Montag, 22. Oktober 2018
Lade Login-Box.

Mit der Aktion "Schulterschluss" soll Kindern mit suchtkranken Eltern geholfen werden

Gegen Scham und Schuld

Pfaffenhofen
erstellt am 30.09.2018 um 10:31 Uhr
aktualisiert am 04.10.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Pfaffenhofen (PK) Wenn Eltern leiden, leiden ihre Kinder mit - die Caritas Erziehungsberatung und der Verein Prop aus Pfaffenhofen haben daher trägerübergreifend einen "Schulterschluss" initiiert. Gemeinsam betreuen sie ab Herbst eine Gruppe für Kinder psychisch- oder suchtkranker Eltern.
Textgröße
Drucken
Üben ab sofort den Schulterschluss bei einem Kooperationsprojekt zwischen der Caritas und prop: Maria Falter (von links) , Carolyn Herbst, Markus Kotulla und Clara Oloff.
Üben ab sofort den Schulterschluss bei einem Kooperationsprojekt zwischen der Caritas und prop: Maria Falter (von links) , Carolyn Herbst, Markus Kotulla und Clara Oloff.
Zurek
Pfaffenhofen
"Don't worry- be happy!" ist das Projekt überschrieben, das seine Wurzeln in der bayernweiten Aktion "Schulterschluss" hat. Diplom-Psychologe Markus Kotulla, Leiter der Jugend- und Erziehungsberatung im Caritas-Zentrum Pfaffenhofen, begründet das neue Angebot mit der Erfahrung, "dass Kinder von sucht- oder psychisch kranken Eltern ein erhöhtes Risiko haben, selbst einmal abhängig oder depressiv zu werden". Auch Annett Grabowski vom Verein für Prävention, Jugendhilfe und Suchttherapie Prop betont: "Jede Suchterkrankung ist eine Familienerkrankung". Die Diplom-Pädagogin und Suchttherapeutin erlebt wie ihr Kooperationspartner immer wieder die Folgen, wenn Mütter oder Väter derart unter Suchtdruck stehen, dass sie für ihren Nachwuchs "nicht mehr präsent sind". Gepaart mit möglicher Aggressivität und Zerwürfnissen in den Familien führen Scham und soziale Ausgrenzung nicht selten zu Verhaltensauffälligkeiten bei den jungen Betroffenen. Manche fallen durch Hyperaktivität, dissoziales, regelüberschreitendes oder teilnahmsloses Verhalten in der Schule auf. Andere sind hingegen "überangepasst", zeigen besonders gute Leistungen. Das sei eine Art "psychisches Mimikri" nach dem Motto "nur nicht auffallen", sind sich die Fachleute einig und ergänzen: Gerade diese Kinder litten psychisch, stünden unter hohem Stress und seien einsam.

Doch wolle man bei dem neuen Angebot die Väter und Mütter nicht aus dem Blick verlieren, betont Grabowski. Die Leiterin von Prop weiß, dass viele Betroffene "sehr darunter leiden, ihrer Rolle als Eltern nicht gerecht werden zu können". Deshalb suchten sie sich keine Unterstützung, aus Angst man werde ihnen die Kinder wegnehmen. In einer offenen Elternrunde unter ihrer Leitung können sie Erfahrungen teilen, die Perspektive der Kinder kennen lernen und, so Grabowski weiter:"Sie erhalten von uns als neutraler Einrichtung auf Wunsch Hilfe beim Ausstieg aus der Sucht". Ziel der Kindergruppe sei es hingegen in erster Linie, "die Lebenskompetenzen betroffener Kinder zu stärken und ihnen ein gesundes Selbstvertrauen vermitteln", erklärt Carolyn Herbst. Die Gesundheitspädagogin und Sozialarbeiterin gehört ebenso wie Sozialpädagogin Maria Falter als Vertreterin des Vereins Prop zum Team, das von den beiden im Caritas-Zentrum tätigen Diplom-Psychologen Markus Kotulla und Clara Oloff (Sozialpsychiatrischer Dienst) geleitet wird. Zunächst sollen die Kinder untereinander Vertrauen fassen und ohne Scham im geschützten Raum ihre Probleme aussprechen können. "Die Erkenntnis, nicht allein zu sein, ist in dieser Situation wichtig", so Herbst.

In einer zweiten Phase lernen die Kinder, eigene Bedürfnisse zu erkennen und mutig auszudrücken. Denn im Alltag stellen sie diese oft zurück. Statt Geborgenheit zu erfahren, übernehmen sie Verantwortung für Haushalt und jüngere Geschwister, ja sogar für die Eltern. "Dadurch sind sie permanent überfordert", so die leidige Erfahrung Grabowskis, die auch Kotulla teilt.

Dabei plagt die Kinder meist ein Gefühl der Schuld. "Gerade die Jüngeren projizieren Dinge auf sich, die gar nichts mit ihnen zu tun haben", erklärt dieser. Mit altersgemäßen aufbereiteten Informationen sollen sie lernen: Sucht oder Depression sind eine Krankheit. Die Kernbotschaft dabei: Dich trifft keine Schuld. "Das bedeutet eine enorme Erleichterung, heißt es doch für das Kind: Ich darf mich freuen und Dinge tun, die mir Spaß machen, auch wenn es meinen Eltern schlecht geht", erklärt Falter. "Abschließend lassen wir deshalb viel Raum für das unbeschwerte Spiel, das manches Kind regelrecht üben muss." Natürlich sei solch ein Konzept nicht in Stein gemeißelt, erklären die Mitstreiter im "Schulterschluss". Vielmehr wolle man sukzessive voneinander lernen und zum Wohle der Kinder neue Ideen umsetzen.

Anmeldungen oder Nachfragen zur Gruppe "Don't worry- be happy!", die am 11. Oktober startet, sind möglich unter der Telefonnummer (08441) 8083700 oder per Email an eb-paf@caritasmuenchen.de. Die Treffen finden im Caritas-Zentrum im Ambergerweg 3 in Pfaffenhofen (Gruppenraum der Fachdienste, 3. Stock) statt. Die Teilnahme ist kostenlos und richtet sich an Mädchen und Buben im Alter zwischen elf und 15 Jahren. Für weiter entfernt wohnende Eltern, die ihr Kind nicht selbst zu den Terminen bringen können, ist ein Fahrdienst möglich.

Pro Kurs, der zehn Einheiten à zirka zwei bis drei Stunden umfasst und 14-tägig jeweils donnerstags (außer in den Ferien) stattfindet, werden maximal zehn Kinder zugelassen. Parallel zu den Gruppensitzungen finden drei offene Elterngesprächsrunden statt.
 

DIE AKTION „SCHULTERSCHLUSS“

Deutschlandweit haben laut Statistik rund 2,6 Millionen Kinder mindestens ein Elternteil, das von Alkoholsucht betroffen ist – nicht gezählt jene, deren Mütter und Väter von anderen Drogen abhängig sind. Wobei keine soziale Schicht von dem Phänomen ausgenommen ist. 

Vor diesem Hintergrund wurde das bayernweite Projekt „Schulterschluss“ (www.schulterschluss-bayern.de) ins Leben gerufen, „um die Versorgungssituation von Kindern suchtkranker Eltern zu verbessern“, wie Susanne Schaffer als stellvertretende Leiterin des Sachgebietes Jugend, Familie, Bildung im Landratsamt erklärt. Die Projektkoordination läuft über die beiden Träger Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Bayern (AJ) und den Verein für Prävention, Jugendhilfe und Suchttherapie (Prop). Gefördert wird das Projekt vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales und in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration (StMAS) umgesetzt. 

Dieses Projekt fand im Oktober vergangenen Jahres in einem Kooperationsseminar seinen ersten Niederschlag auf Landkreisebene. Neben Vertretern des Jugendamts fanden sich dazu Verantwortliche der freien Jugendhilfe-Träger, der Suchthilfe, der Frühförderstelle Pfaffenhofen, des Gesundheitsamts, der Danuviusklinik und der Caritas Jugend- und Elternberatung ein. Als erste konkrete Initiative entstand aus dem Treffen heraus das erweiterte Gruppenangebot für Kinder „Don’t worry – be happy“. 
 
Maggie Zurek
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!