Sonntag, 16. Dezember 2018
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PK-Serie zu den fast vergessenen Flurnamen

Die Schachtel und der wilde Mann

Pfaffenhofen
erstellt am 05.12.2018 um 17:25 Uhr
aktualisiert am 09.12.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Brühl (DK) Die PK-Serie zu den fast vergessenen Flurnamen und ihrer Bedeutung führt uns heute in das Gebiet zwischen Geisenfeld, Rohrbach und Wolnzach.
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Die ?Schachtel? ist ein großer Acker bei Obermettenbach. Dahinter beginnen die Ausläufer eines großen Waldes mit dem unheimlichen Namen ?Wilder Mann?. Der Sage nach sollen darin der Graf von Abensberg und die Holzliesel ihr Unwesen getrieben haben.
Die "Schachtel" ist ein großer Acker bei Obermettenbach. Dahinter beginnen die Ausläufer eines großen Waldes mit dem unheimlichen Namen "Wilder Mann". Der Sage nach sollen darin der Graf von Abensberg und die Holzliesel ihr Unwesen getrieben haben.
Ermert
Pfaffenhofen
Zwischen Geisenfeld und Gaden liegt die "Brühl", eine "sumpfige Wiese". "Brühl" kommt vom mittellateinischen "brogilus" (Acker). Im Mittelhochdeutsch wurde daraus "bruel" und das Wort nahm die Bedeutung "wasserreiche, bewässerte und buschige Wiese" an. Südlich der "Brühl" finden wir schon wieder ein "Moos" und östlich folgt die Flur "Schlott". Der Name bezeichnet eine vom Schilfrohr (mittelhochdeutsch slâte) gesäumte Gegend. Am nördlichen Ufer des Mettenbachs (des "in der Mitte fließenden Baches") breitet sich die "Heide" aus. Eine Heide bezeichnet ein ödes, unbebautes Land .

Nördlich von ihr liegt das "Schindmoos". Ist da Vieh "geschunden" worden? Weit wahrscheinlicher ist, dass der Name auf das wenig angesehene Gewerbe eines "Schinders" oder Wasenmeisters deutet, der das Vieh abzudecken hatte. Die "Wasenstadt" (Wohnstätte des Wasners oder Schinders) liegt ja unmittelbar daneben. Das "Kolmhofer Holz" verdankt seinen Namen den vielen Rohr- und Mooskolben, die man hier antraf. In dem Wald erhebt sich der "Schloßberg" - ein letzter Hinweis auf das prächtige Schloss, das hier einst gestanden sein soll. Viele schöne Sagen werden von ihm erzählt.
Zwischen dem Kolmholz und dem Wagenholz liegt der "Hasenbichel". "Bichel" (von althochdeutsch buhil) steht für "Anhöhe". So wird der "Hasenbichel" zum Hügel, auf dem sich gerne Hasen aufhielten. Durchs Wagenholz führen Wege, die man mit dem Wagen befahren konnte. Eine Ableitung von wâg, also "wogendes Gewässer", kommt hier kaum infrage. An eine alte Richtstätte erinnert der nördlich liegende "Galgenberg", der schon in Niederbayern liegt. Im Süden sind wir auf dem Mendelberg, der, wenn er nicht auf einen Namen verweist, ein "Berg der Freude" war. Nach Schmeller kommt "Mendel" von "Mandung" (mittelhochdeutsch mandunge oder mendunge), das bedeutet "Freude".

Der sich im Osten anschließende "Brand" (ein Hinweis auf absichtliche oder zufällige Brandrodung) liegt teils im Landkreis Pfaffenhofen, teils im Landkreis Kelheim, also in Niederbayern. Genau an der Grenze steht ein Kreuz. Grenzüberschreitend ist auch die "Wiesenzell" im Osten von Unterpindhart. In dem Namen darf man hier eher einen Zusammenhang mit Zelg (Feld) als einer Zelle, dem Wirtschaftshof einer geistlichen Grundherrschaft(von lateinisch cella) sehen. Für Letzteres spräche allerdings, dass die Flur südlich von Unterpindhart den Namen "Kirchholz" trägt. Am Nordufer des Pindharter Bachs erhebt sich der Heidberg, ein Berg im öden, unbebauten Land. Ganz schmal ist das Bergholz, das sich vom Furthof (Hof an einer Furt über den Mettenbach) am Ufer des Mettenbachs bis Untermettenbach entlang zieht. Im Osten des Dorfs gelangen wir zum "Scherdiberg". Hinter "Scherdi" ist eher ein Name, denn in Untermettenbach finden wir auch eine Scherdistraße, zu vermuten als ein Hinweis auf Maulwürfe (bairisch "Scher"). Im Westen von Untermettenbach breitet sich schon wieder ein "Höllgrund" aus. Dieser ist hier wohl als tief gelegener Hohlweg zu sehen. Hohlwege hießen früher "Hüle" - und da ist eine Verwandtschaft oder Verwechslung mit "Hölle" nicht ausgeschlossen. Nicht weit vom "Höllgrund" liegt kurz vor Oberpindhart ein "hohles Tal". Die Steinbuckeläcker im Nordwesten verweisen auf einen buckelartigen Hügel mit steinigen Untergrund, möglicherweise aber auch auf Grenz-und Gedenksteine. Das "Birholz" (auch "Bierholz") und die sich nördlich anschließende "Frauenloh" ragen wieder in den Landkreis Kelheim hinein. Durch das "Birholz" wurde Bier transportiert, "Frauenloh" kann man mit einem lichten Wald ("loh") erklären, in dem ein Bildstock oder eine Kapelle mit einer Marienfigur stand. Vielleicht gehörte die Flur auch den Geisenfelder Benediktinerinnen. Im "Birholz" finden wir einen Burgstall - die Stelle einer früheren Burg, von der keine Reste mehr geblieben sind. Östlich liegen die "Hangloh" (der lichte Wald an einem Hang) und das Scheuerholz. In "Scheurer" kann sich das mittelhochdeutsche Wort "schî" (Zaunpfahl) verbergen. Dann wäre das Scheuerholz ein eingezäunter Wald. Ein Zusammenhang mit Scheuer im Sinne von Scheune oder mit den Schyren wäre auch möglich.

Südlich liegt ein Feld mit dem originellen Namen "Schachtel". Es schiebt sich schachtelartig zwischen Wälder und Hopfengärten. Die "Schachtel" wird im Osten vom "Birket" (Wald mit vielen Birken) eingerahmt. Nach einem südlich liegenden Feld streckt sich die Waldabteilung "Waxenberg" wie eine Zunge Richtung Rottenegg. Das Bestimmungswort "Waxen" leitet sich vom altbayerischen "wax" (vielleicht sogar vom lateinischen acer oder acutus) ab und das bedeutet "scharf", "spitz", "steil". So wäre der "Waxenberg" eigentlich ein steiler Berg. Das südliche liegende Pfarrholz verweist uns wieder auf kirchlichen Besitz. Birket, Waxenberg und Pfarrholz sind Ausläufer eines Walds, dem man einen unheimlichen Namen gegeben hat: "Wilder Mann". Seine Ostgrenze ist die Autobahn Wolnzach-Regensburg. Kaum jemand wagte sich früher in diesen Wald. Man fürchtete sich ja vor dem "wilden Mann", der, glaubt man der Sage, ganz schrecklich anzusehen war. Ein Lendenschurz aus Laub - dies war seine ganze Kleidung. Stets soll er eine entwurzelte Tanne in der Hand umhergetragen haben. Er soll einst Graf von Abensberg gewesen sein. Aus Rache habe er gemordet. Um seiner Strafe zu entgehen sei er geflohen. Ziellos sei er dann in dem Wald bei Rottenegg herumgeirrt und habe allen Wanderer Angst und Schrecken eingejagt. Im "Wilden Mann" irrte noch eine merkwürdige Gestalt herum: die Holzliesel. Sie soll alle braven Wanderer vom rechten Weg abgebracht haben. Wer allerdings seine Kleidung umdrehte und linksherum anlegte, soll von ihr verschont geblieben sein.

Am Südrand des zum Teil immer noch unzugänglichen Walds liegt der Weiler Brunn, der seinen Namen von einer einst hier sprudelnden Quelle oder einem Brunnen hat. Zwischen Brunn und dem Attenhausener Holz (benannt nach dem Weiler Attenhausen) liegt der "Schneewinkel, ein eingeschlossenes Gelände ("Winkel"), in dem der Schnee länger als in dieser Gegend üblich liegen blieb. Der "Attenhausener Grund" zieht sich durch den Wald. Seinen zungenartigen und schmalen nördlichen Ausläufer nennt man "Schmatzenberg". Er reicht bis Rottenegg. Ist der "Schmatzenberg" ein Berg, der Schmatzgeräusche von sich gab, auf dem man gerne schmatzte oder küsste? Denn auch das kann "schmatzen" im Bairischen bedeuten. Aber so einfach ist es nicht. Sumpfiger Boden "schmatzt" unter dem, der auf ihn tritt. Dies weiß Johann Andreas Schmeller.

Wenn wir bedenken, dass der Weiler Hornlohe ganz nahe liegt, ist diese Erklärung sinnvoll. "Hornlohe" bedeutet "sumpfige, kotige Senke ("Loch"). Schmeller weiß noch mehr: Stockschmatzen, so schreibt er, seien Stöcke gefällter Bäume, die unter dem Schnee liegen geblieben sind (auch der nahe Schneewinkel verweist auf eine schneereiche Gegend) und zu Klafterholz verarbeitet würden. .Schmatzen seien aber auch das "was geschlagen, gehaut werden soll oder zum Hauen oder Schlagen dient". Die Theorie vom sumpfigen Boden, der, wenn man darauf tritt, "schmatzt", scheint mir - auch wegen der Nähe zu Hornlohe - die überzeugendste. Sinn ergäben auch die anderen Erklärungsversuche. Der "Haselriedwald" ist der südliche Ausläufer des Attenhausener Holzes. Bei den Namen "Haselried" denkt man an eine Rodung (Ried) im Wald, in dem viele Haselnussstauden wuchsen. Eine Verwechslung mit "Hasen" ist nicht ausgeschlossen.

Zum Autor: Reinhard Haiplik (64) ist Verfasser zahlreicher heimatkundlicher Schriften und Bücher, im PK hat er unter anderem Serien über "Geheimnisvolle Plätze in unserer Heimat" und "Ungewöhnliche Ortsnamen" veröffentlicht.
Reinhard Haiplik
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