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Immer wieder Lücken in Notarztdienstplänen des Landkreises - Zusätzliche Stelle an Klinik im Gespräch

Wenn Aushilfen leben retten

Pfaffenhofen
erstellt am 14.12.2017 um 19:43 Uhr
aktualisiert am 18.12.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Pfaffenhofen (PK) An den beiden Notarztstandorten Geisenfeld und Pfaffenhofen bleiben immer wieder Dienste unbesetzt, dann muss von außerhalb ausgeholfen werden. Künftig könnte es an der Ilmtalklinik einen zusätzlichen Mediziner allein für den Notarztdienst geben, der dann beide Standorte verstärkt.
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Pfaffenhofen: Immer weniger Notärzte lassen sich für den Dienst in Geisenfeld eintragen, sagt der Notarzt Olaf Ruchnewitz.
Immer weniger Notärzte lassen sich für den Dienst in Geisenfeld eintragen, sagt der Notarzt Olaf Ruchnewitz. Vor 15 Jahren, als die Konditionen noch anders waren, sei das ganz anders gewesen.
Brenner
Pfaffenhofen
Ab und zu bleibt eine Zeile auf dem Dienstplan der Geisenfelder Notärzte leer. "Vor zehn bis 15 Jahren war das noch anders", weiß Notarzt Olaf Ruchnewitz. Er gehört zur leitenden Notarztgruppe der Region 10, war zunächst rund 13 Jahre an der Pfaffenhofener Ilmtalklinik, arbeitet mittlerweile als Hausarzt in Geisenfeld und teilt die 30 verfügbaren Ärzte im Notarztdienstplan ein. "Ich habe teils extreme Probleme, den Dienstplan vollständig zu besetzen", sagt er. Wenn es an einem unbesetzten Tag am Standort Geisenfeld einen Notfall gibt, kommen Notärzte von außerhalb, um auszuhelfen - aus Mainburg, Ingolstadt oder Pfaffenhofen.

Allerdings sieht es am zweiten landkreisweiten Notarztstandort in Pfaffenhofen nicht unbedingt besser aus. "In rund fünf Prozent der Dienstzeit ist der Standort Pfaffenhofen nicht besetzt", sagt Thomas Harzenetter, Obmann für den Notarztstandort Pfaffenhofen. Dort wird der Dienst tagsüber von Montag bis Freitag von acht Ärzten der Klinik abgedeckt - sogar hier helfen aber in zehn Prozent der Fälle bereits auswärtige Kollegen stundenweise aus. In der übrigen Zeit sind mittlerweile hauptsächlich - zu 85 Prozent - auswärtige Notärzte im Einsatz, lediglich drei Klinikärzte nehmen in dieser Zeit noch in ihrer Freizeit am Notarztdienst teil. "Vor 15 Jahren waren deutlich mehr Klinikärzte im Notarztdienst tätig, bestimmt 50 Prozent", sagt Harzenetter. "Es wird zunehmend schwerer werden, neue Notärzte zu akquirieren." Schon jetzt blieben neue Kollegen oft nur ein paar Monate, so der Obmann. Er macht zum Teil die gestiegenen Anforderungen verantwortlich: Notärzte müssen heute laut Harzenetter 50 Einsätze nachweisen - früher nur zehn - und eine zusätzliche Prüfung vor der Ärztekammer ablegen. Die finanzielle Vergütung sinke dagegen. "Daher gibt es kaum noch Anreize, als Notarzt tätig zu sein."

Gerade auf dem Land, wo die Einsätze seltener sind, lohne es sich generell nicht mehr, bestätigt sein Kollege Ruchnewitz. Der Durchschnitt in Geisenfeld sind rund vier Einsätze in 24 Stunden. "Viele Notärzte übernehmen lieber Dienste in den größeren Städten", sagt er. Dort gebe es eben mehr Einsätze - weil jeder Einsatz separat vergütet werde, steige nur durch die Menge das Honorar.

Das Problem gibt es in ganz Bayern, sagt Peter Sefrin, Ehrenvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Bayern. "Während die Besetzung in den großen Städten gut funktioniert, gibt es auf dem Land erhebliche Probleme." Um das zu kompensieren, setze die zuständige Kassenärztliche Vereinigung (KVB) Freelancer ein. Das bestätigt die KVB. Diese Aushilfen würden flexibel an verschiedenen Standorten eingesetzt. "Das sehe ich sehr kritisch", sagt Sefrin. "Diese Ärzte haben keinen Bezug zur Region, kennen die Patienten nicht."

Die wenigen, die noch regelmäßig in ihrer Region Dienst tun - in Geisenfeld sind laut Ruchnewitz 30 Ärzte dabei, aber nur die Hälfte lässt sich auch regelmäßig einteilen - "tun das vor allem aus Pflichtgefühl". Das macht ihm Sorgen, denn genau wie Harzenetter weiß er: Der Dienst ist absolut freiwillig. "Manchmal sagen Kollegen kurz vorher ab", so Ruchnewitz.

Generell wird der Dienst immer unattraktiver, sagt Sefrin. "Die psychische Belastung ist hoch." Dazu komme, dass die Gewalt im Rettungsdienst zunehme. "Auch Notärzte werden immer wieder während des Einsatzes angegangen", zum Beispiel von alkoholisierten Pöblern. Zusätzlich würden sie immer öfter für Lappalien gerufen - 80 Prozent der Fälle seien gar keine Notfälle, so Sefrin.

Die Verantwortlichen sehen das freilich weniger dramatisch. Die bayernweite Besetzungsquote liegt laut KVB bei 98 Prozent - sie wertet das als Erfolg. In Pfaffenhofen bewege sich die Quote am selben Schnitt. Anders sei das in Geisenfeld: "Dort haben wir wegen des bestehendem Notarztmangels leider Besetzungslücken", heißt es. Hier lag die offizielle Besetzungsquote laut KVB im vergangenen Jahr "zwischen 80 und nahezu 100 Prozent".

Die KVB verhandelt momentan über eine Lösung, die gesetzlich nur dann möglich ist, "wenn alle anderen Sicherstellungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind", so die KVB. Demnach würde künftig ein Arzt in der Ilmtalklinik eingestellt, der dann als Notarzt auch den Geisenfelder Standort unterstützen würde - die Kosten würden von der KVB erstattet. Die Details klären gerade die KVB sowie der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung - die beiden müssen den Notarztdienst sicherstellen - mit der Ilmtalklinik. Ruchnewitz ist noch skeptisch: "Das wäre wirklich eine gute Sache, allerdings hat dieser Arzt wenig Perspektive für seine Karriere." Wenn er überwiegend im Notarztdienst eingesetzt werde, leide seine fachärztliche Weiterbildung. Daher werde es schwer, überhaupt Ärzte für den Job zu finden.

Das sagt auch die KVB. Zwar habe man mit dem Modell andernorts in Bayern gute Erfahrungen gesammelt. "Allerdings stellt sich die Situation auch so dar, dass es den Krankenhäusern zunehmend schwerer fällt, in bestimmten Regionen sogar nicht möglich ist, Ärzte mit der entsprechenden notärztlichen Qualifikation zu finden."

Desiree Brenner
PK
Pfaffenhofen

AUS MEINER SICHT

Die offiziellen Zahlen der KVB täuschen darüber hinweg, wie schlecht es um die Notarztversorgung in der Region steht. Eine Besetzungsquote von 98 Prozent in Bayern und Pfaffenhofen klingt gut - doch sie verdeckt beispielsweise die Tatsache, dass eine immer kleinere Gruppe von Ärzten den Dienst stemmt, weil anders als früher kaum noch jemand die Zusatzausbildung zum Notarzt macht. Wenn von den wenigen einer ausfällt, dann sind gleich viele Dienste nicht besetzt. Dazu kommt, dass so mancher Arzt nur noch aus Idealismus die Lücken füllt, weil es eben kein anderer macht. Das ist kein gutes Fundament für die Rettung von Menschenleben. Es muss also dringend etwas passieren. Der Ansatz der KVB klingt vielversprechend: Wenn Ärzte nur für den Rettungsdienst eingestellt werden, sind sie nicht nur immer verfügbar, sie sammeln auch genug Erfahrung, um in jeder Notlage schnell richtig reagieren zu können. Das nutzt am Ende allen. Das Problem wird es allerdings sein, Ärzte zu finden, die diesen belastenden Job auch längere Zeit machen wollen. Vielleicht wäre es klug, diesen Dienst zeitlich zum Beispiel auf ein halbes Jahr zu begrenzen und gezielt junge Berufsanfänger anzuwerben. Sollte das misslingen, müssen die Anreize verstärkt werden: Mehr Geld oder eine andere Form der Anerkennung. Zum Notarztdienst verpflichtet werden sollte kein Mediziner, denn dann würden auch Menschen diesen heiklen Dienst tun, die mit der Belastung gar nicht klar kommen - das wäre fatal. | Desirée Brenner

Desiree Brenner
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