Dienstag, 20. November 2018
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Frau wollte keine 500 Euro für das Öffnen der Türe zahlen - und landet samt ihrer Tochter im Krankenhaus

Schlüsseldienstler würgt Mieterin

Pfaffenhofen
erstellt am 13.06.2018 um 18:08 Uhr
aktualisiert am 17.06.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Pfaffenhofen (PK) "Das ist man gekommen, um was Gutes zu tun", sagt der Angeklagte, "und dann passiert einem so was." Gutes tun, das ist für den Schlüsseldienstmann, eine Wohnungstür zu öffnen und dafür 500 Euro zu kassieren. "So was" - das war eine Rauferei, in deren Verlauf er die ausgesperrte Mieterin bis zur Ohnmacht würgte und sie und ihre Tochter krankenhausreif schlug. Jetzt wurde ihm der Prozess gemacht.
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Das Verfahren wirft ein Licht auf die Schlüsseldienst-Mafia, gegen die die Kripo seit Jahren bundesweit ermittelt, die Hintermänner aber nicht fassen kann. Im konkreten Fall bekommt, erklärte der Angeklagte, der Schlüsseldienstler 35 Prozent des Rechnungsbetrags, 65 Prozent streicht der Vermittler ein. Wie dieses üble Geschäft läuft, das erlebte Angelika P., 46, (alle Namen geändert). Als sie vor eineinhalb Jahren abends gegen 20 Uhr nach Hause kam, stellte sie fest, den Hausschlüssel in der Wohnung vergessen zu haben. Mit dem Handy googelte sie nach einem Schüsseldienst vor Ort und wählte eine Service-Nummer. Dass sie mit einem Vermittler irgendwo in der Republik verbunden war, konnte sie nicht ahnen. Wo genau diese Zentrale ist, konnte auch der Angeklagte dem Gericht nicht sagen. Düsseldorf vielleicht, vermutet er. Was denn das kosten würde, fragte Angelika P. Für die Anfahrt 35 Euro, wurde ihr gesagt, und 25,50 Euro pro angefangener Viertelstunde. Ein überschaubarer Preis.

Nach 20 Minuten fuhr der Handwerker vor, und Angelika P. wunderte sich über sein Augsburger Kennzeichen. Deshalb fragte sie noch einmal nach dem Preis. Michael S., 41, holte eine Preisliste hervor. So zwischen 400 und 500 Euro, erklärte er. Bitte? Was die Zentrale am Telefon für Preise nenne, das interessiere ihn nicht, sagte Michael S., er halte sich an seine Liste. Für das Geld bekämen sie ja eine neue Tür, sagte Marie P., die 17-jährige Tochter. Ihre Mutter war bereit, die Anfahrtskosten zu zahlen, und dann möge er bitte gehen. Das reichte dem Schlüsseldienstler nicht. Er forderte zusätzlich 90 Euro "Stornogebühren". Und wenn sie die nicht zahle, erstatte er Anzeige. Angelika P. rief bei der Polizei an. Das sei eine zivilrechtliche Angelegenheit, beschied man ihr, und sie solle sich Name und Adresse notieren.

Ab jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Michael S., so die Anklage, soll die 17-Jährige die Treppe hinunter geschubst haben. Sie verletzt sich, ihre Mutter kommt ihr zu Hilfe, der Handwerker packt sie, drückt sie gegen die Hauswand und würgt sie mit beiden Händen, bis sie zusammensackt. Ehe sie zu Boden geht, versetzt er ihr einen Schlag, sie fällt zur Seite. Ihre Tochter will ihr helfen, geht auf Michael S. los, tritt gegen seine Beine. Sie glaubt, sagt sie als Zeugin, dass der Angreifer ihre Mutter umbringen wollte. Der packt auch sie und schlägt ihr zweimal, so steht es in der Anklageschrift, mit der Faust ins Gesicht. Dann geht er ins Haus, um seinen Werkzeugkoffer zu holen, kommt zurück und soll dabei Angelika P., die sich kauernd aus ihrer Ohnmacht gerade hochrappelt, mit Wucht den Koffer gegen die Schulter geschlagen haben, so dass ihr Arm schlaff herunterhängt. Dann soll er sie zweimal in den Bauch getreten haben. Marie will dazwischen gehen und fängt sich ebenfalls Tritte in den Bauch und das Gesäß ein. Inzwischen beschwert sich die Nachbarin, ihr Baby könne wegen des Lärms nicht schlafen.

Geistesgegenwärtig hat Angelika P. mit ihrem Handy den Beginn der Auseinandersetzung als kurzes Video aufgenommen, das Amtsgerichtdirektor Konrad Kliegl jetzt im Gerichtssaal abspielt. Die handelnden Personen sind, weil alles wackelt, kaum zu erkennen, dafür aber sind aufgeregte, sich überschlagende Stimmen zu hören. "Bitte gehen Sie", hört man die Mutter rufen, "bitte gehen Sie." "Wer sind Sie denn überhaupt?", schreit Marie, und dann: "Ja spinnen Sie denn komplett?" Keuchender Atem. Marie entsetzt panisch kreischend: "Was machen Sie da mit meiner Mutter?" Das Bild wird jetzt noch verwackelter, man hört, wie die keuchenden Beteiligten miteinander ringen, dann wird das Bild schwarz. Wohl der Zeitpunkt, an dem Angelika P. mit ihrem Handy ohnmächtig zu Boden gesunken ist. Der Notarzt wird gerufen und die Polizei, die jetzt ausrückt.

Der Angeklagte, groß, stämmig, ein Bär von einem Mann, sagt, so stimme das überhaupt nicht. Er habe einfach nur gehen wollen, aber dann sei er festgehalten worden, und deshalb habe er sich versucht zu befreien. Niemals habe er gewürgt, und auch nicht mit dem Koffer geschlagen. Er sei auch verletzt worden. Ob er es gewesen sei, fragt ihn der Richter, der Angelika P., als sie zwei Nächte im Ingolstädter Klinikum lag, auf ihrem Handy angerufen und bedroht habe. Sie solle "die Füße ruhig halten", weil auch der Schlüsseldienstler gegen sie wegen Körperverletzung Anzeige erstatte. Nein, sagt Michael S., das sei er nicht gewesen. Tatsächlich hat er Anzeige erstattet, die aber wegen "nicht objektivierbarer Verletzungen" nicht weiter verfolgt wird.

Im Zeugenstand bricht Angelika P. schon nach wenigen Minuten in Tränen aus. Schluchzend wendet sie sich an den Angeklagten: "Warum sind Sie nicht einfach gegangen, als ich sie darum gebeten habe? Warum?" Sie weint, ihre Hände zittern. Ein halbes Jahr habe sie sich nicht in den Keller getraut, sie habe Angstträume. Als Kliegl ihr das Video vorspielen will, hält sie sich erst schluchzend die Augen, dann die Ohren zu und geht in die Knie. Der Richter bricht ab. Auch die 17-Jährige lässt das Geschehene nicht los: Sie weint, sie erklärt, sie habe Todesangst um ihre Mutter gehabt. Und zum Angeklagten sagt sie unter Tränen: "Diese Angst wünsche ich noch nicht einmal Ihnen, Herr S." Die Fotos, die noch im Krankenwagen von den Verletzungen gemacht wurden, sehen erbarmungswürdig aus: Hämatome, geschwollene Gesichtshälften, Würgemale. Michael S. ist wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Das setzt unter anderem voraus, dass er ein wie auch immer geartetes Werkzeug zu Hilfe genommen hat. Mindeststrafe dann: sechs Monate Haft. Deshalb versucht sein Anwalt, das Gericht von einer einfachen Körperverletzung zu überzeugen und beruft sich dabei auf den Gutachter, einen Rechtsmediziner, der aus München angereist ist. Das Würgen, sagt er aufgrund der Indizien, sei keine "das Leben bedrohende Handlung" gewesen, das Opfer sei nicht in Bewusstlosigkeit gefallen, sondern nur ohnmächtig geworden, der Schlag mit dem Koffer kann auch nur ein unabsichtlicher Rempler gewesen sein, und selbst ein Fußtritt muss nicht unbedingt eine gefährliche Körperverletzung sein. Während die Staatsanwältin die durchaus als gegeben ansieht und eine Haftstrafe von 15 Monaten zur Bewährung fordert, sieht Kliegl nur eine vorsätzliche Körperverletzung. Sein Urteil: Sechs Monate Haft, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Außerdem muss der Angeklagte an seine Opfer 2500 Euro Schmerzensgeld in fünf Raten zahlen, damit er in den fünf Monaten über seine Tat nachdenken kann, so Kliegl. Das hat Michael S. schon getan: Er fährt jetzt lieber Lkw.


 
Albert Herchenbach
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