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Wie wörtlich muss das Alte Testament verstanden werden? Theologie-Professor macht die Bibel schmackhaft

Ein Buch der Lebenshilfe

Ilmmünster
erstellt am 14.03.2018 um 17:59 Uhr
aktualisiert am 18.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ilmmünster (PK) Äußerst gut besucht war der Vortragsabend im Rahmen der Bibelausstellung in Ilmmünster. Über 70 Interessenten wollten vom Alttestamentler Theodor Seidl erklärt haben, warum Christen - so der Titel seines Referats - "das Alte Testament brauchen". Und welche Schätze sich dort verbergen.
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Ilmmünster: Ein Buch der Lebenshilfe
Theodor Seidl beleuchtete in einem Vortrag in Ilmmünster das Alte Testament. - Foto: Herchenbach
Ilmmünster

Über den Andrang staunte selbst die Gemeindereferentin Christiane März, die zuvor im Saal für die Zuhörer einen überschaubaren Stuhlkreis aufgestellt hatte. Dass schließlich alle Sitzgelegenheiten, die das Pfarrheim zu bieten hat, besetzt waren, überraschte auch deshalb, weil das Alte Testament von Christen eher stiefmütterlich behandelt wird. "Da geht's doch nur um Krieg und Rache", formulierte Seidl die Vorurteile, die zurückreichten bis ins 2. Jahrhundert und die auch heute noch von manchen Wissenschaftlern befeuert würden. Sie fordern, das Alte Testament aus dem Kanon der Heiligen Schriften zu streichen.

Für den Theologie-Professor, der in Scheyern lebt und 20 Jahre an der Uni Würzburg den Lehrstuhl für Altes Testament und biblisch-orientalische Sprachen leitete, fast schon ein Frevel. Schließlich sei dieser Bibelteil, dessen Texte bis auf das 8. vorchristliche Jahrhundert zurückgehen, nicht bloß ein Vorläufer oder Wegbereiter des Neuen Testaments. Er sei die Basis aller drei monotheistischen Religionen und die Grundlage eines zentralen Gottesverständnisses. Das Alte Testament berichte, so Seidl, von der bedingungslosen Treue Gottes zu den Menschen und von den Grundlagen des Lebens: Woher kommen wir? Wer sind wir?

Und die Bibel sei ein Buch der Lebenshilfe. Es erkläre, so der emeritierte Theologie-Professor, warum jeder ein Stellvertreter Gottes auf Erden sei, warum die Zehn Gebote auch eine Sozialordnung sind und der arbeitsfreie Schabbat auch für Sklaven und sogar für Tiere galt. Und vor allem: Warum das Gebot der Nächstenliebe - ganz aktuell - ausdrücklich auch Fremde einschließt. Die Bedeutung des Alten Testaments für Christen heute ergibt für Seidl allein schon aus der Tatsache, dass diese Büchersammlung die Heilige Schrift Jesu, des Paulus und der Apostel war. Und damit sei sie unser kulturelles Gedächtnis.

Tatsächlich, das zeigte sich in der anschließenden Diskussion, ist es nicht leicht, manche Texte zu verstehen, die über zweieinhalb Jahrtausende alt sind. Ob die Menschen damals tatsächlich so alt wurden wie die Patriarchen und der sprichwörtliche Methusalem mit 969 Jahren, wollte eine Besucherin wissen. Seidl erklärte das mythologisch: Seit ihrer Erschaffung hätten sich die Menschen mehr und mehr von Gott entfernt, ihnen wurde deshalb immer weniger Lebenskraft geschenkt. Genauso wenig wörtlich genommen werden dürfe Gottes Bannspruch über Jericho, das deshalb von Josua dem Erdboden gleichgemacht wurde. Auf diese Bibelstelle hatten sich hochrangige amerikanische Militärs berufen, als das Massaker von Mÿ Lai 1968 im Vietnam-Krieg bekannt wurde. Für Seidl eine unakzeptable und fundamentalistische Auslegung, die jedes kulturelle Grund- und Hintergrundwissen vermissen lasse und ignoriere, dass auch im Alten Testament Gewalt ganz klar keine Option sei. Auch der Satz "Wachset und mehret euch", den eine Zuhörerin hinterfragte, widerspreche nicht einer Empfängnisverhütung, sondern bringe "den Ausfluss göttlichen Segens" zum Ausdruck, der dem Menschen die Möglichkeit schenkt, sich zu vermehren.

Die Zuhörer dankten Seidl für die fast zweistündige Veranstaltung mit einem langen Applaus.

Von Albert Herchenbach
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