Sonntag, 18. November 2018
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Mehr Öko als Ziel: Um Böden und Tiere zu schützen, unterstützt Pfaffenhofen die Landwirte finanziell

Hand in Hand mit den Bauern

Pfaffenhofen
erstellt am 14.09.2018 um 17:37 Uhr
aktualisiert am 19.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Pfaffenhofen (PK) Zirpende Grillen, singende Vögel, krabbelnde Käfer - das war einmal. Nur mit einem Wechsel zur Ökolandwirtschaft lässt sich die Artenvielfalt noch retten. Um den Landwirten diesen Weg leichter zu machen, nimmt Pfaffenhofen in den kommenden drei Jahren über eine Million Euro in die Hand, die in die "Bodenallianz" fließen.
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Guter Boden für große Vorhaben: Das Pfaffenhofener Motto steht sinnbildhaft für die auf den Weg gebrachte ?Bodenallianz?.
Guter Boden für große Vorhaben: Das Pfaffenhofener Motto steht sinnbildhaft für die auf den Weg gebrachte "Bodenallianz".
Amberger
Pfaffenhofen
Bürgermeister Thomas Herker (SPD), sein Mitarbeiter Peter Stapel und Sepp Amberger haben eine Mission. Sie wollen die Landwirtschaft rund um die Stadt umkrempeln. Nicht mit Druck. Auch ohne den Bauern ein schlechtes Gewissen einzureden. Sie wollen die Wende vielmehr Hand in Hand mit den Bauern schaffen. Und mit einem Anreizprogramm, das in dieser Form einmalig ist. "Das gibt es überhaupt noch nirgends", sagt Herker. Von 2019 bis 2021 stellt die Stadt jährlich 365000 Euro zur Verfügung. Das hat der Stadtrat am Donnerstag in nicht öffentlicher Sitzung einstimmig beschlossen.

Beim Landwirtschaftsamt ist der Vorstoß auf fast schon ungläubiges Staunen gestoßen. Eine Stadt, die ihren Landwirten eine Million Euro in Aussicht stellt. Freiwillig. Um zusammen mit ihnen neue Wege zu beschreiten, ein Konzept zu entwickeln. Um eine Form zu finden, wie Betriebe entweder ganz von konventionell auf ökologisch umstellen können - oder wie zumindest Teilflächen für Natur, Artenvielfalt und Biodiversität wertvoller werden können.

Entsprungen ist die Idee der Nachhaltigkeitserklärung der Stadt. Diese umfasst eine Reihe von Umweltschutzvorhaben. Eines davon lautet, von 5000 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche im Stadtgebiet zumindest 20 Prozent, also 1000 Hektar, auf öko umzustellen. Und das innerhalb von fünf Jahren. "Momentan liegen wir bei sechs Prozent ", verrät Herker.

Insgesamt 185 landwirtschaftliche Betriebe gibt es in Pfaffenhofen und seinen Ortsteilen. In allen Größen. Jeder Bauer hat andere Voraussetzungen, andere Ziele. "Mit Zwang oder der Moralkeule brauchen wir nicht zu kommen", weiß Herker - und er will das auch gar nicht. Vielmehr setzt er auf offenen Dialog. Dazu hat er sich neben Stapel einen weiteren Mitstreiter ins Boot geholt, der die Brücke zu den Landwirten schlagen soll. Sepp Amberger war jahrzehntelang an der Berufsschule aktiv, er stand zwölf Jahre der Biolandgruppe Hallertau vor. Er hat für das Landwirtschaftsministerium internationale Projekte gestemmt. Und jetzt steht er als Berater der Stadt Pfaffenhofen zur Seite. Um den Dialog in Gang zu setzen. "Wir geben den Bauern keine Instrumente vor, sondern wir wollen sie mit ihnen zusammen erarbeiten", sagt er.

Mit dem Sterben der Dorfwirtschaften haben die Landwirte kaum noch Möglichkeiten sich auszutauschen. "Das fehlt ihnen", meint Amberger. Genau diesen Dialog will er fördern. Und darüber mit den handelnden Akteuren ins Gespräch kommen. Seine Themen sind Erosion, Artenvielfalt und Gewässerschutz - aber damit einhergehend auch der Erhalt der familiären Strukturen in der Landwirtschaft. Auch regionale Vermarktung der Ökoprodukte ist ein Thema. Etwa am Wochenmarkt. Auf welche Weise auch immer: Amberger will den Bauern breite Hilfestellung geben, um Lösungen zu erarbeiten.

"Um unsere Böden besser zu machen, um den Ökogedanken nach vorne zu bringen, brauchen wir die Bauern im Boot - und nicht gegen uns", sagt er. Die Kunden zu sensibilisieren, sie für höhere Preise im Lebensmittelsegment zu gewinnen, all das gehöre ebenfalls in diese Thematik. "Um Öko zu stärken, brauchen wir ein Gemeinschaftsgefühl", fügt Stapel an. Alle müssten ein Bewusstsein dafür schaffen, an einem Strang ziehen. "Nur dann sind die Böden, ist die Umwelt zu retten."

Alle Landwirte werden also in nächster Zeit Post von Amberger erhalten, der sie um den Schulterschluss bittet. "Wir werden ihnen Angebote machen, können ihnen bares Geld bieten - und werden sie im Gegenzug um ihr Wissen und ihre Erfahrung bitten", sagt er. In Workshops sollen Wege erarbeitet werden, um die Ziele zu erreichen. "Und vielleicht", so Amberger, "stellen schon nächstes Jahr die ersten Betriebe ihre Flächen auf öko um." Als Erfolg sieht Stapel aber genauso die Aufwertung einzelner Flächen - etwa als Blühfläche oder Grünbrache. Denn: "Jede Verbesserung ist ein Schritt auf dem Weg in eine bessere Zukunft."
 

Kommentar von Patrick Ermert

Den nächsten Generationen eine intakte Natur zu hinterlassen, ist das wichtigste Thema unserer Zeit. Hauptplatz, Gartenschau, Migration oder Wohnungsbau - all das kann sich auf lange Sicht damit nicht messen. Der neuartige Weg, den die Stadt mit der "Bodenallianz" wählt, ist fast schon revolutionär. Bislang gibt noch keine Kommune freiwillig Geld für die Landwirte aus, damit diese den Boden schonender, nach Möglichkeit sogar vollökologisch bewirtschaften. Flora und Fauna werden es ihnen danken, wenn sie der Allianz beitreten. Der Anreiz über den Geldbeutel könnte mithelfen, dass der Vorstoß eine Erfolgsgeschichte wird. Die Ökowende zu schaffen, ist ein gewaltiges Vorhaben. Schultert es Pfaffenhofen mit Erfolg, wird das Modell hoffentlich Nachahmer finden, womöglich im ganzen Land. Daher wäre es schön, wenn viele Landwirte mitmachen. Aber natürlich sollten auch viele Verbraucher die paar Euro mehr in die Hand nehmen, um beim Einkaufen dem Ökogedanken den nötigen Rückhalt zu geben.
 
Patrick Ermert
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