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"Das Sterben läuft nebenbei": Altenpfleger berichten, warum sie Senioren oft nur noch abfertigen

Pfaffenhofen
erstellt am 13.09.2018 um 11:12 Uhr
aktualisiert am 22.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Pfaffenhofen (PK) Pflegekräfte im Landkreis Pfaffenhofen reden Klartext: Wie ihre Arbeit immer mehr zur "Abfertigung" verkomme oder wie sie sich von immer mehr Dokumentation gegängelt fühlen. Der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands Pfaffenhofen, Michael Waller, spricht von einer "Spirale nach unten". Er beobachte zudem, dass immer mehr Pflegekräfte krank würden.
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Mit Würde will jeder im Alter behandelt werden. Das ist aber unter den aktuellen Bedingungen oft kaum noch möglich, sagen Pflegekräfte aus dem Landkreis Pfaffenhofen. Sie berichten aus einem Berufsalltag, in dem das Wohl der Alten zu Gunsten von Dokumentationen in den Hintergrund rückt.
Mit Würde will jeder im Alter behandelt werden. Das ist aber unter den aktuellen Bedingungen oft kaum noch möglich, sagen Pflegekräfte aus dem Landkreis Pfaffenhofen. Sie berichten aus einem Berufsalltag, in dem das Wohl der Alten zu Gunsten von Dokumentationen in den Hintergrund rückt.
Foto: dpa/Archiv
Pfaffenhofen
Besonders schlimm ist es für Altepflegerin Berta Müller (Name geändert), wenn viele Kollegen ausfallen. Dann leistet sie eine Sechs-Tage-Woche nach der anderen, oft auch mit neuen Mitarbeitern, denn die Fluktuation bei Pflegekräften ist in ihrem Haus genauso hoch wie überall, sagt sie. Entspannen kann sie dann gar nicht mehr. "Man sitzt zuhause und wartet auf den Anruf." Und der kommt oft. Müller ist eine von mehreren Altenpflegern aus Häusern im gesamten Landkreis Pfaffenhofen, die sich gegenüber unserer Zeitung zu den Problemen in ihrem Beruf geäußert haben - anonym, weil sie sonst um ihren Job fürchten müssten, erklären sie.

"Viele Kollegen sind fix und fertig", sagt Müller."Ich schätze, dass 80 Prozent kurz vor dem Burnout stehen." Viele Junge hätten bereits den Job gewechselt, sagt eine andere Pflegekraft. Sie selbst sage oft Verabredungen am Abend wieder ab, "man ist nach dem Dienst zu nichts mehr fähig".

Waller, der bei seiner Arbeit als Rohrbacher Hausarzt viel in Kontakt mit Pflegekräften aus dem Landkreis kommt, hat ebenfalls eine Verschlechterung ausgemacht: Überall sei die Belastung hoch, "zudem steigt die Zahl der Pflegekräfte, die krank werden." Zwar habe es wegen der harten körperlichen Arbeit immer beispielsweise Rückenbeschwerden gegeben, aber mittlerweile sei vor allem eines auffällig: "Immer mehr Pflegekräfte werden aufgrund der psychischen Belastung krank."

Wie die sich aufbaut, berichtet Greta Sander (Name geändert) aus ihrem Alltag: Oft seien sie und ihre Kollegen so unter Zeitdruck, dass für Tätigkeiten wie Essen Eingeben kaum Zeit bleibe. Es komme öfter vor, dass Senioren dann parallel gefüttert würden, schließlich steht noch die Versorgung der Wunden des Bettnachbarn an und in den anderen Zimmern warten viele andere Bewohner auf die Pflegekraft."Ich habe auch schon gesehen, dass Essen wieder abgeräumt wurde, ohne dass die Bewohner es angerührt haben, weil eben die Zeit fehlte." Da verliere man auch schon mal die Nerven gegenüber den Alten, etwa, wenn sie kurz hintereinander Hilfe beim Toilettengang erbeten. "Man reagiert gereizt und fühlt sich später schlecht", sagt Sander.

Ein strukturelles Problem sei außerdem, dass für Menschen mit niedrigem Pflegegrad oft sehr viel mehr Zeit benötigt werde als vom Gesetzgeber vorgesehen. "Wenn wir dann zu den Schwerstfällen kommen, muss alles plötzlich ganz schnell gehen." Gerade bei Demenzkranken gebe es sehr oft Probleme, die einfach Zeit kosteten - das fange schon bei kleinen Alltäglichkeiten wie dem Waschen an. Die Zeit fehle dann für andere Dinge.

Zum Beispiel für etwas, über das nur selten gesprochen wird: Die Sterbebegleitung. "Natürlich haben wir oft eine sehr enge Beziehung zu den Bewohnern und haben sie gern", sagt die Altenpflegerin Gudrun Fink (Name geändert). Schließlich verbringen manche Bewohner Jahrzehnte in der Einrichtung. Dass man sie dann auf ihrem letzten Weg begleiten wolle, das sei selbstverständlich. Aber die Realität, so Fink, sieht anders aus. "Meist sterben die Bewohner allein." Denn sobald man merke, dass es zu Ende gehe, fehle einfach die Zeit, regelmäßig ins Zimmer zu gehen. Dass man den Moment miterlebe und den Sterbenden würdevoll begleiten könne, sei da nur noch Zufall. Fink kommt zu einem bestürzendem Fazit: "Das Sterben läuft nebenbei."

Besser, da sind sich die Pfleger sicher, würde es nur, wenn mehr qualifiziertes Personal zur Verfügung stehe. Und damit meine sie nicht Fachkräfte, die aus dem Ausland hergelockt werden und kein Wort Deutsch sprechen, so Müller. "Oft werden Hilfskräfte ohne Ausbildung eingestellt, die Bewohner beschweren sich dann und sie gehen bald wieder."

Mit dem Problem beschäftigt sich die Politik seit Jahren. Anfang August hat das Bundeskabinett als Sofortprogramm beschlossen, im kommenden Jahr 13000 neue Stellen in der Altenpflege zu schaffen. Die dürften auch dringend gebraucht werden, glaubt man der gerade erst veröffentlichten Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, laut der vor allem im Freistaat künftig immer mehr alte Menschen Hilfe brauchen werden. Für das Jahr 2035 sagen die Wissenschaftler eine halbe Million Pflegebedürftige voraus.

Für den Mediziner Waller ist eine Aufstockung des Personals trotzdem nur ein Teil der Lösung. "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt er. "Wir müssen aber vor allem die Dokumentation herunterfahren und die Pflegekräfte wieder ihre Arbeit machen lassen." Alles und jeder Handgriff werde mittlerweile dokumentiert. "Ich fühle mich schon terrorisiert von der Bürokratie", sagt Fink. Auch, was die vorgeschriebenen Abläufe angehe. Oft komme es zu skurrilen Situationen: So müsse zum Beispiel ein Arzt sein Okay geben, bevor die ausgebildete Fachkraft einem Bewohner Wundsalbe geben darf. "Manchmal erreichen wir dann erst keinen Arzt und dürfen dann die Salbe erst später auftragen, das kostet wieder viel Zeit, die wir so dringend für die Bewohner bräuchten." Deshalb wünscht sich Waller auch, den Pflegekräften mehr Verantwortung zu überlassen und die Dokumentation herunterzufahren. "Wenn etwas richtig läuft, wozu brauche ich dann Dokumentation? Man könnte doch auch nur die Auffälligkeiten dokumentieren, damit die nächste Schicht Bescheid weiß." Davon, so Waller, hätten dann vor allem die Menschen etwas.
 

WIE IST DIE PERSONALLAGE IM LANDKREIS?

Wie schlimm ist die Lage wirklich? Eine offizielle Datensammlung über Fluktuation und offene Stellen offen im Pflegebereich  gebe es nicht, so das Bayerische Gesundheitsministerium auf Anfrage. 
Im Wolnzacher Haus der Generationen sucht man aktuell einen Krankenpfleger, außerdem ist eine Auszubildenden-Stelle  für Altenpfleger offen.  Es gebe  wie in anderen Häusern auch Probleme,  Personal zu finden, so Einrichtungsleiter  Andreas Röhrich.    Er weist zudem auf ein anderes Problem hin. In seiner Einrichtung gebe es fünf Personen aus dem EU-Ausland, die dort als Fachkräfte ausgebildet wurden, hier aber nur als Hilfskräfte arbeiten, weil ihr Anerkennungsverfahren von der Regierung von Oberbayern noch nicht abgeschlossen worden sei. „Das dauert neun Monate bis ein Jahr“, kritisiert Röhrich. 
 
Vergleichsweise gut zurecht kommen laut Geschäftsführer Christoph Hofmann die Novita Seniorenzentren die es  im Landkreis Pfaffenhofen in Reichertshofen, Baar-Ebenhausen und Hohenwart gibt. „Natürlich spüren auch wir den Personalmangel“, sagt er. Konkrete Zahlen zu Fluktuation unter den Beschäftigten oder offenen Stellen will er nicht nennen, „das ändert sich von heute auf morgen“. Die angekündigten 13 000 neuen Stellen in der Altenpflege allerdings hält er für „absolut überfällig“.
 
Beim Caritas-Altenheim St. Emmeran in Geisenfeld verweist man direkt an die Pressestelle. „In unseren Altenheimen ist die Fluktuation sehr gering“, sagt Sprecher Robert Seitz. „Wenn allerdings jemand geht, ist es zunehmend schwer, die Stelle zu besetzen.“ Seitz begründet das mit der guten wirtschaftlichen Lage in der Region. Im Geisenfelder Heim St. Emmeran sind demnach zehn Prozent der Plätze nicht belegt, weil das Personal fehle, so Seitz. 
 
Ganz anders läuft es  laut eigener Aussage beim Altenheim St. Franziskus in Pfaffenhofen. „Wir sind bei der Debatte außen vor“, so  Pflegedienstleiterin Stefanie Keil. Zwar würden immer Stellen ausgeschrieben, falls jemand wechseln sollte, doch ein Problem gebe es nicht: „Wir sind aktuell sehr gut aufgestellt.“ Wechsel in andere Häuser gebe es nur aus triftigen Gründen, „wenn jemand zum Beispiel umzieht“, so Keil. „Viele Mitarbeiter sind seit Jahrzehnten bei uns.“  
 
Desiree Brenner
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