Mittwoch, 21. November 2018
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Der Gerolsbacher Wilhelm Reim tritt für die Grünen als Landtagsdirektkandidat an - Er hat ein Herz für Bauern

"Die Umwelt braucht meine Stimme"

Pfaffenhofen
erstellt am 10.09.2018 um 15:41 Uhr
aktualisiert am 14.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Pfaffenhofen (PK) Um ins Haus von Wilhelm Reim zu gelangen, muss man an diesem Nachmittag einen kleinen Bogen um seinen Schmetterlingsflieder machen: Regenschwer hängen die Zweige über dem Gartenweg. "Ich hab ihn extra hochgebunden", entschuldigt sich Reim. Dem Flieder ist das egal: Er streckt sich der Sonne entgegen. Reim könnte den Busch als Omen nehmen. Auch seine Partei sonnt sich, und zwar in der Wählergunst. In den Umfragen liegt sie bei 17 Prozent.
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Wilhelm Reim auf einem Aussichtspunkt mit Blick über Gerolsbach. Der 38-Jährige tritt für die Grünen als Direktkandidat an.
Wilhelm Reim auf einem Aussichtspunkt mit Blick über Gerolsbach. Der 38-Jährige tritt für die Grünen als Direktkandidat an.
Herchenbach
Pfaffenhofen
Der Grünen-Kreisverband hat den 38-jährigen Gerolsbacher als Direktkandidaten für den Landtag ins Rennen geschickt. Sein Stimmkreis ist der Landkreis - bis auf die Gemeinden Hohenwart, Scheyern und Gerolsbach. Und deshalb rechnet sich der Kandidat durchaus Chancen aufs Maximilianeum aus: In seiner Heimatgemeinde kennt man ihn. "Die beste Entscheidung meiner Eltern, damals von Regensburg hierher zu ziehen", sagt er und zeigt über die sanfte Hügellandschaft. Er ist aktives Mitglied der Feuerwehr und des Technischen Hilfswerks, außerdem Brandschutzbeauftragter und Energieberater. Warum sollte ihm da nicht der ein oder andere Nachbar aus der Dorfgemeinschaft seine Stimme geben?

Reim kann zwar durchaus leidenschaftlich argumentieren, aber er ist ein besonnener Mann, kein Parolen-Drescher, niemand, der nur Schwarz und Weiß kennt. Fragt man ihn, wie er sich selbst einschätzt, was seine Stärken und Schwächen sind, dann erklärt er das mit einer Persönlichkeits-Typologie, die den Charakteren Farben zuordnet: Da gibt es den Roten; der ist voller Energie, stürmt los - aber niemand folgt ihm. Der Gelbe ist ein Gefühlsmensch mit faszinierenden Visionen, verfolgt die aber nicht konsequent. Dem Grünen ist der Zusammenhalt im Team wichtig. Und der Blaue schließlich ist der Kopfmensch - Zahlen, Daten und Fakten sind seine Stärken. Jeder Mensch, sagt Reim, habe Anteile aus allen Bereichen, bei ihm sei eine Mischung aus Grün und Blau vorherrschend.

Ideologische Verbohrtheit ist ihm fremd. Fragt man ihn nach seinem politischen Vorbild, dann nennt er einen CSUler: Hans Eisenmann, gebürtiger Ampertshausener, Landrat und bis zu seinem Tod 1987 fast 20 Jahre bayrischer Landwirtschaftsminister. "Der hatte schon damals grüne Vorstellungen, er setzte sich vehement für den Erhalt der Kleinbäuerlichkeit ein." Für die Landwirte hat Reim viel Verständnis. Denen ergehe es ähnlich wie Menschen in sozialen Berufen: Die Erwartungen der Gesellschaft an sie sind sehr hoch, sie tragen viel Verantwortung - für den Umwelt, für die Gesundheit -, aber sie würden miserabel entlohnt. Er will sich für Ökolandbau einsetzen, gegen Gift auf den Feldern, für eine Unterstützung der Bauern, die Tierhaltung zu verbessern. Statt auf Verbote setzt er auf finanzielle Anreize wie die "Ringelschwanz-Prämie" in Niedersachsen: Werden Schweine in der Massentierhaltung zu eng gehalten, würden sie aggressiv und sich die Schwänze abbeißen. Pro Schwein mit Schwanz bekommt der Bauer fünf Euro.

Eigentlich aber ist das Thema noch sehr viel größer: Denn der Bauernhof sei längst auch von der Industrialisierung 4.0 erfasst worden. Der Traktor, sagt Reim, fährt heute digital programmiert und GPS-gesteuert über den Acker und bringt so präzise dosiert Samen und Dünger aus. Das hat Chancen, aber auch Risiken: Viele Arbeitsplätze fallen da weg. Deshalb fordert Reim für Arbeitslose eine Grundsicherung und die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens. "Langfristig brauchen wir ein neues Modell des Lebensunterhalts."

Die Art und Weise, wie sich Reim politisch sozialisierte, sagt viel über den Kandidaten aus. Als er mit 18 wählen durfte, wollte er nicht einfach seinem Vater, einem CSUler, folgen, sondern sich ein eigenes Bild machen. Er schrieb alle Parteien an und bat, ihm ihr Parteiprogramm zuzuschicken. Reaktionen bekam er nur von der FDP und den Grünen. Die haben ihn schließlich überzeugt. Er trat ein, als 1998 viele austraten, weil die Partei dem militärischen Einsatz auf dem Balkan zustimmte. Reim ist kein Fundi: "Ich bin gegen Krieg, aber da musste eine Lösung her."

Und ein zweites Erlebnis hat seine politische Einstellung geprägt. Da war er als 17-Jähriger auf einer Rock-Party in Oberlauterbach und unterhielt sich sehr lebhaft mit einem türkischstämmigen Jugendlichen. Plötzlich, erzählt Reim, stellte sich ein Rocker in Springerstiefeln mit den Worten "Wir Deutsche müssen zusammenhalten" drohend vor Reims Gesprächspartner. "Stopp, was willst du?", ist Reim ihn angegangen - hat dann aber gesehen, dass sich hinter diesem aggressiven Typen noch Gleichgesinnte aufgebaut hatten. "Kulturelle Vielfalt bereichert unsere Gesellschaft", sagt der Kandidat, "sie ist Chance und Tatsache."

Er kämpft für Humanität in der Flüchtlingspolitik und den Familiennachzug: Die CSU mache sich zum "Advokat misslingender Integration, wenn sie Menschen, die auf unbestimmte Zeit in Deutschland leben werden, eiskalt von ihren Familien trennt". "Was aber Gott verbunden hat", zitiert Reim als ehemaliger Ministrant aus dem Matthäus-Evangelium, "das will die CSU trennen."

Reim will Wahlkampf auf Augenhöhe mit den Menschen machen. Und deshalb lädt er unter der Überschrift "Willi wandert" zu Touren im Landkreis ein. "Für mich eine gute Gelegenheit, auf den zweistündigen Rundwegen mit den Menschen ins Gespräch zu kommen." Themen gibt's genug: ökologische Landwirtschaft, Energie- und Gesundheitspolitik etwa. Die liegt Reim besonders am Herzen: Er ist gelernter Gebäudereiniger und als Meister im Nürnberger Prüfungsausschuss, außerdem staatlich geprüfter Desinfektor. Als solcher macht er etwa in Kliniken oder Altenheimen Jagd auf Krankheitskeime und Erreger. Das sei ein unterschätztes Problem, das aber immer drängender würde: Weil in der Tierhaltung, aber auch in der Humanmedizin immer mehr Antibiotika eingesetzt würden, entwickeln sich multiresistente Keime. Auch deshalb, weil Antibiotika von den Patienten falsch eingenommen würden. "Wenn's ihnen besser geht, werfen viele die restlichen Tabletten weg", sagt Reim. Dadurch aber würden die Keine widerstandsfähig und überleben. Bis zu 600000 Patienten würden jährlich in Krankenhäusern von solchen Erregern befallen, bis zu 30000 sterben daran. Bis 2050 könnten weltweit zehn Millionen Menschen an Keimen sterben, für die es keine Gegenmittel mehr gibt. Reim fordert mit seiner Partei, mehr Fachleute für diesen sensiblen Bereich einzustellen, die Antibiotika-Verordnungen zu überprüfen und die Öffentlichkeit besser aufzuklären.

Ist es richtig, Herr Reim, dass die Grünen bei Umfragen auch deshalb so gut abschneiden, weil viele CSU-Wähler von ihrer Partei enttäuscht sind? "Die Grünen", erklärt der Landtagskandidat, "haben über Jahre ein verlässliches Programm, die Wähler wissen, was sie bekommen. Bei den anderen weiß man das nicht, die wechseln ihre Standpunkte." Und deshalb hält er es auch für "schwierig", mit der CSU eine Koalition einzugehen. Die Grünen stünden zu dem, was sie sagen.

Für das Foto stellt sich Reim auf einen Aussichtspunkt, von dem man über das beschauliche Gerolsbach zwischen den hallertauer Hügeln schauen kann. Ganz im Hintergrund drehen sich Windräder. "Eigentlich bin ich glücklich", sagt der 38-Jährige. "ich kann was bewegen und habe Chance, etwas zu tun, was meinem Leben Sinn gibt." Fehlen nur noch die Wähler, die ihn damit beauftragen.
 

Mit Kandidaten unterwegs


Der Wahlkampf um Sitze im Maximilianeum kommt auf Touren. Kein Fest, keine halbwegs nennenswerte Veranstaltung, bei der sich die Bewerber nicht unters Volk mischen. Dazu kommen Infostände, Diskussionsabend oder Stammtischbesuche. Wir begleiten die Direktkandidaten der vier im Landtag vertretenen Parteien (CSU, SPD, FW und Grüne) sowie die Bewerber von FDP und AfD (beide Parteien dürften nach den derzeitigen Umfragen gesichert in den Landtag einziehen) bei Wahlkampfauftritten oder im Alltag. Unsere Eindrücke von den Bewerbern schildern wir in einer Artikelreihe.PK



 
Albert Herchenbach
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