunden à 45 Minuten betragen. Die Grundbildung dauert neun Jahre und endet mit einem Einheitsabschluss, den 97,7 Prozent aller Jugendlichen schaffen.

Wer den beliebten Beruf des Lehrers ergreifen möchte, muss hohe Hürden nehmen. 2014 schafften laut finnischer Statistik nur rund neun Prozent der Kandidaten zur Ausbildung als Klassenlehrer die Immatrikulationsprüfung an der Universität Helsinki. Lehrer der ersten bis sechsten Klassen müssen einen Master of Education nachweisen, jene der siebten bis neunten Klasse zusätzlich einen Master in ihrem Spezialfach sowie höhere akademische Abschlüsse.
 
Maggie Zurek
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